Zwischen Ruhe und Rummel

Hochsommer ist Hochsaison auf der Ufenau – und Hochzeitssaison. Wie verträgt sich das mit dem Konzept der «Insel der Stille» des Klosters Einsiedeln?

Heiraten auf der Ufenau. Video: Reto Oeschger und Lea Koch

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An schönen Sommertagen scheint es manchmal fast, als ob man zu Fuss von Pfäffikon auf die Insel Ufenau gelangen könnte. Hüpfend von Schiff zu Schiff. «Es böötlet wieder», sagen dann die Einheimischen. Und wenn nach einem lauen Sommerabend die untergehende Sonne den See golden einfärbt, präsentiert sich die Ufenau wie eine Südseeinsel auf der Fototapete eines Teenagers.

Wenn die Sonne hinter der Insel untergeht und die Boote im ruhigen See träge am Anker dümpeln, herrscht Ferienstimmung auf der Ufenau.

Hochsaison auf der Ufenau. Und Hochzeitssaison auf der Ufenau. Sandra und Steffen Reuss kommen mit dem Kursschiff zu ihrer Trauung in der Kirche St. Peter und Paul. Sakristan Roman Braschler läutet die Glocken, Alexander Seidel spielt auf einer kleinen Elektro­orgel den Hochzeitmarsch, und Pfarrer Rolf Jost spricht von Stetigkeit und Vertrauen, die gepaart mit Liebe ein solides Fundament für ein Zusammenleben bilden. Dann werden die Ringe getauscht.

Die Nutzungsordnung für die sakralen Bauten auf der Ufenau gestattet höchstens eine Hochzeit pro Tag. Für Taufen steht die Kirche nicht zur Verfügung, und pro Saison werden maximal zehn kulturelle Anlässe in St. Peter und Paul bewilligt. Die Kapelle Sankt Martin dient Gottesdiensten und der stillen Einkehr. Die Ufenau soll eine «Insel der Stille» sein, hat das Kloster Einsiedeln als Grundeigentümer vor gut zehn Jahren festgelegt. «Keine leichte Aufgabe», sagt Pater Lorenz Moser.

Sandra und Steffen Reuss frisch getraut. Nun wird gefeiert.

Die Anfragen an das Kloster sind mannigfaltig: Ein Pfadilager für 1700 Leute, das Ziel für ein Fallschirmspringen, ein Landeplatz für einen Helikopter. «Das kommt alles nicht infrage», sagt der Pater. Doch heisst Stille für das Kloster nicht Grabesruhe. Denn Stille ist nicht in erster Linie akustisch gemeint, sondern als Gegensatz zu Aufgeregtheit. Sie meint Schlichtheit im ­Gegensatz zu Überfülle, Zeitlosigkeit im Gegensatz zur Kurzlebigkeit. Diese Grundwerte sind für das Kloster die Leitlinien, welche es sich für die Aktivitäten auf der Insel gesetzt hat.

Ein Stammgast kehrt bei Rösli Lötscher im Insel-Restaurant ein und brummt: «Viel zu viel Rummel hier.» Er mag gar nicht mit der Journalistin sprechen, die über die Ufenau schreiben will. «Sie locken uns noch die ganzen Stadtzürcher an.» Tatsächlich erscheint gerade ein Strom von Ausflüglern im Blickfeld. Ein Kursschiff hat sie unten am Steg ausgespuckt. Sie schauen neugierig der Hochzeitsgesellschaft zu, die sich nach der Trauung vor der Kirche versammelt hat. Sandra Reuss ist Leutnant des Sanitätsersteinsatzelements Höfe, die «Fraue und Manne» sind zum Spalierstehen angetreten. Sandra Reuss fällt ihnen temperamentvoll um den Hals. Dann macht sie sich zum Brautstrausswerfen bereit.

Stille ist nicht in erster Linie akustisch gemeint, sondern als Gegensatz zu Aufgeregtheit.

Das ist der Moment, bei dem sich die Neuankömmlinge wieder in Bewegung setzen und durch den Weinberg den sanften Abhang hinuntersteigen. Manche nehmen nun den Inselrundgang unter die Füsse, andere kehren gleich bei «Rösli» ein. «Sehen Sie, viel zu viel Rummel», sagt der Mann wieder, doch schaut er bereits etwas freundlicher in die Welt, als sich die Wirtin kurz zu ihm setzt, einen sauren Most einschenkt und sagt: «Komm doch gegen Abend noch mal. Wenn das letzte Kursschiff abgelegt hat, ist es viel ruhiger hier.»

«Manchmal braucht es fast einen Spagat, um dem Motto ‹Insel der Stille› nachzuleben», sagt Fredy Kümin, Präsident des Vereins Freunde der Insel Ufenau. Er interpretiert den Begriff Stille im Sinne von Beschaulichkeit. «Im Sommer muss die Balance zwischen Betrieb und Ruhe gefunden werden.» Jüngst hat das Kloster das Baugesuch für die Restaurierung des barocken «Hauses zu den zwei Raben» eingereicht. Dieses sieht im Erdgeschoss eine Gaststube mit 80 Plätzen vor. Wie verträgt sich das mit dem Anspruch «Insel der Stille»?

Schwanen- und andere Familien auf Sonntagsausflug.

«Gastfreundschaft ist einer der Pfeiler der Benediktsregel», sagt Pater Lorenz Moser. Und damit verweist er auf einen weiteren Grundwert des Nutzungskonzepts: Gastfreundschaft statt Abschottung. Zudem wird die Gaststube das notdürftige Zelt ersetzen, das bei Regen den angemeldeten Gruppen «Schärmen» bietet. Künftig werden im renovierten Gasthaus weniger gedeckte Plätze zur Verfügung stehen als heute.

Zwei Buben spielen Fangis um die Kirche herum. «Du häsch ja glätschet, wo s Mami ghüratet hät», hänselt der Ältere den Jüngeren. Natürlich streitet der das ab. Es sind Sandra Reuss’ Söhne aus einer vorherigen Beziehung. Steffen Reuss ruft: «Chömed Buebe, wir machen ein Familienfoto.» Ein Teil der Hochzeitsgäste hat sich schon fröhlich plaudernd auf den Weg zum Apéro im Festzelt gemacht. Der Wind fährt in das Laub der Bäume, Möwen kreischen, und von der Gartenwirtschaft her hallt Lachen zu uns hinauf. Die fernen Laute machen die Stille hörbar. Spagat gelungen!

Erstellt: 21.08.2015, 21:03 Uhr

Serie: Ab auf die Insel (5)

Hochzeit auf der Insel

Sandra und Steffen Reuss aus Wollerau haben vor kurzem in der St.-Peter-und-Paul-Kirche auf der Ufenau geheiratet. Immer einer Meinung sind sie nicht – so war dem Bräutigam sehr viel schneller klar, dass sie ein Herz und eine Seele sein wollen, als der Braut. Dass die Hochzeitsfeier auf der Ufenau stattfinden muss, war aber für beide gesetzt.

Sandra ist als «Seemäitli» von klein auf immer wieder auf der Insel gewesen – ihr Vater hatte ein Schiff auf dem See. Auch haben sie ihren ersten Familienausflug auf der Ufenau verbracht. Mit dabei waren Saymon und Andreas, Sandras Söhne aus einer vorherigen Partnerschaft. Und natürlich Frederik, ihr gemeinsamer Sohn, der letztes Jahr geboren wurde. «Du bist mein Sonnenschein», sagte die Braut zum Bräutigam, als sie ihm den Ring ansteckte. (net)

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