Unterland als Atomendlager nicht aus dem Schneider

Die Nagra hatte das Zürcher Unterland als Standort für ein Tiefenlager zurückgestellt. Jetzt zeigt sich, dass die Region keineswegs aufatmen kann.

Der Stadlerberg erhebt sich mitten im Gebiet, das für ein Endlager nun wieder infrage kommen könnte.

Der Stadlerberg erhebt sich mitten im Gebiet, das für ein Endlager nun wieder infrage kommen könnte. Bild: Bild: Wikimedia Commons/Tschubby

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Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) muss bei der Standortsuche für ein Endlager nochmals über die Bücher. Das fordert das Bundesamt für Energie (BFE). Konkret geht es insbesondere um den Standort Nördlich Lägern im Kanton Zürich. Das Wirtgestein Opalinuston liegt in dieser Region tiefer als an beiden anderen evaluierten Stellen im östlichen Jura und im Zürcher Weinland. Die Nagra hatte daher den Standort Lägern Nord zurückgestellt. Nun zeigt sich aber, dass das Zürcher Unterland nicht aus dem Schneider ist.

Wie das BFE mitteilt, genügt der von der Nagra erstellte technisch-wissenschaftliche Bericht nicht. Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) könne anhand der eingereichten Unterlagen nicht nachvollziehen, ob der Standort Nördlich Lägern zu Recht aus dem Evaluationsprozess ausgeschlossen worden sei oder nicht. Die Nagra muss deshalb zum Aspekt «Tiefenlage im Hinblick auf bautechnische Machbarkeit» zusätzliche Unterlagen nachliefern.

Ärger über lückenhaften Bericht

Obschon das Ensi die Prüfung der bereits vorliegenden Unterlagen weitertreibt, verzögert sich der Zeitplan der Standortsuche um sechs bis zwölf Monate. Laut BFE ist dieses Vorgehen in derart komplexen Prozessen nichts Aussergewöhnliches, weil aber die weitere Standortsuche «spürbar» verzögert wird und dies auch Auswirkungen auf die beteiligten Akteure habe, entschied sich der Bund für eine rasche und transparente Information der Öffentlichkeit.

Für Ärger sorgt der lückenhafte Nagra-Bericht aber bei der Regionalkonferenz Nördlich Lägern. Die Organisation will der betroffenen Bevölkerung Gehör verschaffen. «Die Öffentlichkeit darf darauf vertrauen, dass Experten ihre Arbeit richtig machen und vollständige Berichte einreichen», sagt Präsident Peter Lienhart. Statt zurückzulehnen, muss seine Organisation nun doch wieder in die Hosen steigen. «Wir müssen damit rechnen, dass die Region Lägern Nord wieder ins Spiel gebracht wird.» Das bestätigt BFE-Sprecherin Marianne Zünd: «Wir können dies nicht ausschliessen und wollen mit der offenen Kommunikation böse Überraschungen verhindern.»

Zürcher Regierung warnte vor Schnellschuss

Die Frage nach der maximalen Tiefenlage ist insbesondere relevant für die Beurteilung, ob das Standortgebiet Nördlich Lägern in der Etappe 3 des Evaluationsprozesses weiter untersucht wird. Laut BFE gilt grundsätzlich, dass sämtliche sechs potenziellen Standortgebiete so lange im Auswahlverfahren verbleiben, bis das Ensi die Detailprüfung abgeschlossen hat. Das letzte Wort hat der Bundesrat. Er wird voraussichtlich 2018 entscheiden, welche Regionen im Rahmen der Etappe 3 vertieft untersucht werden.

Die Nagra hat sich bisher auf den Standpunkt gestellt, dass das Gebiet Nördlich Lägern im Untergrund zu wenig Platz bietet für ein Endlager – zumindest in jener Tiefe, die die Nagra aus bautechnischen Überlegungen anpeilt. Würde man tiefer hinuntergraben als 700 Meter, wäre das Platzangebot zwar etwas grösser. Die technischen Schwierigkeiten würden dabei laut Nagra aber so gross, dass das Wirtgestein im Bereich der Lagerkammern Schaden nehmen könnte. Das würde bedeuten, dass das Gestein die Radioaktivität womöglich nicht mehr wie gewünscht zurückhält.

Aus Sicht der Optimierung der Sicherheit sei deshalb davon abzusehen, ein Lager in solchen Tiefen zu bauen – auch wenn es grundsätzlich möglich wäre. Zu bevorzugen seien die einfacher beherrschbaren Verhältnisse in einer Tiefe, die keine «extremen Anforderungen» an den Bau und den Betrieb stellen. Das Standortgebiet Nördlich Lägern sei so gesehen gegenüber den anderen Standortgebieten eindeutig im Nachteil.

Die Zürcher Regierung äusserte bereits im März Bedenken zur Eingrenzung des Entscheids auf nur zwei Standorte. Thomas Flüeler, Bereichsleiter Kerntechnik beim Kanton, warnte damals, die Nagra könnte die verfügbaren Daten überinterpretiert haben, als sie ein Endlager nördlich der Lägern um Glattfelden und Weiach ausschloss. Man dürfe ein Gebiet erst dann verwerfen, wenn man ganz sicher sei, dass weitere Bohrungen keine zusätzlichen Erkenntnisse bringen. Weil diese Bohrungen aber je rund 10 Millionen Franken kosten, musste sich die Nagra den Vorwurf gefallen lassen, dass neben der Sicherheit auch finanzielle Gründe mitspielten, als sie den Standort Nördlich Lägern zurückstellte.

Erstellt: 08.02.2016, 14:54 Uhr

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