Zwölf Tonnen Turm – endlich in der Schwebe

Lange schien es, als ob der Turm von Jürg Altherr gar nie zum Stehen komme. Am Donnerstag war in Uster Aufrichte. Ein Grund für Freude und Trauer zugleich.

Spezialisten balancieren auf dem Zeughausareal die schwere Turmskulptur mit Zugseilen aus.

Spezialisten balancieren auf dem Zeughausareal die schwere Turmskulptur mit Zugseilen aus. Bild: Dominique Meienberg

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Im Moment sei es mehr Freude als Trauer, sagt Johanna Altherr. Gerade wird eines der Hauptwerke ihres Vaters, des Künstlers und Landschaftsarchitekten Jürg Altherr, im Zeughausareal Uster aufgerichtet. Der 18 Meter hohe Turm hat eine lange Reise hinter sich, von der später die Rede sein wird. Nun aber kommt er zum Stehen. Das ist die Freude. Traurig ist, dass der Künstler das selbst nicht mehr miterlebt. Er ist vor einem Jahr im Alter von 73 Jahren gestorben.

Zuerst geht es erstaunlich schnell. Ein Pneukran hebt das zwölf Tonnen schwere Polyesterrohr an, ein anderer stabilisiert es an der Spitze. Als es in der Senkrechten ist, wird er langsam auf die im Boden verankerte, zugespitzte Plattform gesenkt. Es knackt und klickt, und der Turm steht, Spitz auf Spitz, sanft schimmernd im Sonnenlicht.

Doch ist erst Halbzeit, jetzt gilt es, den Turm mit zwölf Seilsträngen zu stabilisieren, deren Eigengewicht den Turm austarieren. Thea Altherr, die Frau des Künstlers, erzählt: «Jürg gefiel der Gedanke, dass etwas so Grosses allein durch das Zusammenspiel von vielen Kleinen im Lot bleibt.» Es braucht allerdings Stunden, bis die speziell geschulten Seilbahntechniker die vielen Kleinen, die Ketten, richtig befestigt haben. Doch der Turm steht, das Schwergewicht übt sich im Spitzentanz.

Er vertraute seinem Werk

Das ist das Happy End einer zwölf Jahre alten, wechselvollen Geschichte. Die schön begann: 2007 war erste Aufrichte. Der Turm wurde in Fällanden auf dem Zwicki-Areal probehalber aufgestellt. Damals sah Jürg Altherr das erste Mal real, was in seinem Kopf seit einem Vierteljahrhundert existierte. Ihm gefiel, was er sah. Und er dachte nicht, dass es das letzte Mal sei, dass er es so sehen sollte.

Denn danach begann eine Odyssee, die das Werk zuerst nach Wald in die zu einer Wohnsiedlung umgebaute Weberei Hueb führte. Dort löste es einen Volksaufstand aus, der 2011 in einer denkwürdigen Gemeindeversammlung gipfelte: «Zu modern!», «zu gross!», «zu sperrig!». Sie schickten den Turm in die Wüste. Das Polyesterrohr lag danach beim Bahnhof Wald, später jahrelang neben einem Parkplatz der Empa. Wie ein gefällter Baum. Altherr verzagte aber nicht, er vertraute seinem Werk. Tatsächlich handelt es sich um ein Schlüsselwerk des Zürcher Künstlers, der sein Atelier auf dem Gaswerkareal an der Grenze der Stadt Zürich hatte.

Ihn faszinierte zeitlebens das Neben- und Miteinander von Schwere und Leichtigkeit und das Akzentuieren des Raums. Der Turm steht für beides. Der tonnenschwere Zylinder schwebt fast auf seiner Spitze, nur gerade von durchhängenden Ketten im Gleichgewicht gehalten. Manchmal wiegt er sich leicht im Wind. Und er gibt einem leeren Raum eine Ausrichtung: zwischen Himmel und Erde. Zum Himmel hin offen. Vor fünf Jahren schenkte der Architekt Hannes Strebel, der den Turm für die Hueb in Auftrag gegeben hatte, das Werk der Stadt Uster. Wo man sich sehr freute, wie der Kulturbeauftragte Christian Zwinggi sagt. «Es ist ein hervorragendes Werk eines wichtigen Schweizer Künstlers.» Begeisterung allein reichte allerdings nicht.

Die Suche geht weiter

Verschiedene definitive Standorte wurden geprüft, zuletzt im Quartier Loren, wo der Turm aber aus baurechtlichen Gründen nicht zu stehen kommen konnte. Zudem hatten sich dort bereits Quartierbewohner in Positur gestellt, um Widerstand zu leisten. Der Altherr-Turm, der die Leichtigkeit zum Thema hat, hat es offensichtlich schwer, sich auf Anhieb in die Herzen der Menschen zu wiegen.

Doch steht er nun. Allerdings wieder nur auf Zeit. Denn in fünf Jahren wird auf dem Zeughausareal gebaut. Es entstehen unter anderem ein kleiner Stadtsaal und zwei Kinos. Zwinggi ist aber überzeugt, dass die Stadt eine passende Alternative finden wird und der Altherr-Turm in Uster eine Bleibe findet, wo er Raum und Zeit hat, um seine Wirkung voll zu entfalten.

Einweihungsfeier für den Altherr-Turm auf dem Zeughausareal Uster am 29. Juni, 12.30 Uhr

Erstellt: 21.06.2019, 14:58 Uhr

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