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Zwinglis wichtigster Mann

Christoph Froschauer gilt bei Orell Füssli als eine Art «Gründervater». Er sei ein impulsiver Geizhals gewesen, weiss der Historiker Urs Leu.

Thomas Wyss
Durch 500 Jahre getrennt, in der Reformation vereint: Urs Leu und Christoph Froschauer. Foto: Reto Oeschger
Durch 500 Jahre getrennt, in der Reformation vereint: Urs Leu und Christoph Froschauer. Foto: Reto Oeschger

Wir sitzen an einem Hinterzimmertisch im dritten Stock der Zentralbibliothek. Es sieht ein bisschen vorgestrig aus, wie in einem Dokumentarfilm aus den 1970er-Jahren (bis auf den Kopierapparat, der wirkt eigenartig anachronistisch), und das ist absolut stimmig – denn hier oben werden die ältesten Bestände an gedruckten Büchern verwaltet, die diesem Haus gehören.

Die Abteilung heisst «Alte Drucke und Rara». Ihr Aufbau begann 1990 und dauerte fünf Jahre. Verantwortlich dafür war ein 29-jähriger Historiker namens Urs Leu, der zwei Jahre davor die Doktorarbeit über den Zürcher Universalgelehrten Conrad Gessner (1516–1565) geschrieben hatte. Und der heute, exakt doppelt so alt, als Abteilungsleiter an ebendiesem Tisch sitzt und auf die Frage des Gegenübers, wie um Himmels Willen man sich freiwillig in solch verstaubte Materie vertiefen könne, lachend antwortet: «Schuld daran war Fritz Büsser, Professor für Kirchengeschichte an der Uni Zürich. Seine Vorlesungen waren derart packend, dass ich in der Reformation hängen blieb.»

Büsser, der auch das Institut für Reformationsgeschichte leitete, habe dann einige seiner Studenten dazu animiert, sich für ihre Liz-Arbeit um die vermeintlich «Unwichtigeren» aus der Reformationszeit zu kümmern – also um Figuren wie Heinrich Bullinger, Konrad Pelikan oder eben Gessner, die zumindest in den neuzeitlichen Betrachtungen stets im Schatten Zwinglis gestanden hätten. «So war ich dann auf dem Weg, und den habe ich, wie man sieht, bis heute nicht mehr verlassen.»

Die Stadt brauchte ihn

Auf diesem Weg ist Urs Leu zu einem der versiertesten Experten und Forscher rund um die Zürcher Reformation geworden; er war es auch, der 2017 Spuren von Zwinglis Wirken im Kloster Einsiedeln entdeckte, nach welchen jahrzehntelang vergeblich gesucht worden war – in Form einer kleinen handschrifltichen Randbemerkung, verewigt im Einsiedler Codex.

Das Werk ist eines der Exponate in der Ausstellung «Getruckt zuo Zürich. Buchdruck und Reformation», die derzeit in der Schatzkammer der Zentralbibliothek zu sehen sind. Obwohl es in dieser Schau selbstredend auch um Zwingli geht, ist ihr genuiner Held einer seiner zuvor erwähnten «Schattenmänner»: Ohne Buchdrucker Christoph Froschauer, der die Gedanken und Ideen des Reformators als Flugschriften und 1531 in Gestalt der «Zürcher Bibel» unter die Leute brachte, hätte Zwingli nie diese europaweite Popularität erlangt, betont Leu.

Und da dieser Kerli nun auch noch ins Hier und Jetzt stolpert – Orell Füssli, unter anderem bekannt für die Herstellung der Schweizer Banknoten, führt die Anfänge auf Froschauers Druckerei zurück und zelebriert darum dieser Tage ebenfalls das 500-Jahr-Jubiläum – wollen wir ihn mithilfe des Historikers etwas genauer ansehen.

Er realisierte 760 Werke. Damit zählte er zu den grössten Buchdruckern in seiner Epoche.

Froschauer, um 1490 in der bayerischen Gemeinde Kastl geboren, kam 1515 nach Zürich, wo er als Geselle bei Hans Rüegger anheuerte. Der Pflastersetzer und Brunnenmeister hatte sich 1504 eine Druckerpresse angeschafft, die er jedoch ineffizient nutzte. Nach Rüeggers Tod 1517 ehelichte Froschauer dessen Witwe Elsa, übernahm die Druckerei samt Wohnhaus und gab sich ambitioniert. «Die Stadtoberen waren froh, wieder einen motivierten Buchdrucker zu haben, sie brauchten ihn. Darum erhielt er bereits zwei Jahre später das Bürgerrecht», so Leu.

