Zürichs gefährlichste Rückspiegel

Plötzlich knallt es am Hinterkopf: Pendler werden regelmässig von Bus-Rückspiegeln gerammt. Die VBZ haben das Problem erkannt.

Haltestelle mit erhöhtem Risiko: Die Löwenstrasse in Zürich. Fotos: Thomas Egli

Haltestelle mit erhöhtem Risiko: Die Löwenstrasse in Zürich. Fotos: Thomas Egli

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Es war eigentlich eine ganz gewöhnliche Situation. Roman Diener* ist auf dem Weg zur Arbeit, wartet an der Zürcher Löwenstrasse auf den Bus und trifft dort auf eine Arbeitskollegin. Die beiden sprechen über Alltägliches – die Firma, den neuen Chef, der beiden etwas merkwürdig erscheint.

Diener steht mit dem Rücken zur Strasse und nah an der Trottoirkante – zu nah. Den heranfahrenden Bus bemerkt er zu spät. Von der Seite knallt etwas an seinen Hinterkopf. Kurz wird es Diener schwarz vor Augen, ehe er realisiert: Der Rückspiegel des Busses hat ihn gerammt. Diener kommt mit dem Schrecken und einer dicken Beule davon. «Seither passe ich an den Haltestellen genau auf, wo ich stehe.»

Diener erzählt einigen Bekannten von dem Vorfall und realisiert: Er ist nicht der Einzige, der an einer Haltestelle unliebsamen Kontakt mit einem Rückspiegel hatte. «Ein guter Freund von mir wurde ebenfalls touchiert», sagt Diener. Weitere berichteten, dass der Bus zumindest knapp an ihnen vorbeigeschrammt sei.

Wenn der Bus über die Randsteinkante wischt, kann es brenzlig werden.

Bus-Rückspiegel, die regelmässig Pendler abschiessen? Tatsächlich ist bei den Zürcher Verkehrsbetrieben (VBZ) die Grösse der Rückspiegel intern ein Thema, wie VBZ-Sprecher Oliver Obergfell auf Anfrage sagt. «Es handelt sich um eine Risikoabwägung», sagt er. Wären die Rückspiegel kleiner, hätten Busfahrerinnen und Busfahrer keine freie Sicht, es ergäbe sich ein toter Winkel. «Mit den grossen Spiegeln der neuen Generation wird diese Gefahr eliminiert.» Andererseits bestehe mit den aktuellen Spiegeln ein Risiko, touchiert zu werden.

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Die VBZ registrieren pro Jahr einige wenige Vorfälle. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen. Nicht alle Pendler würden sich bei den VBZ melden, wenn sie touchiert wurden, sagt Obergfell. Auch Roman Diener nicht: «Ich hatte ja Glück und blieb unverletzt. Den Vorfall zu melden, wäre mir peinlich gewesen», sagt der Pendler.

«Es handelt sich um eine Risikoabwägung»VBZ-Sprecher Oliver Obergfell

Das Risiko, von einem Rückspiegel getroffen zu werden, variiert von Station zu Station. Im laufenden Verkehr, wenn die Busse effektiv unterwegs sind, sei das Risiko marginal, sagt Obergfell. «Vorsicht geboten ist an der Haltestelle.» Ein erhöhtes Risiko bestehe an hochfrequentierten Plätzen, etwa an kombinierten Stationen für Tram und Bus. Dort schreibt das Gesetz einen behinderungsfreien Zugang zu den Fahrzeugen vor, die Warteinseln sind dadurch rund 30 Zentimeter hoch. «Die Distanz zum rechten Seitenspiegel verringert sich», sagt Obergfell.

Ein zusätzliches Risiko besteht an Haltestellen, denen eine Strassenkurve vorausgeht. Etwa an der Löwenstrasse, dem Unglücksort von Diener, wo der Bus gemäss Obergfell über die Randsteinkante «wischt». «An solchen Haltestellen sind unsere Fahrerinnen und Fahrer besonders gefordert, umsichtig zu sein.»

Hotspot Bülach

Das Risiko mit den Rückspiegeln beschränkt sich nicht auf die Stadt. Am Bahnhof Bülach wurden in der Vergangenheit mehrfach Passagiere vom Busspiegel der Postautos «abgeschossen» und verletzt, wie der «Zürcher Unterländer» berichtete. In Aarau wurde letztes Jahr ein Buschauffeur wegen Fahrerflucht verurteilt. Er fuhr weiter, obwohl er gesehen hatte, dass eine Passantin am Kopf getroffen worden war.

In Zürich ist es gemäss VBZ noch zu keinen Verzeigungen gekommen. Dennoch prüft das Verkehrsunternehmen laufend die Situation – und ist offen für Alternativen, sofern diese technisch ausgereift sind. Zum Beispiel: Rückspiegelmonitore, so wie sie heute in einigen PKW Standard sind, seien eine Option, sagt Obergfell. Das sei allerdings Zukunftsmusik. «Auf dem heutigen Stand der Technik bringen diese wiederum andere Schwachstellen mit sich», sagt Obergfell. Bis es so weit ist, heisst es für Passantinnen und Passanten: Köpfe einziehen!

*Name geändert

Erstellt: 23.10.2019, 10:51 Uhr

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