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Rote Nacht im Flughafen Zürich

Mit jeder Stunde wurde die rote Liste auf der Anzeigetafel im Flughafen gestern länger. Kurz vor 22 Uhr ging nichts mehr. «Fast wie beim Grounding», sagt ein Swiss-Mitarbeiter.

Zürich - Der Pilot aus Österreich steht am Schalter des Flughafenbahnhofs. Blaue Mütze auf dem Kopf, drei goldene Bänder an der Manschette. Der grauhaarige, grosse Mann muss sich etwas bücken, damit er die Stimme der SBB-Angestellten versteht. «Nein, Sitzplätze gibt es keine mehr im Zug nach Wien.» Aber ein Ticket könne er trotzdem haben, wenn er die Nacht hindurch stehen wolle. Er will und eilt davon in Richtung Gleis drei. «Ich hoffe, ich passe dort noch rein», sagt er im Vorbeigehen.

Er ist einer von Tausenden, die gestern in Zürich gestrandet sind, weil die Asche des isländischen Vulkans Eyjafjalla immer grössere Teile Europas einhüllt. Die rote Liste der «Cancelled»-Zeichen auf der Anzeigetafel wird von Stunde zu Stunde länger. Ein Mann aus Kloten ist extra angereist um sich vor der Tafel fotografieren zu lassen. Am späteren Nachmittag wird bekannt, dass der Flughafen um Mitternacht gesperrt wird, bis morgens um 9 Uhr, heisst es.

Länger und länger wird auch die Schlange vor den Swiss-Schaltern bei Check-In der Swiss. Dort warten sie und hoffen: Japaner, Spanier, Ungarn, Russen, Franzosen. Babylon im Kleinformat. Sie hoffen auf ein Hotelzimmer, eine Zugverbindung, einen Ersatzbus, auf irgendetwas. «Ich muss morgen zuhause sein», sagt ein griechischer Geschäftsmann in den Mittvierzigern. Er müsse arbeiten, sei selbständig, könne sich den Ausfalltag nicht leisten. «Ja, auch wir Griechen können fleissig sein», sagt er und zeigt seine weissen Zähne.

Einige sind auch happy

Ein Pärchen um die zwanzig schmust. «Very happy», seien sie, sagen die beiden Kandier. Sie sollten eigentlich nach London fliegen, wo sich ihre Wege vorläufig getrennt hätten. Sie studiert in England, er muss zurück nach Vancouver. Doch nun kommen sie in den Genuss einer weiteren gemeinsamen Nacht. Oder zwei. Wer weiss?

Keine Lust auf Zusatznächte hingegen hat die Österreichische Reiseleiterin die mit einer Gruppe von neunzehn älteren Menschen im Schlepptau in der Halle steht und mit den Armen rudert. Die Rentner wollen aus den Ferien nach Hause. Stattdessen erhielten sie Gutscheine für eine Nacht im Hotel Banana City in Winterthur. Alles näher Liegende ist bereits besetzt. Doch nun macht sich das Gerücht breit, es werde ein Bus nach Wien organisiert. Niemand weiss Genaueres. Die Swiss-Hostess rotiert. Verwirrung total. «Das ist ja Scheisse!», macht sie ihrem Ärger Luft. «Und das soll die berühmte Schweizer Organisation sein?»

Glücklich hingegen ist die französische Familie, die auf dem Heimflug von Malta in Zürich stecken geblieben ist. Soeben konnte sie vier Plätze in einem Bus ergattern, der um 21 Uhr losfahren wird. Glücklich auch die Reisegruppe aus Asien, deren Langstreckenflug als einer der letzten noch in Zürich nach Bangkok abheben wird. Doch dann, um 21.30 Uhr ist definitiv Schluss. Alles rot auf der Anzeigetafel. Der Luftraum über Zürich ist gesperrt. Rund 300 Flüge und 30 000 Passagiere seien bisher allein in Zürich Opfer der Vulkanasche geworden, sagt Flughafen-Sprecherin Sonja Zöchling. Und noch immer stehen Hunderte im Check-in an.

Swiss-Kabinenpersonal in gelben Westen verteilt Schokolade-Brötchen und Mineral an die Wartenden. «Die Situation erinnert mich an das Swissair-Grounding», sagt einer. Doch im Vergleich zu damals ist er fröhlich. Schliesslich werde der Flugbetrieb ja wieder weiter gehen. Irgendwann. Inzwischen hat Swiss sämtliche Flüge bis Samstag, 15 Uhr, gestrichen. Es werden nochmals 250 Flüge und 30 000 Passagiere betroffen sein. «Irgendwie ist es doch auch schön zu sehen, dass wir Menschen doch noch nicht alles beherrschen können», philosophiert der Steward und schenkt weiter lächelnd Mineralwasser aus.

«Das Schlimmste ist, dass wir überhaupt nicht wissen, wann und wie es weiter gehen wird», sagt Swiss-Sprecher Jean-Claude Donzel. «Uns sind die Hände gebunden.» Es ist bereits 22.30 Uhr und noch immer sind die Verantwortlichen der Fluggesellschaft und des Flughafens auf Achse.

Autovermieter sind ausgebucht

Inzwischen sind alle Hotels ausgebucht. Bis nach Aarau, Luzern und St. Gallen hätten sie ihre Passagiere vermittelt, sagt Donzel. Vier Busse konnte Swiss organisieren - zwei nach Paris, einen nach Amsterdam und einen nach Nizza. Die Autovermieter sind schon seit dem späteren Nachmittag ausgeschossen. Ihre Wagen werden bis nach Schweden und England fahren.

Wer jetzt noch auf dem Flughafen ist, hat Pech. Er wird wohl auf einer der Matratzen übernachten müssen, die von Zivilschutzangehörigen herangekarrt worden sind. Allein im Transitbereich stecken zwischen 200 bis 300 Personen fest, weil sie kein Visum für die Schweiz haben, schätzt Zöchling. Gegen 23 Uhr stehen noch immer Menschen Schlange bei Swiss. Sie werden sich wohl mit einer Zivilschutzmatte abfinden müssen. Da und dort richten sich die Ersten für eine Nacht auf dem Flughafen ein. Mitarbeiter des Zivilschutzes karren Matratzen und Wolldecken in den Transitbereich. Bis zu 300 Personen mussten dort die Nacht verbringen. Swiss-Personal verteilt Wasser und Schokolade-Brötchen. Die Anzeigetafeln füllen sich rot. Fotos: Sophie Stieger

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