«Zwingli hat Prostituierte besucht»

Kirchenhistoriker Peter Opitz ärgert sich über den «Unsinn», der oft über den Reformator erzählt werde. Zwingli sei auch kein spröder Typ gewesen – im Gegenteil.

«Zwingli forderte Solidarität mit den Armen und sozial Schwächeren»: Das Denkmal des Reformators, als es für eine Kunstaktion an die Zürcher Langstrasse versetzt wurde. Bild: Thomas Burla

«Zwingli forderte Solidarität mit den Armen und sozial Schwächeren»: Das Denkmal des Reformators, als es für eine Kunstaktion an die Zürcher Langstrasse versetzt wurde. Bild: Thomas Burla

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Herr Opitz, warum kann man in Zürich den Zwingli nicht ähnlich offensiv vermarkten und popularisieren, wie dies in Wittenberg mit Luther geschieht?
Die Unterschiede liegen erstens im Selbstverständnis der beiden Reformatoren, und zweitens in der Art, wie die beiden rezipiert wurden. Luther sah sich schon sehr früh selber als göttlich beauftragter Anführer der «Lutherischen» an. Sicher auch aufgrund der Reaktionen seiner Fans. Er wurde sehr schnell zu einem Mythos, mit dem sich alle Deutschen identifizierten.

Inwiefern?
Schon zu Lebzeiten wurde er als Hercules Germanicus bezeichnet, der den Papst und die religiöse Fremdherrschaft in die Flucht schlägt. Er hat es sogar auf den Altar der Wittenberger Kirche geschafft: Ein Gemälde von Cranach zeigt ihn dort im Kreis mit Jesus und den Jüngern beim letzten Abendmahl sitzend. So etwas wäre in der reformierten Schweiz mit Zwingli niemals möglich gewesen.

Luther wurdemit Jesus und den Jüngern beim Abendmahl gemalt. So etwas wäre in Zürich unmöglich gewesen.

Wie war das bei ihm?
Zwingli hatte ein republikanisches Selbstverständnis. Als Eidgenosse war für ihn immer klar: Es gibt nicht einen Einzelnen, der entscheidet und das Sagen hat. Könige und Fürsten auf Lebzeit, wie sie in Deutschland auch über die Religion ihrer Untertanen entschieden, waren ihm fremd. Die Zürcher Reformation war eine Reformation der Stadt, wo der Stadtrat, vom Volk oder von den Zünften gewählte Leute, die Reformation beschlossen hat. Und dies nicht am Volkswillen vorbei, sondern auf Druck der Einwohnerschaft in Stadt und Land, gleichsam von unten.

Und was war Zwinglis Rolle dabei?
Zwingli war nie ein religiöser Diktator. Der Rat wollte zwar seinen Rat stets hören, meistens aber wurden seine Vorschläge noch geändert – wenn sie überhaupt akzeptiert wurden. Dafür musste Zwingli Argumente bringen und überzeugen, und dies tat er nicht allein, sondern im Austausch und in Verbindung mit Kollegen und Mitstreitern.

Zwingli war besorgt, dass die sich christlich nennende Eidgenossenschaft in Wahrheit alles andere als christlich war.

Wer nach Spuren Zwinglis in Zürich sucht, stösst bald auf das eindrückliche Denkmal mit dem riesigen Schwert hinter der Wasserkirche. Könnte man daran anknüpfen?
Da muss man aufpassen. Das Zwinglidenkmal entstand 1885, in einer Zeit, in der auch anderswo ein politischer Heroenkult Mode war, mit entsprechenden Denkmälern für grosse Männer. Offenbar wollte man in der Schweiz hier nicht nachstehen. Zudem war es die Zeit kurz nach dem Kulturkampf, der Auseinandersetzung zwischen liberalen und katholisch-konservativen Kräften. Zwingli sollte als protestantischer Staatsmann und als Wahrer von Freiheit und Recht dastehen – mit Blick gegen die katholische Innerschweiz. Man muss aber unterscheiden zwischen dem, wozu Zwingli im 19. Jahrhundert diente, und dem, was er zu seinen Lebzeiten wollte.

Und das war?
Er war in erster Linie Pfarrer und von der Sorge bewegt, dass die sich christlich nennende Eidgenossenschaft in Wahrheit alles andere als christlich war – übrigens ein dauerndes Problem des christlichen Abendlandes.

