Zürichs verschwundenes Unikum

Eine Brücke, auf der ein Wasserweg einen anderen überquert: Das gab es an der Zürcher Sihlporte bis Anfang des 20. Jahrhunderts.

Die Wasserbrücke über den Schanzengraben auf einem Bild von 1901. Bild: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich

Die Wasserbrücke über den Schanzengraben auf einem Bild von 1901. Bild: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich

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Seit letzter Woche sind sie online: Mehr als 100'000 Fotos aus dem Baugeschichtlichen Archiv der Stadt Zürich. Die Bilder dokumentieren die Entwicklung der Stadt Zürich ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Foto-Schatzkammer enthält Trouvaillen aller Art. So etwa zwei Fotografien von Bauarbeitern, die 1901 vor einem speziellen Brückenbauwerk in der Stadt posieren. Aufgenommen wurde die Fotografie an der Sihlstrasse bei der Sihlporte, wie aus der Beschreibung hervorgeht. Sie zeigt die Wasserbrücke des Sihlkanals über den Schanzengraben.

Dabei handelte es sich um ein architektonisches Kuriosum: Eine Doppelbrücke, die um 1900 an der Sihlporte gebaut wurde und auf welcher das Wasser des Sihlkanals über den Schanzengraben geleitet wurde. Gut sichtbar ist die Wasserbrücke auch auf dem Zürcher Stadtplan von 1900, der auf der Homepage der Stadt abrufbar ist.

Die Wasserkreuzung auf dem Stadtplan von 1900.

Die Wasserbrücke am Schanzengraben war ein Teil dieses Sihlkanals, der bis Anfang des 20. Jahrhundert bestand und dann zugeschüttet wurde. Ein Sihlarm zweigte oberhalb des Sihlhölzlis nach rechts von der Sihl ab, floss am Standort des späteren Bahnhofs Selnau vorbei zur Sihlporte. Dort floss der Sihlkanal über den Schanzengraben, dann weiter an Stelle der heutigen Uraniastrasse, er unterquerte die Bahnhofstrasse, bis er in der Nähe des heutigen Globus-Provisorium in die Limmat mündete. Die «zahme Sihl», wie der Kanal im Gegensatz zum Hauptarm, der «Wilden Sihl», genannt wurde, trieb in der Stadt mehrere Wasserräder an.

«Fast eine kleine Sensation»

«Der Sihlkanal überquerte dann auf einem hölzernen Gerinne den Schanzengraben und die Fortifikationsgräben bei der Sihlporte, wo er in das Gebiet der ‹minderen› Stadt eintrat», hiess es 1963 in einem Beitrag in der «NZZ». Ein Leser aus Aussersihl hatte sich gemeldet, der den Sihlkanal noch mit eigenen Augen gesehen hatte. «Als dann später die Strassenbrücke über den Schanzengraben zwischen dem nachmaligen Warenhaus Ober und dem Sihlporteplatz gebaut wurde, wurde das hölzerne Gerinne durch eine gemauerte Kanalbrücke ersetzt, die unter der Strassenbrücke über den Schanzengraben führte; diese Doppelbrücke war damals fast eine kleine Sensation und genoss in wasserbautechnischen Kreisen erhebliches Ansehen.»

Die Wasserbrücke wurde im Zusammenhang mit der Sihlverlegung und dem Umbau der linksufrigen Zürichseebahn in den 1920er Jahren abgebrochen. So jedenfalls schreibt es der Leser in seinen Erinnerungen: «Am Westrand des heutigen Parkplatzes vor dem Hallenschwimmbad, neben dem heute noch stehenden kleinen Häuschen mit dem (eben durch den Kanal bedingten) sonderbaren dreieckigen Grundriss, donnerten die Wasser des meist gut gefüllten Sihlkanals in die Tiefe hinunter, um ihren Weg bis zur Limmat unterirdisch zurückzulegen, bis die Verlegung der linksufrigen Seebahn und die damit zusammenhängenden Bauarbeiten und Eingriffe auch über dieses Relikt des mittelalterlichen Zürich das Todesurteil sprachen.»

Eine Erinnerung an den verschwundenen Sihlkanal gibt es bis heute: Die geschwungene Form der heutigen Uraniastrasse stammt von eben diesem ehemaligen Wasserlauf durch die Stadt.

Sie folgt dem Verlauf des verschwundenen Kanals: Die Uraniastrasse. Bild: Reto Oeschger (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.11.2017, 14:06 Uhr

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