Licht aus – damit das Moor lebt

Die Limmataltläufe bei Dietikon sind eines der ersten Naturreservate des Kantons. Nun liegt die Schutzverordnung vor. Sie enthält für die Grundeigentümer einigen Zündstoff.

Besonderer Schutz nötig: Das Flachmoor im Schachen grenzt unmittelbar an Siedlungsgebiet.

Besonderer Schutz nötig: Das Flachmoor im Schachen grenzt unmittelbar an Siedlungsgebiet. Bild: Stefan Birrer

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Ausgerechnet im dicht besiedelten Raum um Dietikon lässt sich noch erfahren, wie das Limmattal ursprünglich ausgesehen hat. Unweit von Mediamarkt und dem Coop-Megastore Silbern haben sich Reste der Altläufe erhalten, die eine Auenlandschaft bilden, wie es sie im Kanton nur noch wenige gibt. Die besondere Schutzwürdigkeit des Gebiets Antoniloch-Schachen-Werd, die teilweise auch auf Geroldswiler und Oetwiler Boden liegen, wurde bereits früh erkannt und 1930 als eines der ersten Natur­reservate des Kantons unter Schutz ­gestellt. Es ist seit 1958 als Naturschutzreservat Dietikon eingetragen. Ein beträchtlicher und zentraler Teil ist zudem Bestandteil des Bundesinventars der Flachmoore von nationaler Bedeutung.

Bis gestern aber gab es keine eigentliche Schutzverordnung für dieses Gebiet. Wie Martin Graf von der kantonalen Fachstelle Naturschutz gestern vor den Medien ausführte, hat das mehrere Gründe: Der Kanton liege bei den Moorschutzverordnungen generell im Hintertreffen. Da habe das Gebiet Schachen keine Priorität gehabt, da es ja bereits als Naturreservat erfasst war. Zudem mussten aufwendige biologische und hydrologische Gutachten erstellt werden.

Das Gebiet stellt für den Naturschutz zudem eine besondere Herausforderung dar, weil es im Laufe der Jahrzehnte immer mehr durch die Siedlung eingeengt wurde: Fachmärkte und die Kehrichtverbrennungsanlage entstanden in diesem Gebiet, die Autobahn A 1 quert es.

Keine Balkone mit Moorsicht

«Wir haben also Neuland betreten», erklärte Graf. «Dass zwei Welten auf derart engem Raum aufeinanderprallen, stellt schon ein Spezialfall dar.» Eine vergleichbare Situation bestehe aber zum Beispiel im Robenhauser Ried im Raum Wetzikon.

Aussergewöhnliche Verhältnisse rufen nach aussergewöhnlichen Massnahmen. In der Schutzverordnung für die Limmataltläufe verstecken diese sich unter dem Begriff Naturschutzumgebungszone – vorab unter der Bezeichnung IIS1. Darin wird eine Störungspufferzone festgelegt, die es so noch nirgends gibt: So dürfen in einem Abstand von bis zu 150 Metern zur Moorgrenze Gebäude in Richtung Moor nur die minimal gesetzlich notwendigen Fenster aufweisen. Dachterrassen ohne Verblendung in Richtung Moor und Balkone sind nicht zulässig. Auch müssen Fenster mit einer lichtdichten Verschlussmöglichkeit versehen sein.

Weiter dürfen in einem Abstand von bis zu hundert Metern zur Moorgrenze nachts zwischen März und Oktober keine vom Moor aus sichtbaren, fest installierten Lichter brennen – das betrifft unter anderem Strassenlampen und Lichtreklamen. Strassenbeleuchtungen sind zulässig, sofern sie mit einem modernen Blendschutz ausgestattet sind. Zweck dieser Vorschriften ist, dass die Tiere im Moor möglichst wenig durch künstliches Licht und Bewegungen von Menschen irritiert werden. Manche ­Insekten- und Vogelarten sowie Fledermäuse reagieren empfindlich auf solche Störungen. Gebäude dürfen zudem das Moor nicht beschatten. Dazu kommt eine hydrologische Pufferzone, die das ganze Industriequartier betrifft und bei grossen unterirdischen Bauten wie Tiefgaragen zum Tragen käme. So soll verhindert werden, dass der Wasserhaushalt der Auenlandschaft gestört wird.

Neues Schulhaus wohl möglich

Allerdings haben alle bestehenden Gebäude und Nutzungen Bestandesgarantie. Auch sind Ausnahmen möglich, wenn ein überwiegendes öffentliches oder wissenschaftliches Interesse besteht. Für das Moorgebiet selbst gelten aber die auch anderswo üblichen, strengen Vorschriften des Moorschutzes, die keine Interessenabwägung zulassen.

Das Erstellen einer Schutzverordnung für das Gebiet wurde dringlich, weil die Stadt Dietikon für das an­grenzende Industriegebiet einen Ges­taltungsplan erlassen hatte. Birdlife Schweiz und Pro Natura haben dagegen rekurriert, weil darin dem Moorschutz nicht genügend Rechnung getragen werde. Der Dietiker Stadtplaner Jürg Bösch zeigte sich gestern erleichtert, dass die Schutzverordnung nun auf dem Tisch liege und diese aussagekräftig sei. «Es geht uns vor allem um Planungs­sicherheit.» Laut Bösch sollte das beim Antoniloch vorgesehene Schulhaus für den neuen Stadtteil Limmatfeld sich so realisieren lassen, dass es den Vorschriften der Verordnung entspricht – wenn diese bleibt, wie sie ist.

Gegen den Erlass sind nämlich erneut Einsprachen möglich. Christa Glauser von Birdlife Schweiz sagte nach einem ersten Augenschein: «Der Störungsfaktor Licht ist ein wichtiger, aber nicht der einzige Punkt, den wir genau anschauen werden, bevor wir über unser weiteres Vorgehen entscheiden.» Birdlife werde vor allem die Bestimmungen für die ­Pufferzonen unter die Lupe nehmen. «Der Teufel liegt auch hier im Detail.»

Erstellt: 26.04.2016, 09:33 Uhr

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