Wenn man Zwingli im 19. Jahrhundert schon einmal umgedeutet hat, könnte so etwas doch auch heute wieder gelingen.
Wir leben heute in einem pluralistischen Zeitalter. Entsprechend schwierig ist es, allgemein zu sagen, was «den Menschen von heute» interessieren könnte. Zwingli war eindeutig zunächst das, was man heute einen religiösen Menschen nennt, und doch nicht nur: Es ging ihm um das Gottesverhältnis des ganzen christlichen Volkes. Dieses sollte, in Zwinglis Worten, von Heuchelei und Aberglauben gereinigt werden, und es sollte in Mitmenschlichkeit und soziale Gerechtigkeit münden. Das bedeutete zum Beispiel, dass man nicht Söldner exportiert und mit Krieg im Ausland Gewinne macht – das Thema Kriegsgüterexport ist bekanntlich immer noch aktuell. Und wenn Zwingli die kultischen Götzenbilder aus den Kirchen entfernt haben wollte, dann wies er darauf hin, dass nach der Bibel jeder Mensch ein lebendiges Bild Gottes ist, und forderte Solidarität mit den Armen und sozial Schwächeren.

Das wären heute linke Anliegen.
Zwingli dachte radikal: Privatbesitz war für ihn nicht das, wozu Gott den Menschen erschaffen hatte. Er war unvermeidlich, weil die Gesellschaft leider aus lauter Egoisten besteht, reichen und armen. Das Stichwort Gerechtigkeit ist für ihn ganz zentral, und zwar soziale Gerechtigkeit. Politisch stünde er mit Sicherheit mehr links als rechts.

Als Historiker ärgere ich mich oft über den Unsinn, der hier erzählt wird über Zwingli.

Was ist mit all den negativen Assoziationen, die dem Zwinglianischen anhaften?
Als Historiker ärgere ich mich oft über den Unsinn, der hier erzählt wird. Zwingli hat keine Täufer ertränkt, er hatte kein politisches Mandat, sie zu verurteilen, ja er hat sie sogar lange verteidigt. Es war der Rat, die politische Behörde, die in den notorisch ungehorsamen Täuferpredigern eine Gefahr sah und schliesslich einige hinrichtete, über 250 Jahre bevor so etwas wie Religionsfreiheit erstmals propagiert wurde.

Aber im Streit mit den Katholiken war er kompromisslos. Zwingli wollte die Katholiken nie mit Gewalt zum reformierten Glauben führen – bekanntlich fanden die Kappeler Kriege auf Zürcher Boden statt, nicht auf Innerschweizer Territorium. Hier ging es ihm zunächst um Religionsfreiheit für die Bewohner der sogenannten Gemeinen Herrschaften, die Zürich um Hilfe gerufen hatten. Auch der oft erwähnte Bildersturm fand so in Zürich nicht statt. Nach einzelnen Vandalenakten wurden diejenigen Bilder, die der Verehrung dienten, von Handwerkern fachgerecht entfernt und wenn möglich den Stiftern zurückgegeben. Überhaupt war Zwingli für eine geordnete Reformation, nicht für Revolution und Aufruhr. Er war oft mehr Bremser als Motor.

Und die zwinglianische Lustfeindlichkeit? Ist die etwa auch erfunden?
Im 16. Jahrhundert wie schon in den Jahrhunderten zuvor fühlte sich die Obrigkeit viel stärker für die Sitten zuständig als heute. In Zürich ebenso wie in anderen, auch in katholischen Städten. Alkoholismus, Geldspiel, Prunksucht und Schlemmerei, aber auch öffentliches Tanzen galt es zu bekämpfen. Nachdem in Zürich die Bischofsbehörde weggefallen war, nahm der reformierte Rat die Zügel in die Hand. Das alles hat wenig mit Zwingli zu tun, denn richtig puritanisch wurde es erst hundert Jahre nach Zwinglis Tod im 17. Jahrhundert – übrigens gleichzeitig auch in katholischen Städten.

 Man hat Zwingli vorgeworfen, zu sehr ein Liebhaber von Musik und Spiel zu sein. Selbst Luther hat seinen Humor gefürchtet.

