Zürcher Wahlen: Zweikampf zwischen Freisinnigen und Grünen

Die FDP muss um ihren zweiten Regierungsratssitz zittern, wie die TA-Wahlumfrage zeigt. Die Bürgerlichen schwächen sich selbst.

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Ein 32-jähriger grüner Nerd mischt den Zürcher Regierungsratswahlkampf auf. Der Kantonsrat Martin Neukom ist überraschend gut im Rennen, wie die Resultate der TA-Wahlumfrage zeigen. Er liegt derzeit auf dem achten Rang, würde das absolute Mehr erreichen und als Überzähliger zwar knapp die Wahl verpassen. Aber der Abstand zum Siebtplatzierten, Thomas Vogel (FDP), ist klein, er beträgt nur vier Prozentpunkte.

Vogel steht nun unter Druck. Er will den zweiten Sitz der FDP verteidigen, jenen des abtretenden Gesundheitsdirektors Thomas Heiniger. Gelingt ihm das nicht, wäre das eine historische Klatsche. Die Freisinnigen waren noch nie mit weniger als zwei Sitzen in der Zürcher Regierung vertreten.

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Dass Vogels Wahl kein Selbstläufer würde, deuteten bereits die Umfrageresultate der NZZ Ende Januar an. Damals bedankte sich Vogel aber noch für diesen Weckruf. Er habe stets gesagt, die Wahlen würden nicht «easy», sagte er ins Fernsehmikrofon: «Die Umfrage gibt mir recht.» Trotzdem zeigte er sich optimistisch, erklärte das schlechte Resultat mit dem frühen Zeitpunkt der Befragung. In der Zwischenzeit sei viel passiert, zum Beispiel sein Auftritt an der Albisgüetli-Tagung der SVP. Die jüngsten Zahlen stützen seine positive Interpretation allerdings nicht: Im Vergleich zur damaligen Umfrage ist der Abstand zu Neukom sogar noch etwas gesunken.

«Wenn ich Thomas Vogel wäre, würde ich mich nicht zurücklehnen», sagt Politgeograf Michael Hermann, dessen Forschungsinstitut Sotomo die Umfrage im Auftrag des TA durchgeführt hat. Er zweifelt zwar daran, dass es am 24. März zur Sensation kommt. Denn die Umfragewerte seien relativ stabil. Dennoch seien vier Punkte ein Vorsprung, den man durchaus verlieren beziehungsweise aufholen könne.

Rickli hat sich gewandelt

Neukom profitiert vom Etikett: grün. Die Klimafrage ist virulent, Kantonsräte diskutieren über den Klimanotstand, Schüler streiken. Sein Nachteil: Er ist unbekannt, sogar noch weniger bekannt als Vogel. «Man hat Neukom die Wahl am Anfang nicht zugetraut, wäre jemand mit einer grösseren Bekanntheit in den Wahlkampf gestartet, wäre die Sensation wahrscheinlicher», sagt Hermann. Nur 52 Prozent der befragten Wählerinnen und Wähler geben an, schon einmal von Neukom gehört zu haben. Bei Vogel sind es 58 Prozent. Zum Vergleich: Die Spitze punkto Bekanntheit teilen sich SVP-Kandidatin und Nationalrätin Natalie Rickli und SP-Sicherheitsdirektor Mario Fehr mit 92 Prozent.

