Zürichs verborgene «Russen-Sperre»

Es ist ein Relikt aus dem Kalten Krieg: Die Panzersperre der Schweizer Armee, die sich durchs ganze Stammertal im Norden des Kantons zieht.

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Sie wirkt leicht surreal: die Betonmauer, die plötzlich in der idyllischen Naturlandschaft bei Unterstammheim auftaucht. Das Bauwerk zieht sich entlang eines Feldwegs rund hundert Meter zwischen Äckern und Wiesen dahin. Die Mauer haben nicht etwa Landwirte errichtet – sie diente militärischen Zwecken. Sie ist ein sogenanntes Geländepanzerhindernis und Teil einer Panzersperre, die sich – wie ein verborgener Wall – entlang der Kantonsgrenze Zürich–Thurgau über mehrere Kilometer durch das ganze Stammertal erstreckt.

Gefahr aus dem Osten

Die Sperre im Raum Unterstammheim-Schlattingen wurde teils in den 1940er-Jahren, teils während der Zeit des Kalten Kriegs errichtet, wie Kaj-Gunnar Sievert, Sprecher des Bundesamts für Rüstung Armasuisse im VBS, sagt. Viele Anlagen stammen aus den 1970er- und 1980er-Jahren, als die Schweiz sich gegen einen möglichen Angriff aus dem damaligen Ostblock wappnete. Die Panzersperre und die verbunkerten Geschützstellungen sollten sowjetische Panzerdivisionen aufhalten, die, so die Befürchtung damals, von Osten her über den Rhein einfallen könnten.

Gut sichtbar ist der Riegel nur an ­einigen Stellen. So etwa an der Strasse, die von Guntalingen nach Basadingen-Schlattingen TG führt. Kurz nach der Kantonsgrenze quert die Route eine Reihe von massiven Betonblöcken in der Wiese. Andere Teile der geschickt in die Landschaft eingebetteten Sperre sind auf den ersten Blick kaum auszumachen, weil sie im Wald verborgen oder von der Vegetation überwachsen sind. Erst bei genauem Hinschauen tauchen die Betonblöcke und Eisenpfähle zwischen Bäumen und Sträuchern auf. In Strassen, welche die Sperre kreuzen, sind Schächte zum Einstecken von Stahlträgern eingebaut, welche die Panzer hätten stoppen sollen. Nebst künstlichen Bauwerken umfasst die Sperre auch natürliche Geländehindernisse wie Hügel und Wälle.

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Den Sinn solcher Kampf- und Führungsbauten beschrieb der frühere Korpskommandant Rolf Binder (1929–2016) im Jahr 2004 so: «Was vorerst nur Vermutung war, wurde Anfang der 60er-Jahre bestätigt. Es wurden Planungen des Warschauer Pakts bekannt, der, im Rahmen seiner ‹Vorneverteidigung› einen Ost-West-Durchgang durch das Schweizerische Mittelland ins Auge fasste.» Die Schweizer Armee verstärkte umgehend ihre Grenzbrigaden. Binder: «Mögliche Sperrstellungen wurden mit Hindernissen und Unterständen vorbereitet, und es wurden neue, moderne Sprengobjekte angelegt. In der Tiefe des Raums wurden verbunkerte schwere Zwillingsminenwerfer eingebaut.» Ende der 1980er-Jahre kamen noch die Geschütztürme der ausrangierten Centurion-Panzer dazu. Dieses Waffensystem baute die Armee auch in Bunker in Unterstammheim ein.

Dann wurde das Programm von der Geschichte überholt. Mit dem Ende des Kalten Kriegs Anfang der 1990er-Jahre kam die Bautätigkeit zum Erliegen. Die Armee löste sich von ihrer Verteidigungsdoktrin, ein klassischer Angriff samt Panzerschlacht im Mittelland stand nicht mehr im Vordergrund. Die Sperrstellen wurden grösstenteils mit der Armee­reform 1995, die übrigen um 2004 ausser Dienst gestellt. Korpskommandant Binder blieb indes vom Nutzen überzeugt: «Gerade ein sehr mobiler und hoch­mechanisierter Angreifer wird sich wohl hüten, ohne zwingende Not in einen stark befestigten Raum einzudringen.»

