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Zürich, die Seerosenstadt

Die Stadtzürcher haben dem Kunsthaus mit 54 Prozent Ja zugestimmt. Dem Geschäft hatte man mehr zugetraut, schliesslich sieht es nicht aus wie ein Hafenkran.

Die 53,9 Prozent Ja zur Kunsthaus-Erweiterung sind genau der Wert, mit dem Kulturvorlagen in der Stadt Zürich im Minimum abschneiden. Landesmuseum, Filmstiftung, Schauspielhaus/Schiffbau oder Theaterhaus Gessnerallee kamen in den letzten Jahren alle auf 53 bis 54 Prozent Zustimmung. Dennoch hatte man dem Kunsthaus mehr zugetraut.

Das Kunsthaus ist mit durchschnittlich 300'000 Besuchern pro Jahr das beliebteste Kulturhaus der Stadt, wenn nicht gar des Landes. Etwa ein Drittel der Einheimischen besucht es regelmässig. Alle grossen Parteien ausser der SVP waren für die 88-Millionen-Investition und fast die gesamte Kultur- und Wirtschaftsprominenz warb mit ihren Namen. Sogar die Hoteliers schalteten Inserate.

Vom verdoppelten Kunsthaus versprechen sich eben alle etwas: mehr Kulturtouristen, mehr Hotelgäste, mehr Standortvorteile, mehr Kunst und dank der Sammlung Bührle drei statt zwei der riesigen Seerosenbilder. Erleichternd kam hinzu, dass die private Kunstgesellschaft den gleichen Betrag wie die Stadt beisteuert. Hätten FCZ und GC auch so spendable Gönner, sie hätten längst ihr Fussballstadion.

Doch genau diese Erwartung auf einen lockeren Erfolg half den Gegnern. Die Abstimmungszeitung des Stadtrates trat auf als Minimal Art und liess Fragen offen, die zu einem Stimmrechtsrekurs führten und die von den Alternativen genüsslich ausgekostet und wiederholt wurden. Der Rekurs ist jetzt zwar vom Tisch und die Stadtpräsidentin konnte offene Fragen nachträglich klären, doch dürften diese Unstimmigkeiten einige unentschiedene Stimmberechtigte zum Nein bewogen haben.

Ob knapp oder klar – fürs Kunsthaus zählt einzig das Ja. Es bestätigt das künstlerische Konzept am Heimplatz: Grosse Namen, und den klassischen Auftritt mit dezent gesetzter Moderne nicht ältlich wirken lassen. Die Provokation überlässt man anderen Häusern. Der Neubau von Architekt David Chipperfield aus London passt perfekt zu diesem Auftritt des Kunsthauses: elegant, ruhig, stilvoll, ein moderner Kunsttempel in Bollinger Sandstein vom Obersee. Ein expressionistischer Bau hätte es schwieriger gehabt. Die Zürcher lieben Architekturikonen im Ausland, zuhause haben sie es gern zurückhaltend.

Das Kongresszentrum von Rafael Moneo ist auch daran gescheitert. Der Neubau stärkt Zürichs Image als Kunststadt; und die Mehrheit der Zürcherinnen und Zürcher hat sich wieder einmal selber bewiesen, wie kunstnah sie ist. Nur ein einziges Mal in den letzten 20, 25 Jahren haben sie eine Kulturvorlage abgelehnt: Das Nagelhaus, dieser Hybrid aus Restaurant, Mahnmal und Kunstinstallation.

Sobald Kunst ungewöhnlich oder gar verwirrend wird, hört in Zürich die Kunstbegeisterung auf. Und wenn ein Kunstobjekt dann auch noch aussieht wie ein alter Hafenkran, dann ist es für sehr viele kunstaffinen Zürcher schlicht und kurz keine Kunst mehr. Kunst hat gekonnt kunstvoll zu sein – wie eben dieser Neubau.

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