Natalie Rickli, die den zweiten SVP-Sitz des abtretenden Baudirektors Markus Kägi verteidigen soll, liegt in der Umfrage direkt vor Vogel und hinter den Bisherigen, die sich kaum Sorgen um ihre Wiederwahl machen müssen, auf Rang 6. Sie ist damit in der Wählergunst hinter SP-Justizdirektorin Jacqueline Fehr zurückgefallen. Gemessen an ihrer Bekanntheit, ist das ein bescheidenes Resultat. «Aber», gibt Politgeograf Hermann zu bedenken, «Rickli ist eine national bekannte SVP-Hardlinerin. Solchen Politikerinnen und Politikern gab man früher keine Wahlchancen für ein Exekutiv-Gremium.» Dass sich dies geändert hat, erklärt er sich unter anderem damit, dass die SVP-Stilfrage in diesem sehr braven Wahlkampf nie zur Diskussion stand. Zudem sei es ihr im Wahlkampf gelungen, ihren Rollenwechsel von der profilierten Parlamentarierin hin zu einer möglichen Regierungsrätin anzudeuten.

Dass Rickli hinter allen Bisherigen zurückliegt und Thomas Vogel um seine Wahl zittern muss, liegt aber auch daran, dass das bürgerliche Bündnis nicht funktioniert wie geplant. FDP-Wählerinnen und -Wähler schreiben häufiger Mario Fehr (58 Prozent) auf ihren Wahlzettel als Natalie Rickli (49 Prozent). Umgekehrt unterstützen nur 51 Prozent der SVP-Wählerschaft Thomas Vogel. Dass die Geschlossenheit am Ende wohl trotzdem ausreicht, liege vor allem an der Schwäche der Gegner. Würden sich die Verbündeten geschlossener unterstützen, könnten ihre Kandidierenden ruhiger schlafen, sagt Michael Hermann. Nur sei die Wählerschaft der bürgerlichen Parteien zu unterschiedlich, als dass sie der demonstrierten Einigkeit der Parteien einfach so folgen würden. Der bürgerliche Block sei kein richtiger Block. Rot-Grün stehe sich mit ihren Werten näher.

Galladé-Effekt bei der SP

Das stützen auch die Umfrageergebnisse. Obwohl die Linke kein Bündnis eingegangen ist, wählt die Basis geschlossener. Selbst der von Links-Grün kritisierte Mario Fehr erhält von 76 Prozent der Grünen und von 88 Prozent der Sozialdemokraten die Stimme und damit nur etwas weniger als Jacqueline Fehr (SP), die am linken Rand unbestritten ist.

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Mario Fehr gelang es im Wahlkampf, bei den Linken wieder vermehrt zu punkten. Er liegt denn auch unangefochten an der Spitze in der Wahlumfrage. 65 Prozent der Wählerinnen und Wähler wollen seinen Namen auf den Wahlzettel schreiben. «Mario is coming home», summiert Michael Hermann das Resultat. Er positionierte sich wieder etwas linker, was dazu geführt habe, dass Fehr wieder mehr SP-Stimmen, im Gegenzug dafür etwas weniger SVP-Stimmen erhält. «Bei der ersten Umfrage war die Unterstützung für ihn noch sehr ausgeglichen, jetzt ist sie wieder Mitte-links.» Ihm helfe dabei auch ein gewisser Galladé-Effekt.

Die ehemalige Nationalrätin und heutige Präsidentin des Winterthurer Schulkreises Töss, Chantal Galladé, gab Ende Februar bekannt, aus der SP aus- und den Grünliberalen beizutreten. Dieser Entscheid so kurz vor den Zürcher Wahlen sorgte für einige Unruhe. «Dieser Schritt hat die SP eher geeint, man will wieder Sorge zueinander tragen.»

Erstellt: 11.03.2019, 21:58 Uhr

So wurde ausgewertet

Das Forschungsinstitut Sotomo hat im Auftrag des TA diese Wahlumfrage durchgeführt. Die Befragungen fand zwischen dem 27. Februar und dem 5. März auf der TA-Website und dem Online-Panel von Sotomo statt. Die Antworten von 4215 Stimmberechtigten konnten für die Auswertung verwendet werden. Nach der Erhebung wurden die Daten nach räumlichen, soziodemografischen und politischen Merkmalen gewichtet, um eine hohe Repräsentativität der aktiven Stimmbevölkerung zu erhalten. (sip)

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