Rosengarten-Nein: «Ich küsse allen die Füsse!»

In der Quartierbeiz Nordbrüggli freuen sich die Anwohner sehr über das Tunnel-Aus – und sind durchaus vom Kanton überrascht.

Sonntagsbrunch im Nordbrüggli: Viele Anwohnerinnen und Anwohner verkehren in der Quartierbeiz.

Sonntagsbrunch im Nordbrüggli: Viele Anwohnerinnen und Anwohner verkehren in der Quartierbeiz. Bild: Tom Egli

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Als die erste Hochrechnung gegen Mittag bereits auf ein deutliches Nein zum Projekt Rosengartentunnel hinweist, registriert das noch kaum ein Gast. Sonntag ist Brunchtag in der Wipkinger Quartierbeiz Nordbrücke, und gerade gibt es hier wichtigere Verkehrsprobleme als die stark befahrene Rosengartenstrasse. Wie etwa schafft man es bei dieser engen Bestuhlung und dem hohen Personenaufkommen möglichst reibungsfrei in die Kolonne zum Buffet? Beim Angebot «Happy Wipkingen» kann man sich für 24.50 Franken und bis 14 Uhr an der Auslage bedienen, so oft man will. Die Schlange führt mitten durch die Beiz.

Vielen Dank dem Kanton

Mit Blick auf die Kolonne sitzt Brigitte Kunz, langjährige Bewohnerin des Quartiers, etwas abseits in der Sofaecke. Das Nordbrüggli ist ihr Stammcafé. «Mega!», entfährt es ihr, als sie von der breiten Ablehnung des Tunnels erfährt (lesen Sie hier den TA-Kommentar zum Tunnel-Aus). «Ich hätte nicht gewagt, darauf zu hoffen», sagt Kunz. Dass in Wipkingen die meisten dagegen sind, war bekannt. Umso mehr überrascht es sie, dass der Kanton es offenbar ähnlich sieht. Eine Idee aus den 70er-Jahren könne kaum das angemessene Verkehrskonzept für die Zukunft sein, sagt Kunz. Später, wenn sich die Gegner am Nachmittag hier versammeln, will sie noch einmal herkommen und mitfeiern.

Klare Ansage: Das Sonntagsbuffet nennt sich «Happy Wipkingen». Passt zum heutigen Tag. Foto: Tom Egli

Dem Kanton wolle er für diesen Entscheid herzlich danken, sagt Daniel Ludwig. Seit über zehn Jahren wohnt er an der Strasse weiter unten. Via Handy hält er sich über die Abstimmungsresultate auf dem Laufenden. Der Tunnel hätte bloss ein Angebot kreiert und damit die Nachfrage gesteigert, glaubt Ludwig. Er wäre wahrscheinlich weggezogen, weil die Umfahrung der Tunnelbaustelle durch seine Strasse geführt hätte. «Warum sollen wir die nächsten zehn Jahre Dauerstau haben, nur damit ein Anwalt mit seinem Porsche Cayenne fünf Minuten eher in seiner Tiefgarage auf dem Land ist?» Jetzt freut sich Ludwig umso mehr: «Ich küsse allen die Füsse, die Nein gesagt haben!»

Vom Ja- zum Nein-Sager

Die Umfahrung hätte auch am Café Nordbrücke vorbeigeführt. Noch nicht lange gilt auf der angrenzenden Strasse Tempo 20, der Platz hat sich zu einem Treffpunkt entwickelt. Die Besitzer der Beiz haben sich deshalb gegen den Tunnel eingesetzt. Das rote Nein-Plakat beim Eingang leuchtet in der Sonne wie ein Signal.

Nein!, sagen die Besitzer der Beiz. Foto: Tom Egli

Durch Gespräche hier sei er vom Befürworter zum Gegner geworden, sagt Ivo Scherrer. Der junge Klimaökonom wohnt gleich vis-à-vis und bezeichnet das Café als sein erweitertes Wohnzimmer. «Eigentlich mag ich grosse Bauten», sagt er. Man habe ihn darum schnell als Tunnelliebhaber betitelt. Aber dann habe ihm eine junge Frau, die wie er oft mit dem Laptop im Nordbrüggli arbeitet, ein ganzes Argumentarium zugeschickt. Es überzeugte ihn. «Für die Fortführung eines veralteten Verkehrsprojekts sind 1,1 Milliarden Franken einfach zu viel», sagt Scherrer. Für eine Verkehrsberuhigung brauche es keinen Tunnel. Tempo 30 würde auch schon viel bewirken, glaubt er.

Erstellt: 09.02.2020, 18:06 Uhr

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