Zürcher rettet über 3000 Schnecken

Peter Müller suchte verzweifelt neuen Lebensraum für die seltenen Schnecken aus seinem Garten. Jetzt sind die ersten umgezogen – und haben für eine Überraschung gesorgt.

«Toll, zu wissen, dass es auch tatsächlich funktioniert»: Peter Müller setzt eine Schnecke aus. Video: Lea Blum

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Peter Müller ächzt, das Kreuz tut ihm weh. Schon den zwölften Tag in Folge kniet der Zoologe in seinem Garten zwischen braunen Blütenständen und Gräsern und dreht Steine um. Mit der Pinzette drückt er ein paar Halme zur Seite und fasst vorsichtig eine wenige Millimeter grosse Schnecke, lässt sie in seine Handfläche fallen und dann in eine mit Küchenpapier ausgelegte Plastikbox.

Auf 400 Stück hatte er die Population von Zebraschnecken, lateinisch Zebrina detrita, auch Märzenschnecke, Weisse Turmschnecke oder Kaiserstuhlschnecke genannt, in seinem Garten geschätzt. Doch jetzt zählt er schon das 3000. Tier. «An manchen Stellen gehe ich schon zum vierten Mal durch und finde immer noch neue», sagt er. Die Plastikboxen mit den blauen Deckeln, auf denen Müller akribisch die Anzahl enthaltener erwachsener, halbwüchsiger und junger Schnecken vermerkt, stapeln sich im Schatten des Einfamilienhauses an der Witikonerstrasse.

Volle Konzentration: Peter Müller setzt jede einzelne Schnecke mit der Pinzette aus. Foto: Dominique Meienberg

Thomas Marty und Melissa Dietze, beides spezialisierte Gärtner, unterstützen Müller. Sie graben Esparsette, Mauerpfeffer, Flockenblumen, aufrechten Ziest und Nelken aus, packen die Wurzelballen in Töpfe und stapeln sie in den Transporter, der in der Einfahrt steht. Obendrauf kommen Müllers Boxen mit den Schnecken. Dann geht die Reise los – nach Neerach im Glattal. Denn im Garten – er gehört Müllers Schwiegereltern – wird es bald ungemütlich für die Tiere. Das Haus wird verkauft, die artenreiche Trockenwiese, die Müller hier angelegt hat, soll vermutlich zurück in einen Rasen verwandelt werden.

Bis Ende Oktober hatte Müller Zeit, ein neues Zuhause für die Schnecken zu finden. Die Suche war schwierig. Und das, obwohl Müller auf seltene Schneckenarten spezialisiert ist und jahrelang am Inventar der seltenen Trockenwiesen im Kanton gearbeitet hat. Mithilfe des Vereins Hot Spots, der sich für die nächsten Jahre dem Schutz dieser Tiere verschrieben hat, mit Müllers Kontakten bei der Fachstelle Naturschutz des Kantons Zürich und auch dank einem Aufruf in dieser Zeitung fand Müller schliesslich gleich mehrere Plätzchen: Die grösste Fläche ist ein frisch gestalteter Deponie-Standort in Neerach.

Ein feines kleines Schnecklein

Die Zebraschnecke ist eine von rund 200 in der Schweiz heimischen Schneckenarten, von denen die Hälfte als gefährdet gilt. Auch ausgewachsen ist sie ein kleines Tier. Mit einem graubraunen, feingliedrigen Körper, das cremefarbene Häuschen maximal 2,5 Zentimeter lang, manchmal mit dunklen Längsstreifen verziert.

Zebrina detrita hat eine für Schnecken ungewöhnlich starke Vorliebe für Wärme und Sonne, und sie ist sehr selten, selbst in Naturschutzgebieten. Sie braucht offene Stellen am Boden, die Hälfte der Fläche oder mehr. Auch sandige Magererde und lockeren Sand braucht sie, um sich zum Schutz vor Austrocknung oder Frost eingraben zu können. In der Stadt Zürich wurde sie 1951 im heutigen Irchelpark nachgewiesen, der letzte bekannte Standort in der Stadt: Müllers Garten.

