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Schuldig trotz Dunkelheit und Ablenkung

Ein Autofahrer hat ob Meilen einen Passanten angefahren. Es gibt eine Busse, obwohl der Mann Pech gehabt hat.

Von Petra Schanz Meilen – Ein Selbstständigerwerbender fuhr mit seinem Lieferwagen von Toggwil her Richtung Vorderer Pfannenstiel. Es war der 18. Januar 2008, abends um 19 Uhr, und bereits dunkel. Er fahre diese Strecke oft, wenn er in Herrliberg Kunden habe, sagte der Mann gestern Montag vor dem Bezirksgericht Meilen. Schon in Wetzwil bemerkte er, wie ein anderes Auto hinter ihm anscheinend überholen wollte. Als beide auf eine übersichtliche gerade Strecke kamen, machte sich der Hintere bereit zum Überholen. Der Beschuldigte schaute noch einmal in den Seitenspiegel und konzentrierte sich auf das Überholmanöver des anderen, weil die Strasse an dieser Stelle relativ eng war und sein Lieferwagen bereits die Hälfte der Breite einnahm. «Als der Überholende auf meiner Höhe war, gab es auf der rechten Seite einen Knall», erzählte der Beschuldigte. Er habe keine Ahnung gehabt, was das hätte sein können, habe angehalten und sei zurückgefahren. Er habe einen Plastiksack auf der Strasse gesehen, sonst nichts. Nicht schuldig bekannt Weil er sich nicht erklären konnte, woher der Knall kam und weil es stockdunkel war und er nichts sah, fuhr er in einen kleinen Seitenweg hinein und stieg aus. Da sah er, dass da ein junger Mann lag und schwer schnaufte. Er rief sofort die Polizei, ging zum Verletzten zurück und positionierte ihn in Seitenlage. Bald darauf kamen die Polizei und ein Helikopter, der den Verletzten barg. So gab der Beschuldigte vor dem Bezirksgericht den Vorgang wieder. Und so hatte er es auch damals der Kantonspolizei geschildert. Weil der Beschuldigte den Sachverhalt, nämlich dass er den Fussgänger angefahren hatte, anerkannte, folgerte die Staatsanwaltschaft, dass er sich auch schuldig bekenne. Dem war aber nicht so. Der Beschuldigte verlangte eine gerichtliche Beurteilung. «Ich fühle mich nicht schuldig», sagte er gestern. Der Fussgänger sei dunkel gekleidet gewesen und eine dunkle Strasse entlanggegangen. Er selbst sei jederzeit aufmerksam gewesen. Auch der Anwalt des Beschuldigten fand, man könne seinem Mandanten keinen Fahrfehler vorwerfen. Da das Überholmanöver exakt auf der Höhe des Fussgängers stattgefunden habe, habe er seine Aufmerksamkeit darauf lenken müssen. Ausserdem habe sein Mandant nach der Kollision mustergültig reagiert. Dank ihm habe sich der Verletzte inzwischen vollständig erholt. Der Anwalt plädierte deshalb auf Freispruch. Alles falsch gemacht Der Einzelrichter sprach vom «Super-GAU für einen Fahrzeuglenker». Er gab zu, dass ein solcher Unfall auch ihm hätte passieren können. Trotzdem könne er den Beschuldigten nicht freisprechen. Es gebe sogar Bundesgerichtsentscheide, die besagten, dass man auf einer Autobahn im Dunkeln mit einem Fussgänger rechnen müsse. Wenn er den Beschuldigten freispräche, bedeutete das, dass jeder Lenker, der gerade überholt werde, nicht mehr darauf achten müsse, was am rechten Strassenrand passiere. Die Busse von lediglich 400 Franken berücksichtige ausserdem bereits, dass der Fussgänger alles falsch gemacht habe, was man im Strassenverkehr falsch machen könne, nämlich dunkel bekleidet mit Kopfhörer-Stöpseln in den Ohren auf einer nicht beleuchteten Strasse zu gehen. Dem Beschuldigten und seinem Anwalt blieben zwei Möglichkeiten: entweder einen vom Gericht begründeten Entscheid schriftlich zu verlangen oder das Begehren zurückzuziehen. Sie entschieden sich für Letzteres, was den Beschuldigten auch weniger teuer zu stehen kommen wird. Zu den 400 Franken Busse kommen trotzdem noch Untersuchungskosten und Gerichtsgebühren. «Das ist der Super- GAU für einen Fahrzeug-lenker. Auch mir hätte ein solcher Unfall passieren können.» Der Einzelrichter

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