Zürichs erste Seilbahn

Lange vor der Gondelbahn über den Zürichsee schwebte in Zürich bereits ein Seilbähnchen über die Limmat. Mit spezieller Fracht.

Der Murerplan der Stadt Zürich aus dem Jahr 1576 gilt als Meisterwerk der Kartenkunst: Das Seilbähnchen über die Limmat ist in der Bildmitte gut zu erkennen. Foto: PD

Der Murerplan der Stadt Zürich aus dem Jahr 1576 gilt als Meisterwerk der Kartenkunst: Das Seilbähnchen über die Limmat ist in der Bildmitte gut zu erkennen. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Pfeile flogen vom Limmatquai zum Lindenhof. Abgeschossen von Armbrustschützen im Haus an der Ecke Stüssihofstatt – dort, wo sich heute das Gran Café Motta befindet. An dieser Stelle stand im Spätmittelalter die Trinkstube der Zürcher Bogenschützen-Gesellschaft, und von dort aus schossen ihre Mitglieder mit der Armbrust über die Limmat zum «Tätsch», wie der Scheibenstand an der Hofhalde unterhalb des Lindenhofs genannt wurde. Der Clou: Die Pfeile mussten die Schützen nicht etwa zu Fuss in ihre Trinkstube zurückholen, sie wurden ihnen zurückgesandt.

Pfeiltransport in einer Kiste

«Die Pfeile oder Bolzen wurden dann an zwei Seilen, die über die Limmat gespannt waren, in einem Kistchen wieder über das Wasser zurückgezogen», schreibt Friedrich Vogel 1841 in der «Chronik der Denkwürdigkeiten der Stadt und Landschaft Zürich». Bis Ende des 17. Jahrhunderts wurde vom Haus zum Schneggen aus «bei Regenwetter, wenn man nicht auf dem Lindenhof schiessen konnte, über die Limmat an die Hofhalden geschossen», heisst es in der Chronik weiter.

Deutlich zu sehen ist das Transport-Seilbähnchen auf dem Murerplan, einer der frühesten Karten der Stadt Zürich aus dem Jahr 1576. Der berühmte Holzschnitt des Zürcher Glasmalers und Kartografen Jos Murer (1530–1580) ist ein überaus detailreicher Plan und gilt als bedeutende Quelle für den Zustand der Stadt Zürich im 16. Jahrhundert.

Seilzug und Zielscheibe auf einem Altarbild von 1500. Foto: PD

Für Dölf Wild, Leiter der Stadtarchäologie Zürich, ist das Seilbähnchen ein «sehr interessantes Detail» im Murerplan. Es sei erstaunlich, dass eine solche Anlage in einem Plan mit diesem Massstab überhaupt auftaucht. Der Murerplan ist allerdings keine objektive Darstellung, sondern ein «interpretierender Stadtplan», so Wild. Wichtige Gebäude wie das Grossmünster sind ebenso stark überzeichnet wie die Stadtbefestigung mit ihren Türmen. In diesem Fall dürfte die starke Vergrösserung auch repräsentativen Zwecken gedient haben und Ausdruck des Selbstverständnisses einer stolzen Stadt gewesen sein. Wild hat das Seilbähnchen über die Limmat noch auf einem anderen Dokument der Zürcher Stadtgeschichte entdeckt. Der Maler Hans Leu der Ältere (1460–1507) hat die ungewöhnliche Vorrichtung samt Zielscheibe beim Lindenhof auf seinem um 1500 entstandenen Altarbild mit den Stadtheiligen Felix und Regula ebenfalls verewigt. Das Bild von Leu hängt heute im Landesmuseum.

Über die Gründe, weshalb Kartograf Murer ausgerechnet das Seilbähnchen der Schützen in seinem Stadtplan verewigt hat, kann Wild nur mutmassen. Es könnte mit dem hohen Stellenwert des Schiesswesens in der damaligen Gesellschaft zu tun haben. Dafür würde auch die prominente Lage des Schützenstands mitten in der Stadt und nahe beim Rathaus sprechen.

Militärische Bedeutung

«Von den beiden seit dem Spätmittelalter in Zürich fassbaren Schützengesellschaften war jene der Bogenschützen zunächst die wichtigere», sagt die Historikerin Christine Barraud, Co-Autorin der Bände «Die Kunstdenkmäler der Stadt Zürich». Dies hing mit der militärischen Bedeutung der Armbrust in der alten Eidgenossenschaft zusammen. Mit der Entwicklung der Feuerwaffen verlor die Armbrust und mit ihr die Gesellschaft der Bogenschützen an Bedeutung. 1697 mussten sie ihr Gesellschaftshaus beim Rathaus zugunsten der Schildner zum Schneggen aufgeben und ins Haus des Armbrusters beim Lindenhof ziehen. Der Lindenhof, einst Standort der herrschaftlichen Stadtburg, hatte sich nach deren Abbruch 1218 im Spätmittelalter zum Treffpunkt und Festplatz der Stadtbevölkerung gewandelt. Neben Armbrustständen gab es dort steinerne Tische und gar eine Kegelbahn.

