Zum Beispiel Hagenbuch

Ganz am Rand des Kantons Zürich sind die Wohnungen besonders günstig. Doch wie wäre es wirklich, in Hagenbuch zu leben?

Man wähnt sich hier weit weg vom offiziellen Zürich – und ist stolz darauf: Hagenbuch ZH, nahe der Grenze zum Kanton Thurgau. Foto: Samuel Schalch

Man wähnt sich hier weit weg vom offiziellen Zürich – und ist stolz darauf: Hagenbuch ZH, nahe der Grenze zum Kanton Thurgau. Foto: Samuel Schalch

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Grüne Matten, einkaufen im Volg, gelegentlich Abende im Kulturzentrum, pendeln, Dorfbeiz, nächtliche Stille. Vorstellungen von klassischem Dorfleben gibt es viele. Doch wie ist es tatsächlich, in einem Dorf zu leben? Wie würde man mich aufnehmen, den überzeugten Städter, der das Gewusel liebt, das Unerkanntsein auf der Strasse, das Geplapper in den Bars? Die Prise Wahnsinn, die in jeder Stadt steckt?

Klar ist: Ganz so unrealistisch wie einst ist ein Wegzug heute nicht mehr. Ein Blick auf die Mietpreis-Karte des TA zeichnet ein eher finsteres Bild für einen der, sagen wir, nicht 120'000 Franken im Jahr verdient, keine Subventionen beansprucht und wenige Kontakte hat.

Dieselbe Mietpreiskarte verrät auch: In Hagenbuch, einer Ortschaft am äussersten Rand des Kantons Zürich an der Grenze zum Thurgau, gab es in den ­letzten Jahren Wohnungen zu vernünftigen Preisen. Alle angebotenen 3- bis 3½-Zimmer-Wohnungen waren für unter 1500 Franken zu haben. Auch die aktuelle Situation sieht gut aus: vier freie Wohnungen, zweimal 2½ Zimmer für ­etwas mehr als 1200 Franken, einmal 4½ für 1800 und eine 5½-Zimmer-Maisonettewohnung für 2250 Franken. Das klingt vernünftig. Aber lässt sich das auch über Hagenbuch als Wohnort sagen? Wie könnte es einem überzeugten Städter gelingen, sich dort zu integrieren?

Ein vorgefertigtes Bild

Um Hagenbuch zu erreichen, nimmt man am besten den Schnellzug nach Winterthur, steigt dort in eine Regionalbahn um und wechselt schliesslich in Aadorf (Kanton Thurgau) aufs Postauto. Eine knappe Stunde dauert die Anfahrt vom Zürcher Hauptbahnhof aus.

Der erste Eindruck von Hagenbuch bestätigt das bereits vorgefertigte Bild: Giebeldächer, blanke Trottoirs, rechts ein Volg, links ein Bauernhof. Eine Aufgeräumtheit, die so natürlich wirkt, dass es nur einen nicht schockieren kann, der in der Schweiz aufgewachsen ist. Durch die milchigen Fenster des Sonnenhofs, der einzigen Beiz weit und breit, sind Männer auszumachen. Von weitem rauscht die Ostschweizautobahn, die das Dorf knapp streift. Ein leichter Störfaktor in dieser Idylle.

Was Hagenbuch angeht, gibt es auch Bilder, die an mich herangetragen worden sind, noch bevor ich auf dem Dorfplatz stehe. Mehr als 60 Prozent SVP-Wähleranteil, ein mediales Drama rund um eine Flüchtlingsfamilie und die Intervention der Kesb vor zwei Jahren. Eine Gemeindepräsidentin (SVP), die sich in besagtem Fall als Hardlinerin erwiesen und das «Dorf im Grünen», wie der offizielle Claim lautet, in den Fokus der Restschweiz katapultiert hatte.