Aber Zwingli war doch ein eher freudloser Typ.
Im Gegenteil: Wiederholt hat man ihm vorgeworfen, zu sehr ein Liebhaber von Musik und Spiel zu sein, und selbst Luther hat seinen ironischen Humor gefürchtet. Zwinglis Reformation war ja gerade ein Kampf gegen religiösen Zwang und Gesetzlichkeit. Die Reformation hat übrigens das Volkstheater in Zürich belebt. Und auf dem Gebiet der Ehe wurde nun zum Beispiel die Scheidung möglich, weil es um Menschen gehen sollte und nicht um kirchliche Gesetze. Zudem sollten nun die jungen Leute nicht mehr einfach von ihren Eltern verheiratet werden, sondern selbst bestimmen können, wen sie heiraten wollen.

Weiss man Persönliches über Zwingli als Menschen, das ihn uns näherbringen könnte?
Man weiss lange nicht so viel wie bei Luther. Nicht nur, weil Zwingli früher starb. Zwingli erzählte nicht gross von sich. Eher zufällig erfährt man gelegentlich Einzelheiten aus seinem Privatleben. Etwa, dass er viel Geld für Bücher ausgab, dass er persönliche und religiöse Krisen erlebt hat, und dass er als katholischer Priester wie alle seine Berufsgenossen auch Prostituierte besucht hat. 1524 heiratete er öffentlich eine Witwe mit drei Kindern und hatte mit ihr vier weitere Kinder. Seine Eigenart, nicht allzu viel von sich selber zu sprechen, nannte man später: typisch reformiert. Wahrhaft Reformierten geht es um die Sache. Personenkult ist ihnen zuwider. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.12.2015, 11:00 Uhr

Peter Opitz, Kirchenhistoriker an der Universität Zürich und Verfasser eines neuen Buches über den Reformator: «Ulrich Zwingli – Prophet, Ketzer, Pionier des Protestantismus».

Zwinglis Comeback?

Während in Deutschland die Feierlichkeiten zu 500 Jahren Reformation in vollem Gang sind, bekommt man in der Schweiz vom Jubiläum noch nicht viel mit. Ab dem kommenden Jahr soll sich das aber ändern. Stadt und Kanton Zürich, Zürich Tourismus und die reformierte Kirche haben sich zusammengeschlossen, um die bevorstehenden Jubiläumsjahre «öffentlichkeitswirksam und nachhaltig» zu gestalten. Dabei wird auch die in Zürich eher negativ besetzte Figur des Reformators Huldrych Zwingli wieder zum Thema. Aber wie? Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat einen Pfarrer, einen Werber und einen Historiker dazu befragt. (hub)

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Vom Bauernsohn zum Reformator

Huldrych Zwingli kam am 1. Januar 1484 im toggenburgischen Wildhaus als Bauernsohn zur Welt. In seinen Zwanzigern wurde er noch als Theologiestudent Priester in Glarus. Als solcher begleitete er die Glarner nach Marignano, wo es 1515 zum eidgenössischen Trauma auf dem Schlachtfeld kam – eine Erfahrung, die den humanistisch beeinflussten Zwingli erschütterte.

Drei Jahre später kam er nach Zürich, wo er ab 1519 am Grossmünster predigte. Hier entwickelte er sich zu jenem Reformator, der die Verhältnisse von Grund auf umformte. Zunächst, als er 1522 den Fastenbruch mehrerer Zürcher Bürger gegen den Bischof verteidigte. Dann, indem er das Ende des Zölibats und eine schriftgemässe Predigt verlangte. In Zürich musste er seine Lehre in einer Disputation vor dem Rat gegen seine Kritiker verteidigen und setzte sich durch.

Derart gestärkt, folgten Schritte wie die Abschaffung der Messe, die Entfernung der Bilder, die Aufhebung der Klöster. Als gut Vierzigjähriger versuchte Zwingli nun die Reformation seiner Prägung in der Eidgenossenschaft und international zu verbreiten. Dabei kam es zum einen zum Zerwürfnis mit Martin Luther. Zum anderen führte der Versuch, die freie Predigt in reformationsfeindlichen Gebieten der Eidgenossenschaft durchzusetzen, in den Kappelerkrieg von 1531. Dort starb Zwingli mit 47 Jahren auf dem Schlachtfeld. (hub)

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