Zürcher Toxikologen im Stress wegen Pilzschwemme

Heute ist die Schonzeit für Pilze im Kanton Zürich vorbei. Weil derzeit so viele wachsen wie schon lange nicht mehr, häufen sich Unfälle deutlich.

Taucht in Zürich zurzeit massenhaft auf und kann Übelkeit verursachen, wenn man sie nicht richtig zubereitet: Die Nebelkappe. Bild: Wikipedia

Taucht in Zürich zurzeit massenhaft auf und kann Übelkeit verursachen, wenn man sie nicht richtig zubereitet: Die Nebelkappe. Bild: Wikipedia

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Es ist eine brutale, aber zuverlässige Formel: Ein gutes Pilzjahr ist bei Tox Info Suisse ein schlechtes Pilzjahr. Während die spezialisierten Ärztinnen und Ärzte von der Zürcher Freiestrasse zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr erst 432 Anrufe wegen tatsächlicher oder vermuteter Pilzvergiftungen registrierten, sind es dieses Jahr schon 665. Das ist eine Zunahme von über 50 Prozent – und ein deutliches Indiz, dass es ordentlich spriesst draussen in den Wäldern und Wiesen.

Auf einen anstrengenden Herbst hat sich auch Ferdinand W. Uehli eingestellt, der Leiter der Zürcher Pilzkontrolle. Heute Mittwoch endet nach zehn Tagen die kantonale Schonzeit für Pilze (siehe Kasten rechts), und er muss davon ausgehen, dass die Sammler erneut in Scharen in den Wald ausschwärmen werden. Zuletzt haben Uehli und seine Leute jeweils Überstunden geleistet. Es sind täglich bis zu 25 Sammler zur Kontrolle gekommen, mit auffällig gut gefüllten Körben. Das sind etwa viermal mehr als an normalen Tagen.

Ein Pilz mit zweifelhaftem Ruf

Warum es so viele sind, weiss Erich Bleiker, der zusammen mit seiner Frau Alice seit Jahren für den Schweizer Verbreitungsatlas der Pilze Zürich und den Uetliberg durchkämmt. «In den letzten 14 Tagen gab es massenhaft Pilze – so viele wie seit Jahren nicht mehr», sagt er. Das liege daran, dass es regelmässig auf die noch warmen Böden geregnet habe, aber nicht zu stark.

«In den letzten 14 Tagen gab es massenhaft Pilze – so viele wie seit Jahren nicht mehr»Erich Bleiker, Zürcher Pilzexperte

Das mögen offenbar speziell jene Pilze, die in grossen Ringen und Reihen wachsen. Dazu gehört laut Bleiker zum Beispiel die Nebelkappe, die als Speisepilz allerdings einen zwiespältigen Ruf hat. «Beim Kochen hat sie einen widerlichen Geruch, und wenn sie gehäuft bei der Pilzkontrolle auftaucht, wird einem fast übel», sagt er. Dass sie trotzdem gesammelt wird, liege daran, dass sie besonders von älteren Italienern und Tessinern durchaus geschätzt werde. Diese hätten sie Ende September haufenweise zur Kontrolle in Zürich gebracht. Am letzten Tag vor Beginn der Schonfrist wurden dort 53 Kontrollscheine ausgefüllt für mehr als 100 Kilogramm Pilze – essbare und andere.

Gefährliche Fälle sind selten

Gut möglich, dass der eine oder andere Notruf bei Tox Info Suisse auf eine Nebelkappe zurückzuführen ist: Wenn sie falsch zubereitet wird, kann sie Übelkeit auslösen. Das ist das häufigste Symptom, das die Vergiftungsexperten zu hören bekommen, wie die leitende Ärztin Christine Rauber sagt: Die Familie hat gerade gemeinsam ein Pilzgericht gegessen, plötzlich muss sich jemand übergeben und man wird nervös. Oft seien es Leute, die die Pilze von jemandem geschenkt bekommen hätten. Oder solche, die sich auf die vermeintliche Expertise eines Kollegen verlassen hätten.

Pilz-Quiz: Alle folgenden Pilze kommen am Zürcher Uetliberg vor. Aber sollten Sie sie auch in die Pfanne werfen?

Pilzquiz

Frage 1 von 9:

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Wirklich lebensbedrohlich sind laut Rauber aber nur Pilze, die Gifte des Typs Amatoxin enthalten – wie der berüchtigte Knollenblätterpilz. Dieser landet nur selten im Korb, weshalb Tox Info Suisse in diesem Jahr landesweit erst einen gesicherten Fall registriert hat. Zudem gibt es ein Gegenmittel. Aber weil das Gift die Leber schädigen kann und sich erst relativ spät bemerkbar macht, solle man speziell Pilze mit Lamellen unbedingt von Profis kontrollieren lassen, sagt Rauber.

Was Laien beachten sollten

Weil es zurzeit so viele Pilze gibt, dass man fast zwangsläufig darüber stolpert, wenn man nach draussen geht, hat Kontrolleur Uehli immer wieder mit Novizen zu tun, die einfach mal zugegriffen haben. Diese würden bisweilen planlos eine Papiertüte füllen und ihm den Inhalt dann auf den Tisch kippen. So solle man es nicht machen. «Man darf nur sammeln, was man kennt», sagt Uehli. «Ist man unsicher, bringt man erst mal nur ein, zwei Exemplare zur Bestimmung.» Auch wenn es im akuten Pilzfieber schwerfallen mag, eine vermeintliche Goldgrube anderen zu überlassen. Zudem sollte man die Pilze nach Art sortiert vorbeibringen, um den Kontrolleuren die Arbeit zu erleichtern. Genug zu tun haben sie diesen Herbst ohnehin.

Erstellt: 11.10.2017, 10:59 Uhr

Umstrittene Schonzeit

Nicht alle Kantone kennen eine Schonzeit für Pilze – Zürich schon. Hier müssen sich Sammler die ersten zehn Tage jedes Monats im Zaum halten. Die Regelung ist umstritten, weil Untersuchungen der eidgenössischen Forschungsanstalt WSL nicht nachweisen konnten, dass Schontage für die Population der Pilze von Vorteil ist. (Das, was wir als «Pilze» bezeichnen und sammeln, sind nur die Fruchtkörper von unterirdischen wachsenden Pilzgeflechten – ähnlich wie die Äpfel eines Apfelbaumes.)

Trotzdem hat es die Zürcher Kantonsregierung kürzlich abgelehnt, vom System mit den Schontagen abzurücken. Sie begründete dies unter anderem damit, dass so der allgemeine Nutzungsdruck auf die Wälder verringert werde. Pilzesammler seien die grösste Gruppe, die abseits der Waldwege unterwegs sind. Indem man die Sammelzeit beschränke, schone man Flora und Fauna.

Der Kantonsrat ist damit nicht einverstanden. Es forderte die Regierung auf, im Rahmen der laufenden Revision des kantonalen Jagdgesetzes neue Regeln zu prüfen, die einen Verzicht auf die Schontage erlauben. In jener Fassung des Gesetzes, die im April in die Vernehmlassung ging, fanden sich dazu allerdings keine Bestimmungen. Ob sich daran noch etwas ändert, wird sich erst zeigen, wenn die Regierung die überarbeitete Fassung dem Parlament unterbreitet. (hub)

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