Russische Mode statt Zürcher Handwerk

In Zürich geht eine 170 Jahre alte Tradition zu Ende: Die Seilerei Denzler stellt den Betrieb ein und macht Platz für ein Kleidergeschäft.

Seilerei-Denzler-Geschäftsinhaber Walter Stutz: Gegen Grosslieferanten keine Chance mehr.

Seilerei-Denzler-Geschäftsinhaber Walter Stutz: Gegen Grosslieferanten keine Chance mehr. Bild: Doris Fanconi

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Eine Ära geht zu Ende: Mit der Seilerei Denzler an der Torgasse 8 verschwindet ein weiterer alteingesessener Betrieb. Damit verschwindet ein über 170 Jahre alter Firmenname aus dem Zürcher Geschäftsleben.

In diesem Fall ist der Grund aber nicht wie in letzter Zeit so häufig ein saftiger Mietzinsaufschlag, der sich nicht mehr erwirtschaften lässt. «Wir haben uns entschlossen, aus Altersgründen aufzuhören», sagt Walter Stutz, der die Seilerei 1996 mit seiner Frau Ursula kaufte, «wir sind beide über 70 Jahre alt und wollen den Ruhestand geniessen.»

Vergeblich einen Nachfolger gesucht

Nach über 20-jähriger Tätigkeit in der Seilerei Denzler nehme er mit einem weinenden und lachenden Auge Abschied. «Da ist schon Wehmut im Spiel, denn meine Frau und ich haben uns seit längerer Zeit intensiv um eine Nachfolgeregelung bemüht», sagt Stutz. Das Ziel war, Interessenten zu finden, die das Seilerei-Handwerk samt angestammtem Geschäftsbereich weiterführen, ausbauen oder mindestens mit einem bestehenden Sortiment komplettieren möchten.

«Da ist  Wehmut im Spiel, denn meine Frau und ich haben uns seit längerer Zeit intensiv um eine Nachfolge bemüht.»Walter Stutz, Geschäftsinhaber

«Trotz intensiver Suche haben wir niemanden gefunden», sagt Stutz. Die Zeiten ändern sich und es sei nicht immer möglich, die eigenen Wunschvorstellungen zu verwirklichen. Am gleichen Standort werde es aber weiterhin ein Detailhandelsgeschäft mit qualitativ hochstehenden Produkten geben. Nachfolger wird Brusnika, eine russische Kleiderfirma, die in der Schweiz in Lausanne eine Filiale betreibt.

Unterirdische Gänge als Lager

Die Seilerei Denzler hat eine wechselhafte Firmengeschichte hinter sich. Dass der Seiler David Denzler nach seinen Wanderjahren im Jahre 1834 nahe der Schifflände sein Geschäft für Seilerwaren eröffnen konnte, verdankte er in erster Linie seinem Vorfahren Uli Denzler, der sich 1531 bei der Verteidigung des bedrohten «Zürcher-Panners» in der Schlacht bei Kappel auszeichnete. Das brachte ihm die Verleihung der Stadtbürgerrechte durch den Rat der Stadt Zürich.

An der Stadelhofer Schanze errichtete der Seilermeister eine Seilerbahn. Zwei unterirdische Gänge, einst zum Schutze Zürichs erbaut, dienten dem Mann als Werkstatt und Lager. Da immer mehr Kunden kamen, musste der Verkaufsladen 1846 vergrössert und in ein anderes Haus verlegt werden. David Rudolf Denzler, Sohn des Firmengründers, übernahm 1874 das Geschäft und erweiterte es um ein Spezialgeschäft für Fischereigeräte, damals das erste seiner Art in Zürich.

Rudolf Denzler, Firmenchef der dritten Generation, feierte 1984 das 150-Jahr-Firmenjubiläum. Das Kundenverhalten hatte sich aber in der Zwischenzeit stark verändert: Die Filiale für Fischereiprodukte wurde geschlossen, das Angebot im Bereich Bootszubehör erweitert und das Stammgeschäft an die Torgasse 8 ganz in der Nähe des Bellevues verlegt, wo mehr Platz zur Verfügung stand. Die Eigenproduktion von Schnur und Seilerwaren stellte Rudolf Denzler Anfang der 1960er-Jahre ein. 1961 wurde die Einzelfirma in eine AG umgewandelt, die bis 1991 im Familienbesitz verblieb.

Die berühmten Denzler-Netze

1996 kauften Walter und Ursula Stutz die Firma. «Mich haben die Aufgabe und die Branche gereizt», sagt Stutz, der vorher im internationalen Konsumgütermarketing tätig war. Um den bestehenden und potenziellen Kunden zu signalisieren, dass er weiterhin die hohe Qualität der Produkte und den fachmännischen Service garantieren konnte, behielt er den Firmennamen bei. Dazu zwei Verkaufslokale mit einer Fläche von 130 Quadratmetern und im Keller die Werkstatt.

Die ersten Jahre seien intensiv und arbeitsreich gewesen, erinnert sich Stutz. Die Seilerei Denzler war berühmt für ihre Anfertigung von Netzen und speziellem Tauwerk aus Hanf, Kunstfaser oder Stahl für unterschiedliche Verwendungszwecke: Schutz- und Sicherheitsnetze für Schwimmbecken, Kletter- und Abdecknetze sowie Schaukeln für Kinderspielplätzen, Seile zum Heben und Sichern von Lasten, Handlaufseile und vieles mehr.

An einen Auftrag kann sich Walter Stutz noch gut erinnern: 1997 übte eine Flugzeugbesatzung auf dem MD-11-Evakuationstrainer. Beim Rutschtraining in Kloten riss das Rutschtuch, ein Teilnehmer stürzte aus viereinhalb Meter Höhe dem Boden entgegen. «Er wurde sicher von einem Denzler-Netz aufgefangen, das speziell für dieses Evakuationstraining gestrickt worden war.»

Prominente unter den Kunden

Walter Stutz steht vor der grossen Pressmaschine in der Werkstatt, wo viele Seile verknüpft oder gespleisst wurden. Während früher noch Naturfasern wie Hanf und Flachs verarbeitet wurden, werden heute vor allem Kunstfasern verwendet, die von Grossherstellern geliefert werden. Das Geschäft hat sich verändert. Stutz: «Früher haben wir etliche Werften beliefert. Heute erledigen das die Grosslieferanten direkt und schalten den Zwischenhandel aus.»

«Früher haben wir etliche Werften beliefert. Heute erledigen das die Grosslieferanten direkt.»Walter Stutz, Geschäftsinhaber

Obwohl er dem Namen Seilerei Denzler treu blieb und im Ladeninnern über der Ladentüre ein gedrehtes, grosses Hanfseil angebracht ist, hat sich das Geschäft mit den Seilen je länger je mehr reduziert. Aus diesem Grund hat er im Laufe der vergangenen Jahre das Angebot im Ladengeschäft erweitert.

Heute finden sich im Sortiment Bootszubehör, GPS-Navigationssysteme, Schwimmwesten, Maritime-Mode sowie Segler- und Freizeitbekleidung. Stutz weiss schon jetzt, was er nach der Geschäftsaufgabe vermissen wird: «Die vielen Gespräche mit den Kunden – ab und zu kamen bei uns auch prominente Zeitgenossen vorbei.»

Ende November ist die Seilerei Denzler Geschichte. Bis dann hat Walter Stutz mit der Liquidierung des Warenlagers alle Hände voll zu tun. Danach freut er sich darauf, sein Tennisracket zu schwingen, Golf zu spielen, und auf gemeinsame Reisen mit seiner Frau.

Erstellt: 27.09.2016, 14:26 Uhr

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