Sie retten Pferde vor dem Schlachthof

Um 3.30 Uhr im Stall, um 7.30 Uhr im Büro: Ein Zürcher Juristenpaar betreibt einen Hof für misshandelte oder abgeschobene Tiere.

Christof Zimmerli und Claudia Steiger mit zwei der geretteten Pferde – um Hof und Tierschutz betreiben zu können, arbeiten sie tagsüber als Juristen. Foto: Andrea Zahler

Christof Zimmerli und Claudia Steiger mit zwei der geretteten Pferde – um Hof und Tierschutz betreiben zu können, arbeiten sie tagsüber als Juristen. Foto: Andrea Zahler

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Morgens um vier stehen Claudia Steiger und Christof Zimmerli ­in blauen Arbeitshosen und ­robusten Schuhen im Pferdestall, vier Stunden später sitzen sie chic gekleidet in ihren Büros: Steiger in ihrer Anwaltskanzlei in Zürich, Zimmerli in einer Kaderposition im kantonalen Steueramt ebenfalls in Zürich. Ihre Arbeitstage insgesamt: 16 bis 18 Stunden pro Tag, auch am Wochenende. Unter der Woche geht es nach der Arbeit in Zürich nochmals in den Stall und dann hinter den PC, wo Berge von administrativer Arbeit warten. Und etwa eineinhalb Stunden verbringen sie in ihren Autos, wenn sie zwischen ihrem Landwirtschaftshof im Kanton Schaffhausen und ihren Arbeitsplätzen in der Stadt Zürich pendeln. Am Wochenende schlafen sie aus – wie sie sagen. Samstags und sonntags beginnt ihr Arbeitstag um halb sechs.

Vor dem Metzger gerettet

Die Pferde sind nicht etwa ein Statussymbol eines gut verdienenden Juristenpaars. Die 51-jährige Claudia Steiger und der 53-jährige Christof Zimmerli haben diese Tiere vor dem Metzger gerettet. Keines muss sich heute mehr fürchten, demnächst zum Schlachthof gefahren zu werden, weil es als Nutztier für den Halter nutzlos geworden ist. Weil es zum Beispiel im Trabrennen zu langsam ist oder im Springsport zu wenig gut war. Oder dem Besitzer die Lust auf seine Tiere vergangen ist.

Hier, auf dem Hof im abgelegenen Tal mit den flach ansteigenden Rebhängen, dürfen die Tiere alt werden. Das älteste Ross zählt 33, das älteste Pony über 37 Jahre – vergleichbar ist das mit einem 100-jährigen Menschen.

Diego, seit 15 Jahren der Chef der Herde, ist auch schon 27 Jahre alt. Die ehemaligen Besitzer hatten den Wallach im Springsport eingesetzt und vor grausamen Trainingsmethoden offensichtlich nicht zurückgeschreckt. Verräterische Narben an den Beinen erzählen davon, dass Diego mit Bierdeckeln oder Glasscherben einbandagiert wurde. Schlug er mit den Beinen an die Stange, sollten ihn die Scherben lehren, noch höher zu springen. Diego ist heute anhänglich, lässt aber nicht alles mit sich machen: Ihn zum Freizeitpferd umzuschulen und zu platzieren, war nicht möglich: Er wirft die Reiter ab.

Was überrascht beim Gang über den Hof: Die Rösser sind neugierig und zugänglich, sie scheuen sich nicht davor, zu den Besuchern zu gehen und sie anzustupsen, damit sie sie am Hals streicheln oder am Bauch kraulen. Auch Tara gehört dazu. Sie stammt aus dem Bestand, der für den bis anhin grössten Tierquälerei-Skandal in der Schweiz steht. Im Fall Hefenhofen, der sich über Jahre hinzog, beschlagnahmten die Behörden im August 2017 rund 250 Tiere, davon 93 Pferde, die später versteigert wurden. Steiger und Zimmerli, die sich seit 2006 für ein Tierhalteverbot in diesem Fall engagierten, wollten mit Spenden Pferde aus dem Bestand ersteigern, um mögliche Beweise zu sichern. Sie erhielten aber nicht einen einzigen Zuschlag für eines der Tiere, die sie mithilfe eines Tierarztes ausgewählt hatten. Eine Privatperson kaufte Tara, die ein auffälliges Gehverhalten zeigte, dem Ersteigerer zum doppelten Preis ab, dieser wollte sie schlachten lassen. «Nach drei Wochen auf unserem Hof hatte sich ihr Gang korrigiert. Möglicherweise hatte sie aufgrund der schlechten Haltung schlicht ein muskuläres Problem», sagt Steiger.

Angehörige der Armee halfen bei der Befreiung von misshandelten Tiere. Der Fall Hefenhofen machte nationale Schlagzeilen. Foto: Adrian Moser

Claudia Steiger engagierte sich bereits als Jugendliche für den Tierschutz, sie begann schliesslich das Studium der Veterinärmedizin. Doch bald musste sie feststellen, dass sie bei stark blutenden Wunden ohnmächtig wurde.

