Zürichs verschwundene Feuchtgebiete

Die Qualität der Moore nimmt ab, und über 90 Prozent sind bereits verschwunden. Das zeigt ein eben erschienenes Buch. Es zeigt aber auch: Massnahmen greifen noch – aber es eilt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der dunkle Weiher liegt in einer urtümlich scheinenden Landschaft in der Nähe des Pfäffikersees. Der Flurname Wildert leitet sich von Wildried ab. Allerdings ist dieser Tümpel, auf dem schon bald Seerosen schwimmen werden, eine Kulturlandschaft. Hier wurde während des Zweiten Weltkrieges Torf gestochen; als Brennstoffersatz für Kohle.

Das direkt anschliessende Flachmoor ist gesäumt von serbelnden Bäumen. Ein gutes Zeichen. Das zeigt, dass die Massnahmen greifen, die Pro Natura in diesem Gebiet vornahm, um die Entwässerung zu stoppen. Zuvor machten sich hier Büsche und Bäume breit. Nun beginnen rötlich schimmernde Torfmoose wieder weiche Polster zu bilden. Das Gebiet Wildert steht mittlerweile unter nationalem Schutz.

So wie hier hat es um 1900 noch in vielen Gebieten der Schweiz und des Kantons Zürich ausgesehen. Fast 10 Prozent der Landschaft bestand aus Feuchtgebieten. Doch dann kam es zu massiven Eingriffen in die Hoch- und Flachmoore, Ried­wiesen und Auenwälder, die anfänglich oft gegen den Willen der Bauern trockengelegt wurden.

Matthias Bürgi, Leiter der Einheit Landschaftsdynamik an der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL in Birmensdorf, und der Berner Historiker Martin Stuber beschreiben in einem eben erschienenen Buch diese Geschichte der Feuchtgebiete in der Schweiz seit 1700.

Resignation und Zuversicht

In Fachkreisen gibt es einen eigentümlichen Begriff: Aussterbeschuld. Diese Aussterbeschuld ist Grund für Resignation und Zuversicht zugleich. Es ist wohl gut zehn Jahre her anlässlich eines Spaziergangs entlang der Moorlandschaft Frauenwinkel am oberen Zürichsee: Da stand ganz still ein Grosser Brachvogel. Die Freude über den Anblick wechselte schnell in Enttäuschung oder eben Resignation, als das Wort Aussterbeschuld fiel. Der Grosse Brachvogel sei zwar noch da, aber verschwinde im Laufe der nächsten Jahre bestimmt, da er nicht mehr brüte, sagte der einheimische Vogelkundler.

«Die Arten verschwinden nach Veränderungen des Lebensraums oft stark zeitverzögert», bestätigt Matthias Bürgi. Das heisse aber umgekehrt auch, dass Massnahmen zur Auf­wertung wirksam sind, wenn man sie rechtzeitig anpackt. So dauerte es im Neeracherried nach der Wiederaufnahme der ursprünglichen Beweidung – dieses Mal mit Schottischen Hochlandrindern – nur gerade ein Jahr, bis Kiebitze und Bekassine wieder zu brüten begannen.

Gut gemachte Schutzprojekte wirken vor allem bei Amphibien und Insekten schnell positiv.

Dabei geht es um den sachkundigen Umgang oder die Aufwertung von Feuchtgebieten, aber vor allem auch um Vernetzung. Ein Fazit des Buches zeigt: Gut gemachte Schutzprojekte wirken vor allem bei Amphibien und Insekten schnell positiv. Das stimmt ein wenig zuversichtlich.

Bereits um 1807 begann die gross angelegte Trockenlegung der Linthebene, was unter anderem mit den auftretenden Malariaerkrankungen begründet wurde. Ab 1850 wurden erstmals in grossem Stil Feuchtgebiete drainiert, um Wohn- und Landwirtschaftsfläche für die zahl­reicher werdende Bevölkerung zu schaffen. Dann folgten die grossen Meliorationen an Rhein, Rhone und Aare, die erst realisierbar waren, nachdem der Bundesstaat richtig Fuss gefasst hatte.

