Zum Sieg gibt es Tränen

Der Winterthurer CVP-Stadtpräsident Michael Künzle hat sein Amt erfolgreich verteidigt. Nun muss er als Bürgerlicher eine Regierung führen, die links-grün dominiert ist.

3100 Stimmen mehr: Michael Künzle gewinnt klar gegen seine Herausforderin Yvonne Beutler (auf der Treppe). Foto: Marc Dahinden

3100 Stimmen mehr: Michael Künzle gewinnt klar gegen seine Herausforderin Yvonne Beutler (auf der Treppe). Foto: Marc Dahinden

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Als er seine Frau umarmt, steigen Michael Künzle die Tränen in die Augen. Es sind Tränen eines Siegers, der sich sein Amt in zwei Wahlgängen hart erkämpfen musste. Und der bis gestern um 14 Uhr nicht gewusst hat, ob ihn Winterthur noch als Präsidenten will. Das ist für den 53-Jährigen eine unangenehme Situation gewesen – auf dem Spiel ist mehr gestanden als bloss das Präsidium. Bei einer Niederlage wäre Künzle der erste abgewählte Stadtpräsident in der Geschichte Winterthurs geworden, eine unrühmliche Auszeichnung. Er hätte künftig als normales Mitglied der Stadtregierung weiterarbeiten müssen.

Eine Niederlage würde ihm sehr zusetzen, sagen Vertraute am Wahlsonntag im Foyer des Verwaltungsgebäudes Superblock, während sie auf das Resultat warten. Viele prophezeien für den zweiten Wahlgang einen knappen Ausgang. Künzle hat harte Konkurrenz: Seine Herausforderin ist Yvonne Beutler, Winterthurs profilierte SP-Finanzvorsteherin. Doch die links-grüne Revolution ist ausgeblieben: Das Wahlvolk hat den CVP-Politiker Künzle mit 15'817 Stimmen im Amt bestätigt. Er hat Yvonne Beutler am Ende mit mehr als 3100 Stimmen geschlagen. Sie hat 12 642 erreicht. Die Stimmbeteiligung ist für einen zweiten Wahlgang mit fast 44?Prozent hoch gewesen. Bemerkenswert: Altstadt und Veltheim, die beiden Stadtkreise mit der höchsten Stimmbeteiligung, haben Yvonne Beutler gewählt.

Die beiden Lager versöhnen

Nicht nur eine Niederlage hätte Michael Künzle persönlich genommen, er bezieht auch seinen Sieg auf sich und wertet ihn als Lob der Winterthurerinnen und Winterthurer. Er interpretiert die Wahl als Votum der Bevölkerung: «Mike, du hast es gut gemacht.» Deshalb will er mit der Stadt im Grossen und Ganzen weiterfahren wie bisher: Die Finanzen unter Kontrolle behalten, etwas wachsen, aber nicht zu viel. Zudem verspricht er, die beiden Lager in der Stadt zu versöhnen. Das ist bemerkenswert für einen Stadtpräsidenten, der noch im März klar eine Seite vertreten hatte: jene der bürgerlichen Allianz aus SVP, FDP und CVP. Aber es ist auch verständlich: Anders als in den vergangenen vier Jahren wird Künzle Stadtpräsident eines links-grün dominierten Siebenergremiums sein. Das, weil SVP-Stadtrat Josef Lisibach im März abgewählt worden ist und an seiner Stelle Christa Meier (SP) einen Stadtratssitz erobert hat.

Die Linke feierte am Sonntag trotzdem – weil sie im März gewonnen hatte.

Arbeitsbeginn für die neue Regierung wird Anfang Juni sein. SP und Grüne halten dann vier Sitze, die FDP und die CVP deren drei. Von dieser Zusammensetzung zeigt sich Künzle unbeeindruckt. Unter ihm sei die Mehrheit im Stadtrat bereits einmal links-grün gewesen, nämlich von 2012 bis 2014.

Die zwei Reden des CVP-Chefs

Yvonne Beutler gibt sich nach der Niederlage betont gut gelaunt. Sie sei zwar enttäuscht, sagt sie. «Ich wäre sehr gerne Stadtpräsidentin von Winterthur geworden.» Es habe nun halt nicht gereicht. Sie wolle sich weiterhin motiviert ihrer Arbeit widmen. Feiern werden die Linken trotzdem, den Wahlsieg vom März. Damals haben sie im Stadtrat einen und im Gemeinderat drei Sitze gewonnen. SP-Co-Präsidentin und Nationalrätin Mattea Meyer sagt, vor allem jener Wahlsonntag sei für die SP von entscheidender Bedeutung gewesen.

Das kann Andreas Geering nicht behaupten. Der CVP-Präsident hat am Sonntag mehr um seinen Stadtpräsidenten gezittert als im März. Er bereitete gar zwei Reden vor, eine für den Sieg, eine für die Niederlage. Künzles Wahl erleichtert ihn deshalb beinahe ebenso wie den wiedergewählten Stadtpräsidenten selber. «Es waren intensive Wochen», sagt Geering, «aber es hat sich gelohnt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.04.2018, 22:40 Uhr

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