Zürich schampar joli an der Fête des Vignerons in Vevey

900 Zünfter, Winzerinnen und Winzer aus Zürich machten am Genfersee beste Werbung für Böögg, Sechseläuten und vor allem für Zürcher Wein.

Wie Sechseläuten am Genfersee – aber mit Frauenzunft und Ehefrauen, und ohne Kutschen, Pferde und Kamele. Foto: Jean-Guy Python

Wie Sechseläuten am Genfersee – aber mit Frauenzunft und Ehefrauen, und ohne Kutschen, Pferde und Kamele. Foto: Jean-Guy Python

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Ein Sechseläuten im Sommer – und erst noch morgens um sechs Uhr im Zürcher Hauptbahnhof. Touristen und Alpinisten, die auf die ersten Züge hetzten, verstanden nur noch Bahnhof. Der Kanton Zürich war am Sonntag Gastkanton an der Fête des Vignerons, die nur einmal pro Generation in Vevey stattfindet. Mit einem Extrazug fuhr Tout-Zurich an den Genfersee – 700 Zünfter, 100 Winzerinnen und Winzer und zwei Dutzend Politiker.

Die Idee für ein kleines Sechseläuten am Genfersee stammt vom pensionierten Nähfadenfabrikanten Peter Zwicky. Als Alt-Zunftmeister bei den Gerbern und Schuhmachern und perfekt Französisch Sprechender nahm er vor zwei Jahren Kontakt auf mit der Confrérie des Vignerons und dem Zürcher Regierungsrat. 700 Zünfter meldeten sich, die Winzer machten mit, und der Regierungsrat sprach eine halbe Million Franken aus dem Lotteriefonds. Und dann kreierte eine Agentur den Slogan: «Zürich schampar joli – Zürich simplement schön».

«Das Besondere am heutigen Tag war, dass wir unsere Frauen dabeihatten, die sonst nur zuschauen.» Der Zünfter Peter Zwicky initiierte das kleine Sechseläuten in Vevey. Foto: Ruedi Baumann

Bern war noch nicht vorbeigezogen, als am frühen Sonntagmorgen Rolf Schenk aus Rudolfingen, Alt-Präsident der Zürcher Winzer, die erste Flasche Räuschling entkorkte. Er hatte nüchtern kalkuliert: zwei Dezi Wein pro Person, macht 250 Flaschen im Zug. Und er begann zu dozieren – vom römischen Ursprung dieser Traube, auch Züri-Rebe genannt, bis zur heutigen autochthonen Sorte. Im Gegensatz zu den Waadtländern mit ihrem früh reifenden Chasselas sei Zürich für den Klimawandel besser gerüstet. Auch dieses Jahr seien die Trauben wieder mindestens eine Woche vor dem langjährigen Durchschnitt reif.

«Der Kanton Zürich ist ein wunderbarer Kanton für Winzer. Sowohl landschaftlich als auch önologisch.» Die Zürcher Winzerin Lea Stadelmann schritt mit dem Banner voran. Foto: rba

Die Zürcher Winzer wollen ihre Kollegen aus dem Lavaux weder bekehren noch überschwemmen. «An der Fête trinken wir natürlich einheimischen Wein», so Schenk. «Wir Winzer haben den Röstigraben längst überwunden.» Was man nicht von allen Reisenden behaupten kann. Kaum war der Bielersee erreicht, ertönte aus den Lautsprechern der Sechseläutenmarsch. Das war wichtig fürs Selbstvertrauen der Zürcher Delegation. Zürich ist nämlich bloss der grösste Weinbaukanton der Deutschschweiz – weit hinter den welschen Kantonen und dem Tessin.

Höhepunkt an der Fête war der Besuch des Festspiels von Regisseur Daniele Finzi Pasca, der auch die Abschlusszeremonien der Olympischen Spiele in Turin und Sotschi inszeniert hatte. Die Zahlen: 5500 Darstellende, liebevoll gemachte Kostüme, 20 000 Besucher im eigens aufgebauten Stadion und ein LED-Bildschirm, so gross wie ein Viertel Fussballfeld. Der Winterthurer Stadtpräsident Michael Künzle war begeistert: «Dieses Spektakel zeigt den Zusammenhang dieser Region.» Wohltuend auch: Von einem Anti-Züri-Reflex war am Genfersee nichts zu spüren.

«Wichtige Geschäfte soll man immer zweimal besprechen – zuerst betrunken und dann nüchtern.» Regierungspräsidentin Carmen Walker Späh führte die Zürcher Delegation an. Foto: rba

Angeführt wurde die Delegation von Regierungspräsidentin Carmen Walker Späh und Kantonsratspräsident Dieter Kläy. Die Regierungsrätin sprach vom Wein und vom Trinken als Kulturgut. «Wir Zürcherinnen und Zürcher sind aber nicht nur zum Trinken nach Vevey gekommen, wir bringen ein Stück Sechseläuten mit.» François Margot, der Präsident der Fête, erhielt aus Zürich einen kleinen «Bonhomme d’hiver» oder einen «Pocket-Böögg». Zürich war ausserdem mit vielen kulturellen Aktivitäten präsent: der Winterthurer Balkan-Band Sebass, der ETH-Bigband, «Zürich Tanzt» mit einem Line-Dance-Crashkurs und mit Michael von der Heide, «Zürichs charmantestem Botschafter», wie Moderatorin Monika Schärer sagte.

«Die Zürichseemarine, in deren Uniform ich stecke, dringt erstmals bis an den Genfersee vor.» Walter Finkbohner, der Vertreter der Zunft zu den Drei Königen, gilt als SBB-Legende. Foto: rba

Der Zug der Zünfte entlang der Seepromenade unterschied sich in einem wesentlichen Punkt vom Sechseläuten, abgesehen von den fehlenden Kutschen, Pferden und dem Kamel. Die Ehefrauen der Zünfter durften – die meisten in Trachten gekleidet – mitmarschieren und mussten sich nicht aufs Küssen und Blumenverteilen am Strassenrand beschränken. Und die Gesellschaft zu Fraumünster war als gleichberechtigte Gruppe mitten im Zug dabei. «Für uns ist das sehr wichtig, ein Teil dieses Ganzen zu sein», sagte Margrit Huser, die Hohe Fraumünsterfrau.

Der Alt-Präsident der Zürcher Winzer Rolf Schenk gibt sich offen: «Für uns Winzer gibts keinen Röstigraben, wir tragen weinmässig keine Eulen nach Athen.» Foto: rba

Winzer und Zünfter bezahlten für den Besuch selber – rund 300 Franken pro Person. Winzer Robin Haug aus Weiningen lud gar 36 Helferinnen und Helfer ein. «Mit der Verpflichtung, die nächsten 25 Jahre in unserem Betrieb weiter anzupacken», so Robin Haug, dem seine Mitarbeiter scherzhaft den Titel «Räuschling-Weltmeister» verliehen. Haug hatte mal mit seinem Räuschling die Goldmedaille gewonnen – und Räuschling gibts fast nur im Kanton Zürich.

Erstellt: 04.08.2019, 22:37 Uhr

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