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Scharfes Essen gegen das Stehlen

Hochschwanger klaute eine Meilemerin einen Kinderwagen. Sie tat es nicht fürs ungeborene Kind, sondern aus zwanghaftem Drang.

Meilen/Zürich - Die 30-jährige Hausfrau aus Meilen betrat im Dezember 2009 das Verkaufsgeschäft Mac Baby in Zürich. Dass sie sich für den Kinderwagen Bugaboo, Wert: 1590 Franken, interessierte, fiel nicht weiter auf. Schliesslich war die Frau hochschwanger mit ihrem zweiten Kind.

Kurze Zeit später fiel umso mehr auf, dass das Teil plötzlich fehlte: Die Frau hatte den Wagen, ohne zu zahlen, einfach mitlaufen respektive «mitrollen» lassen, wie es der Richter ausdrückte. Anschliessend versuchte sie, den Bugaboo übers Internet zu verkaufen.

Keine Bremse im Kopf

«Leider» habe sie keine Bremse im Kopf gehabt, antwortete die 30-Jährige auf eine entsprechende Frage des Richters. «Mir ist klar, dass das nicht das ist, was man macht.» Zurückbringen habe sie den Wagen aber auch nicht können. «Dann wäre ich ja angezeigt worden.» Erfahrung mit Strafanzeigen hat die Mutter zur Genüge. Schon fünfmal wurde sie wegen Diebstahls bestraft, hat dafür auch gemeinnützige Arbeit geleistet.

Doch für gemeinnützige Arbeit oder eine Geldstrafe ist es jetzt zu spät. Mit dem Antrag der Staatsanwältin, die Frau mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten zu bestrafen, kann sich sogar ihr Verteidiger «ausnahmsweise einverstanden erklären». Wegen der Vorstrafen und erneuten Delinquierens während laufender Strafverbüssung stellt sich nur die Frage, ob sie ins Gefängnis muss oder ob ihr die Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden kann. «Ich wäre froh, wenn ich bei den Kindern bleiben könnte», sagt sie. Das inzwischen geborene Kind und der zweite Sohn im Kindergartenalter brauchten die alleinerziehende Mutter.

Barfuss über spitze Steine

Der Richter hat das Urteil formell noch nicht eröffnet, aber angekündigt, er werde eine sechsmonatige und - trotz Bedenken - eine bedingte Freiheitsstrafe aussprechen. Entscheidend für die Milde ist der Umstand, dass sich die Frau seit längerem bei einer Psychiaterin in Therapie befindet.

Die 30-Jährige weiss, dass sie unter Stress zu selbstzerstörendem Verhalten neigt. Die komplexe posttraumatische Belastungsstörung äussert sich unter anderem darin, dass sie dem Drang zum Stehlen kaum widerstehen kann, wie ihr Anwalt erklärt. Diesem «Zwangsgedanken kann sie nicht entkommen». Zusammen mit der Psychiaterin lerne sie Mechanismen kennen, die die Rückfallgefahr senken sollen.

Für Laien klingen diese Mechanismen seltsam, sie scheinen aber zu wirken: Wenn sie den Drang zum Stehlen verspürt, soll sie etwas Scharfes essen oder barfuss über spitze Steine gehen. Beides soll sie aus ihrer Fixierung in die Realität zurückholen. Seit dem Kinderwagen-Vorfall hat sie nicht mehr gestohlen. Der Richter erteilte der 30-Jährigen deshalb die Weisung, die Psychotherapie weiterzuführen.

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