In Zürich betraf das ab 1874 die Thur, ab 1876 die Limmat, ab 1878 die Glatt, ab 1881 die Töss. Der nächste Schub erfolgte während der Kriege. Durch die Anbauschlacht im Zweiten Weltkrieg gingen innert sechs Jahren 80’000 Hektaren Feuchtgebiet verloren. Was heute zuweilen als Raubbau betrachtet wird, war ­damals Fortschritt. «Ich kann die Menschen aus ihrer Lebenssituation heraus gut verstehen, dass sie so handelten», sagt denn auch Matthias Bürgi. Bei dieser Geschichte der Feuchtgebiete geht es dementsprechend nicht nur um Landschaftswandel, sondern auch um Gesellschaftswandel. Es ist eindrücklich ablesbar, wie sich die Ansprüche und Prioritäten der Menschen, wie sich der Zeitgeist änderte.

Der Flurname ist geblieben

Zurück ins Zürcher Oberland: Das Flachmoor endet an einem zweiten Weiher, auf dem gerade Graugänse schnattern. Danach ändert sich das Bild schlagartig: Krümelige, nackte schwarze Erde ist bereit zur Aussaat, in einiger Entfernung rattert ein Traktor, weiter hinten sehen wir eine Gärtnerei mit einer Reihe grosser Gewächshäuser.

Ein Kanal zieht sich durch den Acker, in dem ein Rinnsal plätschert. Riet heisst das Gebiet hier, auf einer Karte aus dem 19. Jahrhundert ist es noch genau so schraffiert wie das Wildert. So sieht drainiertes Land aus, wenn es landwirtschaftlich genutzt wird. Und linker Hand erkennen wir noch den dritten Zustand einstiger Feuchtgebiete: Besiedlung, hier in Form eines Industriegebietes.

Beim Verfassen des Buches erstaunte Bürgi am meisten, wie vielfältig der Wert solcher Feuchtgebiete schon früh eingeschätzt wurde. Bereits im Zuge der Aufklärung, also im 18.Jahrhundert, stellten Gelehrte fest, wie wichtig diese Feuchtgebiete als Lebensraum für bestimmte Vögel, Insekten und Pflanzen sind. Allerdings noch ohne einen Schutzgedanken daraus abzuleiten.

Noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verschwanden 3500 Hektaren.

Um 1840 kamen Diskussionen um eine nachhaltige Torfnutzung auf, um die Versorgung mit diesem Brennstoff längerfristig zu sichern. 1904 erschien das erste eidgenössische Moorschutzinventar, und um 1940 erklärte der Bund für Naturschutz, der Vorläufer von Pro Natura, den Moorschutz zu einem seiner zentralen Anliegen. 1954 scheiterte die Rheinau-Initiative, die sich gegen ein Kraftwerk im Rhein wehrte, noch klar an der Urne. 1987 wurde die Moorschutzinitiative, die sich gegen den Bau eines Waffenplatzes in der Moorlandschaft von Rothenthurm richtete, mit 58 Prozent Ja-Stimmen angenommen – für die meisten völlig überraschend.

Eine Vorstudie zum Buch zeigt den Schwund von Feuchtgebieten anhand historischer Karten im Kanton Zürich. Sie war eine Grundlage für das kürzlich überarbeitete kantonale Naturschutz-Gesamtkonzept, das eine Bilanz aus den bisherigen Naturschutzbemühungen zieht und einen Umsetzungsplan bis 2025 aufzeigt. Vor 150 Jahren gab es auf dem Gebiet des Kantons Zürich noch 13’759 Hektaren Feuchtgebiete, heute sind es noch rund 1800 Hektaren. Noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verschwanden 3500 Hektaren.

Wo macht Moorschutz Sinn?

Dabei geht es aber nicht nur um den Verlust der Fläche allein, sondern vor allem um die Vernetzung der Flächen, von denen die meisten für sich allein mittlerweile als Lebensraum für viele Arten zu klein sind. «Es bringt daher wenig, isolierte Feucht­gebiete zu schaffen. Die Massnahmen müssen schwergewichtig dort ansetzen, wo Korridore zu weiteren Mooren erhalten bleiben oder entstehen können», sagt Bürgi. «Und es kann umgekehrt durchaus Sinn machen, an gewissen Orten sogar die Drainagen zu erneuern.»