Ein spürbarer Stadt-Land-Graben war also das Mindeste, was ich erwarten durfte. Befeuert waren meine Befürchtungen durch die zahlreichen Debatten zwischen linker und rechter Seite in den sozialen Medien. Sie wurden mit aller Härte ausgetragen und mündeten nicht selten in einer gewissen Sprachlosigkeit und der totalen Ablehnung der jeweils anderen Seite. 60 Prozent SVP-Wähler dürften also zu einer gewissen Harmonie beitragen, was Debatten betrifft, dachte ich mir. Ähnliches lässt sich ja auch in meinem Wohnort beobachten, den Stadtkreisen 4 und 5, wo SP, AL und Grüne ebenfalls beinahe auf 60 Prozent kommen.

«Wie werde ich Hagenbucher?»

Hagenbucher werden ist also interessant. Nur: Wie könnte es so reibungslos wie möglich gelingen? Was gilt es zu beachten? «Im Namen der Gemeinde­behörden heisse ich alle Neuzuzüger in unserer schönen Gemeinde herzlich willkommen. Bei Fragen (...) gibt Ihnen die Gemeindeverwaltung (...) Auskünfte», lese ich in der Broschüre für Neuankömmlinge, die im Gemeindehaus aufliegt. Gezeichnet: Therese Schläpfer, Gemeindepräsidentin. Meine Frage: «Frau Schläpfer, wie werde ich zum Hagenbucher?»

Schläpfer trägt Blazer und Jeans mit leichtem Schlag, ihre Haare sind hellblond, die Brille dick umrandet. Sie führt mich in den Sitzungssaal des Gemeindehauses. Vor der Dorfkarte, Massstab 1:25 000, erklärt sie mir erst mal die geografische Situation: Hagenbuch – 817 Hektaren, davon zwei Drittel Landwirtschaft und ein Viertel Wald – ist umgeben von sechs Weilern. In den letzten 30 Jahren hat sich die Einwohnerschaft der Ortschaft zwar auf knapp 1100 Einwohner beinahe verdoppelt, was auf den Bauboom Mitte der Neunzigerjahre zurückzuführen ist, doch der Idylle hat das offenbar nicht geschadet. In meinem Kopf entstehen Bilder von Ballspielen auf Dorfstrassen, knatternden Töffli auf Kieswegen, und Geplansche im nahe gelegenen Weiher.

«Wir schätzen es, wenn die Leute sich an Gesetze und Regeln halten und ihren Lebensunterhalt selber bestreiten», sagt Schläpfer. Und: «Das Dorf funktioniert gut. Die soziale Kontrolle greift.» Ich notiere: «Soziale Kontrolle ist hier positiv besetzt ... später darüber nachdenken.»

Ich frage: «Ist dieses Dorf so idyllisch, wie es auf den ersten Blick erscheint?» Schläpfer bejaht, ohne zu zögern, sagt, es gebe hier Platz zum Atmen, zum sich Bewegen. Sie sagt aber auch: «Es gibt Leute, die manchmal Abfall auf den Boden werfen.» Und: «Gewisse Leute ärgern sich über den Traktorenlärm.»

Ich notiere: «Wäre in Hagenbuch leben so, als würde man über eine Wiese laufen in der Hoffnung, keinen Grashalm zu zertrampeln?»

«Man muss schon diplomatisch sein», sagt Silvia Roos, die mit ihrem Mann seit fast 30 Jahren direkt am Dorfplatz im alten Bäckereihaus lebt. Als Linke ist sie in Hagenbuch bestens akzeptiert. Mit der Gruppe Plattform portiert sie regelmässig Kandidaten für den Gemeinderat, um «die rechte Dominanz im Dorf zu brechen». Ihre Bewegung nennt sie «Gegenbewegung zur SVP». Zudem amtiert die 66-Jährige seit vielen Jahren in der ortsansässigen Kulturkommission, mit der sie die Schweizer Kleinkunstszene nach Hagenbuch holt. Dank ihrem Engagement in den Vereinen schafft sie es, an ihren Anlässen Dorfbewohner aller politischen Couleur zusammenzubringen. «Wenn euch die Aufführung nicht gefällt, könnt ihr ja beim nächsten Mal fernbleiben», sagt sie ihnen jeweils. Die Leute kommen gern und zahlreich.