Als Werktstudenten lernten sich Steiger und Zimmerli bei der Flughafenpolizei kennen, Zimmerli hatte bis dahin nichts mit Tierschutz zu tun. Schon während des Studiums übernahmen sie die ersten beiden Pferde. «Wir wussten zuerst nicht, wie wir uns arrangieren sollten, aber es zeigte sich, dass es für alles eine Lösung gibt.»

Für alles eine Lösung finden, dieser Ausspruch scheint das Lebensmotto der beiden zu sein. Steiger und Zimmerli gründeten gegen Widerstand die Stiftung Tiere in Not Animal Help ­(Stinah), pachteten in Buch am Irchel ihren ersten Hof, den sie 2008 verlassen mussten. Innerhalb von nur elf Monaten fanden sie den Hof, erstellten danach zwei neue Gebäude mit einer Offenstallhaltung. Rund um die Gebäude herum sind Wege angelegt, damit die Tiere ihre grossen Bewegungsbedürfnis ausleben können.

Pferde, das musste Steiger erkennen, sind für viele ein Symbol für Geld und Reichtum – und somit nicht unterstützungswürdig.Source

«Wir wollten einen eigenen Hof, damit wir nicht mehr dem Risiko der Pacht ausgesetzt sind, die der Besitzer künden kann», sagt Steiger. Sie haben ihn privat erworben und ausgebaut und stellen ihn für die Tiere der Stiftung unentgeltlich zur Verfügung.

Auf dem Hof leben momentan 53 Pferde, 7 Schafe, 3 Hunde, 2 Schweine und 32 Hühner und ein Güggel. Weitere 33 Pferde ­haben Steiger und Zimmerli bei Pferdehaltern platziert oder bei Pensionsgebern eingestellt, die sie persönlich kennen. Ebenso 13 Kühe und Ochsen sowie 2 Esel.

Ursprünglich engagierten sich Steiger und Zimmerli für Heimtiere. Sie stellten aber fest, dass es bereits damals eine beachtliche Zahl an Tierschutzorganisationen gab, die sich der Haustiere annahmen. Hingegen setzte sich niemand konkret für jene Tiere ein, die in der Landwirtschaft ihr Dasein fristen. «Wir setzten den Hauptfokus zunächst auf Pferde in der irrigen Annahme, dass sie das Bindeglied zwischen Haus- und Nutztieren bilden.» Doch Pferde, das musste sie erkennen, sind für viele ein Symbol für Geld und Reichtum – und somit nicht unterstützungswürdig.

Aus der eigenen Tasche

Das allermeiste Geld, das in das Projekt fliesst, stammt deshalb aus ihrer eigenen Tasche, aus den beiden gut honorierten Jobs, denen sie tagsüber nachgehen. Damit bezahlen sie den Hof und einen Grossteil der laufenden Kosten wie Futter, Einstreu, Medikamente, Tierärzte und die beiden Angestellten, die tagsüber in den Ställen, rund um die Gebäude und auf den Wiesen arbeiten.

In ihrer Anwaltskanzlei hat sich Steiger für die trockene ­Materie des Bau- und Immobilienrechts und für die Bereiche Energie- und Fernmelderecht entschieden. «Ich bin auf dem Hof und bei meinen gemeinnützigen Engagements so oft mit tragischen Geschichten und zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen konfrontiert, da bin ich froh, als Anwältin Distanz zu persönlichen Problemen halten zu können.» Die Arbeit im Büro empfinden Steiger und Zimmerli immer wieder als Erholung.

Erstellt: 15.10.2019, 20:08 Uhr

Beschlagnahmte Tiere

Der Fall Hefenhofen gilt als der ­bis anhin grösste Skandal von Tierquälerei in der Schweiz. Die Behörden beschlagnahmten nach Jahren der Untätigkeit am 7. August 2017 auf dem Hof eines berüchtigten Bauern im Kanton Thurgau 250 vernachlässigte Tiere, 93 Pferde,  33 Kühe, rund 100 Schweine und einige Ziegen. Beschlagnahmungen gibt es auch im Kanton Zürich, es sind aber Ausnahmen. Gemäss Veterinäramt wurden den Tierhaltern in letzten Jahr 4 Equiden – Pferde, Ponys, Esel, Maultiere und Maulesel–, 5 Rinder, 3 Schweine, 3 Ziegen und 2 Schafe weggenommen. Diese 17 Tiere stammen aus 11 Fällen. 2017 hat der Kanton Zürich je ein Rind und eine Ziege beschlagnahmt, 2016 ein Schaf. Die Massnahme sei «ein äusserstes Mittel im Tierschutz», schreibt das Veterinäramt. Manche Tierhalter lösten aufgrund eines Halteverbots den Bestand selber auf. (zet)

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