Im Schatten der Fensteröffnung stapeln sich die Boxen mit Hunderten von Schnecken. Foto: Lorenzo Petrò

Vor einigen Jahren hatte Müller mit zwei seiner Kinder die Trockenwiese angelegt. Mit dem Veloanhänger Hunderte Kilo Kies und Steine vom Bachbett des nahen Elefantenbachs heraufgekarrt. Die Schnecken, damals eine Handvoll Tiere, las Müller an einer Autobahnböschung zusammen.

«Toll, zu wissen, dass meine Tipps für Wiederansiedlungen auch tatsächlich funktionieren.»Peter Müller

Müller wirft einen Blick zurück auf das umgewühlte ehemalige Paradies. Der Schneckenexperte kann der Sache auch etwas Positives abgewinnen, er weiss jetzt eines mit Sicherheit: Aus wenigen Exemplaren sind in seinem Garten in wenigen Jahren mehrere Tausend geworden. «Toll, zu wissen, dass die Tipps, die ich für die Wiederansiedlungen gebe, auch tatsächlich funktionieren.»

Paradies auf Bauschuttdeponie

Kurz nach dem Mittag erreichen Müller, Dietze und Marty im Transporter Neerach. Der Ersatzstandort liegt in einer leichten Senke zwischen dem idyllischen Dorf im Glattal und der Gemeinde Stadel. Hier lagert Brennholz, unter einer Baumgruppe hat sich jemand einen Fischteich angelegt.

Auf einer Fläche, mehr als zehnmal so gross wie Müllers Garten, wechseln sich Kies, Sandflächen, Schotter und Kalksteinhaufen ab. Grosse Blöcke aus rotem Porphyr ragen hier und dort auf. Für die seltene Schwarze Mörtelbiene, die hier nisten soll. Auch sie profitiert von den Pflanzen, die Müller und seine Helfer mitgebracht haben und die sie nun rund um die Sand- und Steinlinsen in den Boden setzen.

Hat Platz auf einem Fingernagel: Ein Exemplar der vom Aussterben bedrohten Zwergheideschnecke. Foto: Dominique Meienberg

Die Fläche auf einer ehemaligen Deponie ist im Besitz des Tiefbauamts und wurde die vergangenen Monate als Zwischenlager für belastetes Material einer nahen, in Sanierung befindlichen Deponie genutzt. Als Kompensation für diese Nutzung hat sich der Deponiebesitzer bereit erklärt, den Standort im Anschluss für den Naturschutz aufzuwerten. Dank Müllers Kontakten nicht nur für gefährdete Reptilien und Wildbienen, sondern auch für Trockenwiesenschnecken wie die aus seinem Garten.

Vom Aussterben bedroht

Bevor Müller die Boxen mit den Zebraschnecken aus dem Transporter holt, greift er zu einem grossen schwarzen Plastiksack und verteilt den Inhalt über die frisch gesetzten Pflanzen. «Schneckenfutter», sagt er, «damit die Tiere hier in den nächsten Wochen nicht verhungern.» Es ist Pflanzenschnitt aus seinem Garten, Stiele und Blätter, an denen sie gern knabbern, wie er weiss.

Dann setzt Müller seine Schnecken, eine nach der anderen, mit der Pinzette rund um die frisch gesetzten Pflanzen ab: 28 Erwachsene, 13 Halbwüchsige, 398 Jungtiere. Und dann noch 94 Zwergheideschnecken, Xerocrassa geyeri. Sie sind nicht nur gefährdet, sondern in der Schweiz vom Aussterben bedroht. Auch sie haben sich in Müllers Garten in Zürich gut gehalten.

Eine Zebraschnecke, eben ausgesetzt in ihrer neuen Heimat. Foto: Dominique Meienberg

Der Schneckenspezialist hofft, dass sich beide Arten am neuen Standort wohlfühlen. Zur Sicherheit bringt er einen Teil der 3000 Tiere an weiteren Standorten unter. Zwei bis drei Flächen im Kanton Thurgau, eine in der Gemeinde Herdern und noch diese Woche an einer Kiesböschung auf dem Areal der Epi-Klinik an der Stadtgrenze zu Zollikon. Die Zebraschnecke bleibt der Stadt Zürich also erhalten, auch wenn in Witikon die Bagger auffahren.

Erstellt: 31.10.2019, 11:00 Uhr

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