So reagiert Zürich auf die arabischen Touristen

Innert drei Jahren hat sich die Zahl der Touristinnen und Touristen aus den Golfstaaten in Zürich fast verdoppelt. Eins ist klar: Zürich spricht Arabisch.

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Zurich, madina arabiyya: Zürich, arabische Stadt. Zurzeit sind die arabischen Touristinnen und Touristen überall. Auf der Bahnhofstrasse schält sich dann immer mal wieder ein Paar oder eine Familie aus der Menge der Passanten und lässt sich in einem Strassencafé nieder, etwa vor dem Hotel St. Gotthard.

Nun kommt der Stressmoment: Die Gäste hätten Hunger, könnten zum Beispiel einen Hamburger vertragen. Aber wer garantiert ihnen, dass kein Schweinefleisch drin ist? Wird man ihre Sorge überhaupt ernst nehmen?

Keine Sorge, Zürich spricht Arabisch. Jedenfalls punktuell, jedenfalls im St. Gotthard. Ein Kellner kommt und redet die Gäste lächelnd in ihrer Muttersprache an. Diese entspannen sich.

Herr Khaled hilft

«Wir haben Vorkehrungen für unsere Kundschaft getroffen», sagt Hoteldirektor Martin Santschi am Telefon. Herr Khaled, ein Ägypter, sei einer von zwei Leuten, die man gezielt ihrer Arabischkenntnisse wegen angestellt habe; die andere Person arbeite an der Réception.

Abdel-Eileah Khaled, wie der Kellner mit vollem Namen heisst, habe auch bei der Realisierung einer Speisekarte in Standardarabisch geholfen. «Bisher wählten die Gäste oft ein Gericht, wechselten aber die eine oder andere Beilage aus, weil sie zum Beispiel Angst hatten, es könnte Alkohol in der Sauce haben.»

Das St. Gotthard reagiert auf ein Phänomen der letzten Zeit: Immer mehr Leute aus arabischen Ländern, speziell vom Golf, kommen nach Zürich. Von 2012 bis 2015 hat sich die Zahl der Gäste aus Golfstaaten wie Saudiarabien, Kuwait, Vereinigte Arabische Emirate fast verdoppelt auf 163 111 Personen. In den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres sind es ein Drittel mehr als in der Vergleichsperiode 2015. Das zeigen die Zahlen von Zürich Tourismus.

Es handle sich um einen «Langzeittrend», sagt Zürich-Tourismus-Sprecher Ueli Heer; allmählich trüge auch die eigene Marketingarbeit Früchte. Man sei oft in den Golfstaaten unterwegs, um Zürich an Messen oder Reiseagentur-Workshops zu präsentieren.

«Zürich» heisst auch Säntis

Die Verkaufserzählung lautet an solchen Anlässen in etwa so: Zürich ist eine Stadt der gehobenen Gastronomie und Kultur, liegt aber auch im Grünen. Man ist als Tourist in Zürich sofort in der Natur.

Je nach Jahr bringen die Stadtvermarkter dann auch die Kunstschau «Manifesta» als Attraktion ins Spiel. Oder das neue Fifa-Museum. Und wenn sie mit dem Bild brausender Wasser am Rheinfall die Leute aus den Wüstenländern locken, ist das gewiss legitim: Für einen Golfaraber ist die Distanz von Zürich nach Schaffhausen Peanuts. Vernachlässigbar. «Zürich» heisst daher auch: Mal kurz auf den Säntis schweben und den Schnee sehen.

Durchs Jahr sei man ein Businesshotel und habe bis anhin im Hochsommer das Personal in die Ferien geschickt, erzählt der Direktor des St. Gotthard. Jetzt sei, massgeblich durch die arabischen Touristen, alles anders. Genf sei als Destination vermutlich ein bisschen vorbei. In Zürich buchten die Araber in den Fünfsternhotels oft Etagen. In seinem Viersternhotel seien es eher Zimmer oder Suiten. Dass die arabischen Touristen gerne gediegen einkauften, sehe man an den leeren Tragtaschen, die bei der Abreise zurückblieben: «Es sind gute Adressen.» Bisweilen liessen die Gäste am Tag der Heimreise auch die alten Schuhe stehen, sagt Martin Santschi.

Starke Zunahme von Gästen aus den Golfstaaten Zum Vergrössern klicken

Im Dolder Grand, fünf Sterne, betrug der Anteil arabischer Gäste im letzten Jahr 14 Prozent, gut 2 Prozent mehr als 2014. Und auch in diesem Hotel hat man vorgekehrt, indem man zum Beispiel während des Fastenmonats Ramadan – er endete vor einem Monat – das traditionelle kräftige Suhur-Frühstück servierte. Auch informierte man die Gäste, wo in Zürich Muslime zusammen beten und welches gemäss Lokalzeit die korrekten Gebetszeiten sind.