Bunkerweg ab nächstem Jahr

Auch die Sperrstelle Unterstammheim wird «militärisch nicht mehr benötigt und nicht mehr unterhalten», wie Armasuisse-Sprecher Sievert sagt. Statt unter Geheimhaltung steht sie nun auf der Liste erhaltenswerter Verteidigungsbauten, genauso wie etwa die Sperrstelle bei Stadel im Zürcher Unterland.

Jetzt wollen die Gemeinden Ober-, Unterstammheim und Waltalingen Teile der Sperre samt Geschützbunker vom Bund übernehmen und sie der Öffentlichkeit zugänglich machen. Das bestätigt Martin Zuber, SVP-Kantonsrat und Gemeinderat aus Waltalingen. Die Gemeinden wollen nächstes Jahr einen «historischen Bunkerweg» eröffnen, auf dem die Militärdenkmäler besichtigt werden können. Laut Armasuisse-Sprecher Sievert sollen ein Grundstück mit einem Teil des Geländepanzerhindernisses sowie 21 Objekte, darunter drei Centurion-Bunker, veräussert werden.

Auch der grosse Festungsminenwerfer auf dem Stammerberg soll dereinst zum Bunkerweg gehören, wie Martin Zuber sagt. Noch ist die Kanone allerdings nicht definitiv entklassifiziert. Zwar hat Verteidigungsminister Guy Parmelin im Februar angekündigt, alle Geschütze der Festungsartillerie zu entsorgen, doch das letzte Wort hat das Parlament.

Für Zuber handelt es sich um «eindrückliche Zeitdokumente», die der Nachwelt einen Einblick in die damalige Armee bieten können. Ein Rückbau der Panzersperre wäre zudem sehr teuer, gibt er zu bedenken. Die Betonblöcke stellten inzwischen auch eine ökologische Ausgleichsfläche dar, die vielen Tieren einen Rückzugsraum bietet.

«Uns hätte man aufgegeben»

Ennet der Kantonsgrenze, im thurgauischen Basadingen-Schlattingen, steht man den militärischen Hinterlassenschaften reservierter gegenüber. «Wir wurden von den Nachbargemeinden nicht über das Projekt informiert und haben nur wenig Interesse, solche Armeeobjekte zu übernehmen», sagt Gemeindepräsident Peter Mathys. Armasuisse habe die Gemeinde vor einigen Jahren auch schon angefragt, ob sie einen Minenwerferbunker übernehmen wolle. «Wir haben dankend abgelehnt.» Als Lagerräume seien sie nicht geeignet, als Ausstellungsobjekte ebenfalls nicht, da sie schlecht zugänglich seien und es davon schon einige gebe.

Über die Panzersperre im Feld ist man in Basadingen wenig erfreut. Mathys: «Alle reden vom Erhalt von Ackerland, aber die Sperren und die Tankgräben davor zerschneiden die Landschaft, verringern die Fläche und erschweren die Bewirtschaftung.» Die Bauern hätten sich zwar damit arrangiert, «aber sie ­hätten sie lieber weg». Eine touristische Nutzung mit einem Themenwanderweg wie dem «Sentier des Toblerones» in der Romandie, für den sogar Schweiz Tourismus wirbt, ist für ihn keine Option: «Das gehört nicht zu unseren Kernaufgaben.»

Dass man in Basadingen die Panzersperre mit gemischten Gefühlen sieht, könnte noch einen andern Grund haben. Nach den damaligen Armeeszenarien wäre die Gemeinde von den aus Nordosten anrückenden sowjetischen Panzerdivisionen schlicht überrollt worden – die Sperre befindet sich erst hinter dem Dorf. Mathys: «Verrückt: Uns vor dem Festungsgürtel hätte man aufgegeben.»

Erstellt: 24.05.2018, 23:38 Uhr

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