Stolz auf technische Leistung

Für die Aufnahme in den Stadtplan von Murer könnte aber noch etwas anderes eine Rolle gespielt haben. «Eine solche Anlage war eine beachtliche technische Leistung, vielleicht zeugt die Aufnahme in den Murerplan auch vom Stolz über diese Konstruktion», sagt Stadtarchäologe Wild. Tatsächlich erwies sich der Seilzug als wegweisende Erfindung: In modernen Armbrustschützen-Anlagen bringt ein automatischer Scheibenzug Pfeile und Zielscheibe jeweils zum Schützen zurück.

Die Detailansicht des Murerplans zeigt die Seile über der Limmat. Foto: PD

Murer hat auf seinem Plan auch andere technische Errungenschaften der damaligen Zeit abgebildet, etwa die Wasserschöpfräder in der Limmat oder die Reusen der Limmatfischer. Klar ist für Wild: Der Seilzug über die Limmat, von dem heute keinerlei Spuren mehr vorhanden sind, war im damaligen Zürich von Bedeutung. «Offenbar haben Seilbahnen die Zürcherinnen und Zürcher schon sehr früh beschäftigt.» Das Interesse scheint bis heute ungebrochen, wie die Reaktionen auf die Pläne der Zürcher Kantonalbank für ein Revival der Gondelbahn der Landesausstellung 1939 über den Zürichsee zeigen.

Die Veröffentlichung von Murers Plan war zu seinen Lebzeiten übrigens nicht unumstritten: Es gab militärische Bedenken. «Es ist durchaus möglich, dass Jos Murer anfänglich gar nicht die Absicht hatte, die Planvedute zu drucken und damit zu veröffentlichen», schreibt der Kartenhistoriker Arthur Dürst (1926–2000). «Denn als Mitglied des Grossen Rates musste er wissen, dass die für die Verteidigung der Stadt Verantwortlichen es sicher ungern gesehen hätten, wenn einem präsumtiven Gegner alle Stärken und Schwächen der Stadtbefestigung sozusagen schwarz auf weiss ausgehändigt worden wären.»

Armbrustschützen mussten umziehen

Die Gesellschaft der Bogenschützen hat in Zürich bis heute überlebt. Sie gilt als exklusive Runde, in der sich vorwiegend Mitglieder der alteingesessenen Zürcher Geschlechter treffen; die Mitgliederzahl ist auf 25 beschränkt. Einmal im Jahr führt die Gesellschaft ein Armbrustschiessen auf der Halbinsel Au durch. Auch auf dem Lindenhof ist die Tradition der Bogenschützen wiederauferstanden: Seit 1986 findet dort alle drei Jahre das Zunftmeisterschiessen statt.

Die Armbrustschützen dagegen haben einen schwereren Stand. Die Zeiten, als sie mitten in der Altstadt einen ­Schützenstand hatten, sind längst vorbei. Schlimmer noch: Die Armbrust-Schützengesellschaft Zürich-Unterstrass musste die Stadt vor kurzem gar ganz verlassen und nach Dübendorf ziehen. Am alten Standort wurden die Parkplätze aufgehoben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.03.2018, 22:16 Uhr

Artikel zum Thema

Von hier schwebt die Seilbahn über den Zürichsee

Jetzt ist klar, wo sich ab 2020 die Stationen der Züri-Bahn befinden werden. Um diese zu eruieren, waren auch Taucher nötig. Mehr...

Spektakuläre Seilbahn – diese Gondel transportierte Militärs

Serie Geheimtipp für einen Seilbahn-Ausflug nahe Zürich gefragt? Dann versuchen Sie es mal mit der Fahrt nach Palfries. Mehr...

Was von der Seilbahn übrig blieb

Gondeln und Pfeiler sind weg, doch ein Rest der See-Seilbahn von 1959 ist noch vorhanden – im Belvoirpark, direkt neben dem chinesischen Konsulat. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Ein Geschenk, das lange Zeit Freude bereitet

Was soll ich denn bloss diese Weihnachten schenken? Mit fondssparplan.ch bietet sich die Chance, langfristig angelegte Freude zu bescheren.

Kommentare

Blogs

Tingler Warten bei Tiffany
Mamablog Es war einmal Schnee

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Haben sich an ihren Lebensraum angepasst: Vier ausgewachsene Antilopen und ein Junges laufen in der Wüste Rub Al-Khali in Saudiarabien über den trockenen Boden. (19. Dezember 2018)
(Bild: VALDRIN XHEMAJ) Mehr...