Sie sagt auch: «Es ist ein grosser Fehler, SVP-Wähler verallgemeinernd abzukanzeln.» Man müsse mit den Leuten reden. «So ist das doch in jedem Dorf», sagt sie. Notiz an mich selber: «Diese Gesprächsbereitschaft geht vielen Städtern ab.» Und auch: «Bewegen wir uns zu oft mit Gleichgesinnten in Zonen für Gleichgesinnte?» Aber auch: «Schaffen wir damit nicht genau jene Grenze, die wir eigentlich kritisieren?» Sich darüber Gedanken zu machen, ist inspirierend.

Aber: deshalb in Hagenbuch leben?

Schweizer Ausbaustandard

Eine «gemütliche Wohnung im Dorfkern», steht in der Anzeige im Internet zu einer Wohnung, die ich nun anschauen möchte. Vernünftige 1266 Franken für 2½ Zimmer in einem 1995 erbauten Haus mit Giebeldach. Solider Schweizer Ausbaustandard. «Offene Küche, ­Geschirrspüler, Einzelboiler», sagt die junge Frau von der Immobilienfirma, die mich durch die blanken Räume führt. Vom Balkon unter Dachschräge aus ­erstreckt sich der Blick weit über fast ­surreal grüne Matten bis auf den Säntis. Im darunterliegenden Garten stehen Plastikrutsche und Trampolin. Für die einen Idylle, für die anderen Langeweile.

Einen Minuspunkt gibt es dafür, dass der zur Wohnung gehörende Parkplatz bereits vermietet ist. Besonders für jemanden, der nicht im Dorf arbeitet, ist das schlecht. Es gibt zwar 25 Busse täglich nach Aadorf oder Frauenfeld, aber die Anfahrt nur schon bis nach Winterthur geht nicht ohne Umsteigen. Ein Grund wohl, warum Hagenbuch keine Pendlerortschaft ist. Es kämen nicht viele Städter hierher, sagt auch Silvia Roos. Wieder ein Minuspunkt. Ich notiere: «Land ist eventuell gar keine geografische Kategorie, sondern eine, die in erster Linie mit Anbindung zu tun hat.» Diese These wird durch die Tatsache gestützt, dass Elgg, wenige Autominuten von Hagenbuch entfernt und mit eigenem Bahnhof, bedeutend viel weniger konservativ wählt.

Das Ländliche, es wird in Hagenbuch gehegt und gepflegt. Dies zeigen auch die Zeilen in der Willkommensbroschüre: «Kaum vier Kilometer vom Thurgauer Kantonshauptort entfernt, wähnt man sich weit weg vom offiziellen Zürich.» Was hier als Vorteil verkauft wird, notiere ich in meiner Prüfliste als Minuspunkt.

Mein Urteil ist gefällt. Hagenbuch ist malerisch gelegen, deren Bewohner waren ausgesprochen nett, und vor allem scheint das Dorf ganz anders zu funktionieren als gedacht. Meine letzte Notiz: «Hier leben: lieber nicht.»

Erstellt: 05.12.2017, 21:16 Uhr

Raus aus der City

Aber wohin?

Wer sich durch die grosse Mietpreiskarte des TA klickt, könnte erschrecken. Die Wohnungspreise in der Stadt Zürich sind auf dem freien Wohnungsmarkt überdurchschnittlich hoch. Dies drängte uns zu zwei Fragen: Welches ist die günstigste Gemeinde im Kanton Zürich? Und in welchem Gebiet in der Nähe zur Innenstadt lassen sich am ehesten günstige Wohnungen finden? Das Auswahlkriterium war eine 3½-Zimmer-Wohnung, die nicht mehr als 1500 Franken pro Monat kostet. Unsere Antworten: Hagenbuch, an der Grenze zur Ostschweiz, und Schwamendingen im Norden Zürichs. Die Daten, die der TA-Mietpreiskarte zugrunde liegen, sind einem Monitoring von Wüest Partner entnommen. Im Zeitraum von Anfang 2016 bis Mitte 2017 wurden 923 946 Wohnungsinserate ausgewertet. Daraus resultierte die grösste Mietpreis-Datensammlung der Schweiz. (TA)

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