Wie man herausgefunden hat, thematisiert die erste Druckarbeit, die zweifelsfrei Froschauer zuzuordnen ist, die Geburt eines Hermaphroditen am 1. Januar 1519. Etwa zwei Jahre später kreuzten sich seine Weg dann mit jenen des Leutpriesters und Reformators. Aus der beruflichen Zusammenarbeit sei bald eine Glaubensgemeinschaft und tiefe Freundschaft geworden, weiss Urs Leu, «es gibt Briefe von Zwingli, die das belegen.»

Grundlage von allem war aber gleichwohl Christoph Froschauers qualitativ hervorragende Arbeit, die er durch die Entwicklung eigener Typen und durch die Einarbeitung prächtiger Holzschnitt-Illustrationen mehr und mehr zur Kunst stilisierte. Mit den 760 Werken, die er zeitlebens realisierte – insgesamt war es gegen eine Million Exemplare, die in der Offizin Froschauer entstand – zählte er zu den grössten Buchdruckern seiner Epoche; notabene mit einem wohl unvergleichlichen Spektrum, das von Bibeln über Chroniken, Lexika und Tierbüchern bis zur Kartografie reichte.

Ein unzimperlicher, impulsiver Mann

Pate des Erfolgs sei in erster Linie Froschauers Geschäftssinn gewesen, sagt Urs Leu: «Er pachtete die städtische Papiermühle auf der Papierwerd, um eigenes Papier herzustellen und Kosten zu sparen. Er vergrösserte seine Druckerei durch mehrmalige Umzüge gezielt. Am letzten Standort in einem Teil des ehemaligen Dominikanerklosters St. Verena – das war da, wo sich heute das Kino Frosch befindet – hatte er auch moderne Druckmaschinen angeschafft, davon zeugt ein sprunghaft angestiegenes Produktionsvolumen.

Und zu jener Zeit beschäftigte er allein da bestimmt 30 Mitarbeiter. Andrerseits, so der Historiker weiter, gehe aus Briefen von Zeitgenossen hervor, dass er ein unzimperlicher, impulsiver Mann gewesen sei, der schon mal drauflos toben konnte, wenn ihm etwas nicht passte oder jemand die Schulden nicht berappen konnte. «Und an einer Stelle wird er gar als Geizhals beschrieben. Womöglich war dies mit ein Grund für sein stattliches Vermögen, das er im Laufe seines Daseins anhäufte.»

Das provokante Wurstessen

Zu diesem feurigen Temperament passt auch der religiöse Ungehorsam, den er sich am ersten Sonntag der Fastenzeit anno 1522 leistete: Mit seiner Belegschaft und ein paar zugewandten Geistlichen veranstaltete Froschauer nämlich ein Wurstessen – und musste sich dafür vor dem Stadtrat rechtfertigen. Er argumentierte in einem Rechtfertigungschreiben, dass er und seine Leute für die bevorstehende Frankfurter Buchmesse Tag und Nacht gearbeitet hätten, selbst an Werk- und Feiertagen hätten sie nicht pausiert. Und darum etwas Anständiges zu essen gebraucht, vom «Mus» allein seien sie nicht satt geworden, «und fisch vermag ich nit aber alwegen ze kouffen».

Das Schreiben endete mit dem Hinweis, dass solche Fastengebote gar nicht der Lehre des Neuen Testaments entsprächen. Zwingli griff das Thema zwei Wochen später in der Predigt auf, wobei der entsprechende Text «Vom Erkiesen und Fryheit der Spysen» fast zeitgleich bei Froschauer erschien. War die ganze Wurstsache von A bis Z strategisch geplant gewesen? Urs Leu lacht: «Das ist durchaus denkbar, ja.»

Froschauer starb am 1. April 1564 an der Pest. Da auch seine zweite Ehe mit Dorothea Locher kinderlos geblieben war, führte zuerst sein Neffe Christoph Froschauer der Jüngere die Offizin weiter.

«Mit seinen Büchern trieb er die Alphabetisierung voran.»

Urs Leu

Nach dessen Tod anno 1585 wechselte der Betrieb dann über 200 Jahre lang von der einen zur nächsten Zürcher Grossbürgerfamilie, war mal im Besitz der Eschers, mal in jenem der Bodmers, der Heideggers oder Gessners. Bis sie ab 1798 nur noch den Orells und Füsslis gehörte, die den Betrieb später in die heutige AG umwandelten.

Die vereinbarte Stunde ist um, eine letzte Frage, sie lautet: Welche Bedeutung hatte Froschauer für Zürich, Herr Leu? «Mit seinen Büchern trieb er die Alphabetisierung voran, er brachte Menschen zum Lesen … man kann sagen: Er verhalf der Stadt zu einem Bildungs- und Kultursprung.» Wahrlich kein schlechtes Vermächtnis für einen vermeintlich «Unwichtigeren».

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