Ist der Ramadan vorüber, hat der muslimische Reisende dann sowieso einen gesteigerten Appetit. Für seine arabischen Gäste beschäftigt das Dolder Grand seit dem letzten Jahr den libanesischen Chefkoch Firas al-Borji. Und es bietet natürlich eine «orientalische Speisekarte» an. Unter «Flavours from Beirut» aufgelistet ist beispielsweise ein libanesischer Reiseintopf mit Fleisch nach Wahl.

Die vier Edelsteine

«Wir merken die Präsenz der arabischen Sommertouristen», sagt Bernhard Blum, Juwelier am Zürcher Pelikanplatz. Es sei «eine Klientel im Aufbau». Die Araber trügen dazu bei, das Ausbleiben anderer ausländischer Kundschaft zu kompensieren: «Es gibt derzeit nicht so viele chinesische Touristen in Zürich, und die Inder sind nicht so richtig aufgetaucht.»

«In der Sommerflaute helfen die Araber enorm», fügt Blum bei. Diese seien eine betuchte Touristengruppe mit einer, so der Juwelier, «Vorliebe für die grossen Namen und Big Labels» wie Van Cleef & Arpels. Interesse zeigten sie auch «an den Triple-A-Edelsteinen», an Diamant, Saphir, Rubin und Smaragd.

«Wir sind über alle Besucher froh», sagt Vitus Barmettler, Vizepräsident der City Vereinigung Zürich. Also selbstverständlich auch über die Araber, die seit dem Ramadan-Ende vermehrt nach Zürich kämen, derweil bei ihnen zu Hause die Hitze brütet. «Es sind angenehme Kunden, und natürlich versuchen wir, ihre speziellen Wünsche aufzunehmen.»

Barmettler liefert ein Beispiel aus dem Warenhaus Manor, wo er arbeitet: Manor druckt gerade einen arabischen Flyer darüber, wie man im Laden auf das Gratis-Wi-Fi-Netz einloggt. Auch beschäftigt man Arabisch sprechende Mitarbeiter, die man jederzeit dorthin rufen kann, wo sie gebraucht werden.

Doch, Zürich schaut zu seinen Reisenden aus Arabien.

Erstellt: 03.08.2016, 22:56 Uhr

Verhüllungsverbot

Erste Burka-Trägerin im Tessin gebüsst

Dass in den nächsten Jahren noch mehr arabische Touristen nach Zürich kommen, ist plausibel. Sorge bereitet hiesigen Touristikern die Politik. Das «Egerkinger Komitee» um den Solothurner SVP-Nationalrat Walter Wobmann sammelt Unterschriften für ein landesweites Verbot von Burka (Ganzkörperschleier) und Niqab (Gesichtsschleier).

Die Burka stehe für islamischen Fanatismus und Extremismus, argumentieren Befürworter der Initiative. Käme das Verbot, wären allerdings auch die so friedlichen wie kaufkräftigen arabischen Touristinnen und Touristen betroffen. Auch wenn – so wenigstens der Eindruck in Zürich – nur ein kleiner Teil der Frauen vom Golf derart radikal verschleiert ist.

Im Tessin sind neuerdings im öffentlichen Raum Burka und Niqab verboten. Am vergangenen Wochenende wurde eine Frau gebüsst, weil sie gegen das Verhüllungsverbot verstossen hatte. Die Kuwaiterin muss 100 Franken zahlen, weil sie in Chiasso den Gesichtsschleier Niqab trug. Es handelt sich um den ersten Fall, bei dem eine Ausländerin wegen des Tragens eines Gesichtsschleiers im Tessin gebüsst wird. Zuvor bereits eine Busse erhalten hatte die Schweizer Konvertitin Nora Illi, die zwecks Provokation über die Piazza Grande von Locarno gelaufen war.

In Tessiner Hotels liegen Flyer auf, welche die Gäste auf die neue Vorschrift hinweisen. Die meisten Touristinnen adjustierten den Schleier dann so, dass das Gesicht zu sehen sei, sagt der Präsident von Hotelleriesuisse Ticino. Für heuer geht man im Tessin von mehr Touristen aus dem arabischen Raum aus, so ein Artikel in der «Aargauer Zeitung».

Oder ist das Zweckoptimismus? Es gibt auch Medienberichte darüber, dass arabische Gäste ihre Tessin-Reservation storniert hätten und anderswohin reisten. (tow)

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