Zwei, die im Trend liegen – eigentlich

Frau und grün: Marionna Schlatter und Tiana Angelina Moser stehen für die Topthemen dieses Jahres. Dennoch unterscheiden sich die Ständeratskandidatinnen beträchtlich.

Sie politisiert ganz links aussen: Marionna Schlatter von den Grünen. Foto: Reto Oeschger

Sie politisiert ganz links aussen: Marionna Schlatter von den Grünen. Foto: Reto Oeschger

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Die eine ist 39, die andere 40. Beide sind Landkinder, aufgewachsen im Zürcher Oberland, die eine in Bäretswil, die andere in Weisslingen. Die eine hat Soziologie studiert, die andere Politik- und Umweltwissenschaften. Die eine hat zwei Kinder, die andere vier. Die eine ist seit 2011 Kantonalpräsidentin ihrer Partei, die andere war es bis 2011. Die eine ist Kantonsrätin, die andere Nationalrätin. Beide wollen Zürcher Ständerätin werden.

Marionna Schlatter kandidiert für die Grünen, gemäss Wahl-umfrage des TA wird sie am 20. Oktober einen Wähleranteil von 15 Prozent erreichen. Tiana Angelina Moser tritt für die Grünliberalen an, sie schneidet mit prognostizierten 21 Prozent etwas besser ab. Vor den zwei Frauen liegen Roger Köppel (SVP, 31 Prozent) sowie die amtierenden Ständeräte Ruedi Noser (FDP, 41 Prozent) und Daniel Jositsch (SP, 63 Prozent).

Streitpunkt Freihandel

Dass Moser und Schlatter zurückliegen, lässt unter anderem auf eine relativ geringe Bekanntheit schliessen – Köppel kennt jeder, und Bisherige haben sowieso immer einen Startvorteil bei Persönlichkeitswahlen. Kommt dazu, dass das Duo Jositsch/Noser geschlossen auftritt, sodass auch viele SP-Sympathisanten den Freisinnigen wählen wollen. Das ergab die TA-Wahlumfrage, die ­in der ersten Septemberhälfte durchgeführt wurde.

Dabei stehen die beiden Frauen für Themen, die in diesem Jahr die Massen mobilisiert haben: Klimapolitik und Gleichstellung. In beiden Bereichen brauche es endlich griffige Massnahmen, finden sie.

Erfahrung ist ihr Bonus: Die Grünliberale Tiana Angelina Moser. Foto: Andrea Zahler

Zum Beispiel die Elternzeit. Die Grünliberalen fordern 28 Wochen, wovon Mutter und Vater je die Hälfte beziehen müssen. «Ein Vaterschaftsurlaub von zwei Wochen, wie ihn das Bundesparlament gerade beschlossen hat, bringt keine gesellschaftliche Veränderung», sagt Moser. Für die Grünen sind 28 Wochen das Minimum. «Wir orientieren uns an den nördlichen Ländern», sagt Schlatter. Dort dauert der Elternurlaub ein Jahr oder länger.

Zum Beispiel die Pestizide. Schlatter befürwortet die Trinkwasserinitiative, welche die Schweizer Agrarpolitik auf den Kopf stellen würde. Die Initianten verlangen, dass nur noch jene Bauernbetriebe Direktzahlungen bekommen, die keine Pestizide einsetzen. «Die Initiative geht sehr weit», findet Schlatter, aber leider sei kein Gegenvorschlag zustande gekommen. Auch Moser will die Initiative unterstützen. Sie hatte mit einem Vorstoss im Parlament einen Aktionsplan zur Reduktion der Pestizide verlangt. Der Bund setzte die Forderung zwar um, «doch der Plan bringt viel zu wenig», stellt Moser ernüchtert fest.

Moser ist für Mercosur-Abkommen

In Fragen der Ökologie und der Gleichstellung sei sie mit den Jahren ungeduldiger geworden, sagt Tiana Moser, die schon seit 2007 im Nationalrat politisiert. «Ich habe gemerkt, dass ich mit allzu kooperativem Verhalten nicht weit genug gekommen bin.» Das heisst aber nicht, dass Grünliberale und Grüne nun dieselbe Umweltpolitik machen würden. Die Grüne Partei ist in ihrem Kernthema radikaler als die Grünliberale Partei, die sich 2005 von ihr abgespalten hat und die das liberale Element stärker gewichtet.

Das zeigt sich aktuell beim Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay. Die Grünen wollen das Referendum dagegen ergreifen, wenn es nicht massiv nachgebessert werden sollte. Sie verlangen verbindliche Vorschriften zur Nachhaltigkeit mit Kontroll- und Sanktionsmechanismen. Schlatter: «Der Regenwald im Amazonas brennt, wir sollten seine Zerstörung nicht noch fördern, indem wir den Fleisch- und Soja-Import ankurbeln.»

Moser schätzt die Sache anders ein: «Wenn wir mit den Mercosur-Staaten zusammenarbeiten, gewinnen wir längerfristig auch für die Ökologie mehr.» Im Abkommen seien Umweltstandards festgelegt worden. Zudem sei der Freihandel wichtig für die Schweiz, sagt die grünliberale Politikerin.

Wer kann Noser schlagen?

Grundsätzlich unterschiedliche Haltungen haben Grünliberale und Grüne in der Sozial- und Steuerpolitik. Marionna Schlatter ordnet sich klar links ein, auch mit Blick auf SP-Mann Jositsch: «Im Ständeratswahlkampf bin ich sicher die linkste Kandidatin.» Bezüglich GLP zählt Schlatter eine Reihe von Differenzen auf: Die Grünen waren für die Abschaffung der Pauschalbesteuerung, gegen die Unternehmenssteuerreform III, gegen höhere Franchisen in der Krankenversicherung.

Glasklar ist auch ihre Haltung zu den Skos-Richtlinien: Sie sollen für alle gelten. Die Schweizer Sozialhilferichtlinien standen vor vier Jahren im Zürcher Kantonsrat zur Debatte. Die SVP und Exponenten anderer bürgerlicher Parteien wollten, dass sie nicht mehr verbindlich sein sollten für die Gemeinden im Kanton. Auch ein Teil der Grünliberalen unterstützte diese Forderung damals.

Ob die GLP-Fraktion heute gleich entscheiden würde, ist offen. Sie ist inzwischen stark gewachsen, die Frauen sind nun in der Mehrheit. Nationalrätin Moser steht jedenfalls zu den Skos-Richtlinien: «Die Standards sind wichtig, damit kein Rennen um die tiefsten Sozialkosten entsteht.» Auch die Grünliberalen seien solidarisch mit den Schwächsten, sagt Moser. Aber, und dies sei der Unterschied zur Linken: «Uns ist die Finanzierbarkeit wichtig. Die Linke will allen helfen, wir wollen den Bedürftigen helfen.»

Weil sich die Stimmen am 20. Oktober auf insgesamt sieben Kandidierende verteilen, wird es so gut wie sicher zu einem zweiten Wahlgang kommen. Im ersten schafft es voraussichtlich nur Daniel Jositsch (SP). Für die zweite Runde müssen sich die ökologischen Kräfte auf eine Person konzentrieren: Moser oder Schlatter. Die besseren Chancen hat Moser. Wenn überhaupt jemand den Freisinnigen Noser schlagen kann, dann sie. Als Grünliberale kann sie bis weit über die Mitte hinaus Stimmen holen, sie hat viel mehr politische Erfahrung als Schlatter und ist bekannter, da sie als Fraktionschefin der GLP regelmässig in TV-Sendungen auftritt.

Erstellt: 23.09.2019, 21:15 Uhr

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