Im Kanton Zürich sind 94 Prozent der Feuchtgebiete durch eine Schutzverordnung gesichert, und in den letzten Jahren wurden rund 30 Hektaren wieder vernässt. Doch nimmt die Qualität der Moore ab. Gleich­zeitig müssen in den nächsten Jahren viele Drainagen, welche ehemalige Feuchtgebiete landwirtschaftlich nutzbar machen, erneuert werden, weil sie sonst nicht mehr funktionieren.

Die Fachleute müssen daher klären, welche Flächen sich eignen, um bestehende Moore zu ergänzen, und wo die landwirtschaftliche Produktion den Vorrang hat. Und zwar schnell, denn es gibt noch eine andere Aussterbeschuld. Die Schuld am Aussterben unzähliger Arten.

So zeigt das Buch, dass der Grosse Brachvogel im Frauenwinkel in einem Brutvogelatlas, der in den Jahren 1993 bis 1996 erarbeitet wurde, noch verzeichnet ist. Im Atlas der Jahre 2013 bis 2016 ist er verschwunden.

Martin Stuber, Matthias Bürgi: Vom «eroberten Land» zum ­Renaturierungsprojekt. Hg. Bristol-Stiftung, Haupt-Verlag, 2019.

(Erstellt: 14.03.2019, 09:52 Uhr)

Torf, weil es an Holz fehlte

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts konnte die Stadt Zürich ihren Holzbedarf nicht mehr aus den umliegenden Wäldern decken. Sie musste Holz einführen und tat dies anfänglich vor allem aus dem oberen Sihltal. 1708 verbot der Kanton Schwyz zum Schutz der eigenen Versorgung diese Ausfuhr. Der Zürcher Rat setzte fortan auf Torf als Ersatzbrennstoff. 1709 sprach er einen Vorschuss, um in der Stadt ein Torflager einzurichten und am Katzensee, im Nidelbad (Rüschlikon) und in Bubikon Torf abzubauen. Um 1750 mussten weitere Gebiete erschlossen werden, so wurden grosse Mengen Torf aus der Linthebene und aus Einsiedeln nach Zürich transportiert.

Es gab in Zürich einen Durben-Kommissarius, und in einem Torfartikel wurde die Landbevölkerung ermuntert, für den Eigenbedarf Torf abzubauen, «wo das Erdrich zum Durbengraben bequem ist». Die Dorfgemeinden erstellten daraufhin Turbenordnungen, wonach jeder Bürger, der ein Nutzungsrecht an der Allmend hatte, auch Torf graben durfte. Die Abbaustellen wurden durch Turbenlose verteilt.

Das Züribiet gehörte einst zu den Mittellandkantonen mit dem grössten Anteil an Moorlandschaften. Mehr als neunzig Prozent der ehemaligen Feuchtgebiete sind aber unterdessen verschwunden. Im Inventar der Moorlandschaften von nationaler Bedeutung sind im Kanton Zürich zurzeit noch sechs Objekte verzeichnet: der Pfäffikersee (1070 ha), der Lützelsee (698 ha), das Neeracherried (584 ha), der Hirzel (480 ha), die Maschwander Allmend (386 ha) und Wetzikon (362 ha). (net)

Artikel zum Thema

Der Flugplatz neben dem Naturidyll

Sie sind ein Auenschutzgebiet von nationaler Bedeutung: die Thurauen bei Flaach im Zürcher Weinland. Am gegenüberliegenden Rheinufer hätte es auch anders kommen können. Mehr...

Es drohen Seilbahnen, Parkplätze und Funparks in Schutzgebieten

SVP, FDP und CVP wollen den Schutz von wertvollen Landschaften und Ortsbildern lockern. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Mit CallDoc clever und flexibel versichert

Lassen Sie sich rund um die Uhr medizinisch beraten – und sparen Sie dabei! Profitieren Sie vom Prämienrabatt der Grundversicherung. Jetzt Offerte anfordern.

Kommentare

Blogs

Mamablog Wenn Kinder sich selbst im Weg stehen
Sweet Home Die neue Moderne

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...