Gepanzerte Ausbruchskünstler sind unterwegs

In diesem Sommer streifen aussergewöhnlich viele herrenlose Schildkröten durch den Kanton Zürich. Allein in diesem Monat wurden beim Veterinäramt 43 Tiere dieser Reptiliengattung gemeldet.

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Die Sommermonate sind die heisseste Zeit für die Teams des Zürcher Tierrettungsdienstes. Alljährlich nimmt die Zahl der Einsätze im Mai rasant zu – Tendenz steigend. In diesem Jahr müssen die Rettungsteams allerdings besonders häufig wegen eines bestimmten Tiers ausrücken.

«Uns werden aussergewöhnlich viele herrenlose Schildkröten gemeldet oder gebracht. Auch die für Schildkröten spezialisierten Auffangstationen sind bereits überfüllt», sagt Renata Tinner, die für die Öffentlichkeitsarbeit der Stiftung Tierrettungsdienst verantwortlich ist. Einige der Tiere seien vermutlich aus Gehegen entflohen. Tinner geht aber davon aus, dass auch etliche von ihnen ausgesetzt wurden. «Oft werden Schildkröten gekauft, wenn sie noch klein und jung sind. Doch sie werden sehr alt und müssen entsprechend lange gepflegt werden», lautet ihre Erklärung dafür.

43 Meldungen im Juli

Das Veterinäramt des Kantons Zürich bestätigt diese Angaben. Zwar sei die Gesamtzahl der gemeldeten Schildkröten im Vergleich zum vergangenen Jahr nur leicht angestiegen – bis zum 29. Juli 2013 wurden 77 Tiere gemeldet, zur gleichen Zeit im Vorjahr waren es 75. Laut Kantonstierärztin Regula Vogel sei jedoch schon jetzt klar ersichtlich, dass im Monat Juli aussergewöhnlich viele Schildkröten gemeldet wurden. Konkret waren es bisher 43 Meldungen, im Juli 2012 waren es insgesamt 29.

Dies sei auf den langen und kühlen Winter und Frühling in diesem Jahr zurückzuführen. «Mit den warmen Temperaturen werden die Schildkröten aktiver und nutzen jede Gelegenheit, das Gehege zu verlassen», so Vogel. «2012 hatten wir bereits im Mai Meldungen von gefundenen Schildkröten. In diesem Jahr verlagern sich die Meldungen auf die Monate Juni und Juli.»

Schildkröten überleben nicht selten ihre Halter

Bei der Schildkröten-Interessengemeinschaft Schweiz (Sigs) kennt man das Problem zahlreicher entlaufener, vor allem aber auch ausgesetzter Tiere. Obwohl der Zürcher Tierschutz grundsätzlich vom Kauf dieser Tierart abrät, deren Gattungen allesamt stark vom Aussterben bedroht sind, werden bei der Auffangstation Ostschweiz jährlich rund 140 Schildkröten abgegeben.

Für Hermann Koller, der die Station leitet, führen unterschiedlichste Gründe wie beispielsweise eine Trennung oder veränderte Wohnverhältnisse zu einem solchen Schritt. Auch ist es durchaus möglich, dass Schildkröten vererbt werden: Weil die Tiere ein stattlich hohes Alter erreichen können, überleben sie ihre Halter nicht selten.

Jedes gefundene Tier muss gemeldet werden

Wenn überforderte Schildkrötenhalter ihre Tiere aussetzen, dann hat das unweigerlich Folgen für die Umwelt. «Eine mediterrane Landschildkröte kann hier durchkommen. Eine tropische Gattung überlebt den Winter jedoch nicht», sagt Koller. Wenn der Sommer besonders heiss sei, dann könnten auch weitere Schildkröten in freier Wildbahn schlüpfen. Ausgesetzte Wasserschildkröten gebe es laut Koller bereits sehr viele. «Sie fressen Laich, Molche, Frösche – es sind eben Wildtiere und Räuber.»

Schildkröten werden aber nicht nur ausgesetzt. Sie sind richtige Ausbruchskünstler und verblüffend geschickt. Deshalb ist es besonders wichtig, dass man sie in einem ausbruchsicheren Gehege unterbringt – auch aufgefundene Tiere. Als Nächstes sollte man gemäss Koller die Gattung bestimmen, denn nur so könne man herausfinden, was das Tier brauche, um über die Runden zu kommen. «Wasserschildkröten fressen beispielsweise nur im Wasser», so der Experte.

Alle Finder von Tieren sind zudem gesetzlich dazu verpflichtet, den Fund der zuständigen kantonalen Meldestelle mitzuteilen. «Das gefundene Tier bleibt beim Finder oder kann einer Tierschutzorganisation, die die Aufnahme anbietet, überbracht werden», erklärt Kantonstierärztin Regula Vogel. Kann ein Tier nicht innert zwei Monaten dem Besitzer zurückgegeben werden, wird es neu platziert – entweder beim Finder oder in einem Tierheim. Die Sigs berät und begleitet die neuen Schildkrötenbesitzer im Bedarfsfall nach der Übernahme der Tiere. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.07.2013, 14:58 Uhr

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