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Schweigende Mehrheit Viele Schweizer fühlen sich ohnmächtig. Von Klaus J. Stöhlker

Woher kommt diese Unzufriedenheit?

Von einer US-Reise zurück, ist es augenfällig, wie gut die Schweizerinnen und Schweizer gekleidet sind und sich bewegen. Während die Armut in den Vereinigten Staaten unübersehbar geworden ist, erfreut sich die Schweiz eines allgemeinen Wohlstands, der über den meisten anderen Industriestaaten liegt. Umso bestürzender, dass sich grosse Teile des Schweizervolkes in einer Schweigespirale befinden.

Missmut und Misstrauen haben begonnen, den Volkscharakter zu prägen. Dabei zählt die Schweiz - neben Dänemark und Norwegen - zweifelsohne zu den drei demokratischsten Staaten der Welt. Die Bürger zeigen ihre politische Macht nicht alle Tage, beweisen sich aber gerade dann als selbstbewusste Demokraten, wenn es um viel geht. Dann fürchten die Parteien und Politiker den für sie unberechenbaren Volkswillen, der ihre Positionen im Sturm zerstören kann.

Diese Volksherrschaft geht heute einher mit einem bisher ungesehenen Wohlstand. Doch nicht nur die Schulden, sondern auch die Verpflichtungen des Staates übersteigen die Möglichkeiten einer gesunden Finanzierung durch Steuern. Entsprechend ist der Wohlstand durch zwei Entwicklungen bedroht:

Die Mehrzahl der grossen Schweizer Konzerne - einschliesslich der Banken, Versicherungen und Finanzgruppen, die viel zum Wohlstand beigetragen haben - steht unter ausländischem Einfluss durch ein Aktionariat und eine Unternehmensführung, die nicht mehr in der Schweiz verwurzelt sind. Diese Unternehmen sind mehr am Wohlergehen ihrer Aktionäre interessiert als an jenem des Landes. Positiv betrachtet, ist die Schweiz damit ein interessantes Experiment, wo mit einer immer weitergehenden Öffnung Reichtum und Stabilität gesichert werden sollen. Negativ gesehen, fühlen sich zwei Drittel aller Schweizer von diesem Prozess ausgeschlossen. Sie sind Mitwirkende an einem Prozess, den sie nicht mehr verstehen und nicht mehr steuern können. Und darum fühlen sie sich mitunter sogar fremd im eigenen Land.

Der Blick dieser Schweizer richtet sich in eine imaginäre «bessere Vergangenheit», weil ein eigentliches Zukunftsprojekt für sie nicht mehr existiert. Sie sehen ihre Autonomie schwinden; eine erstarkende Mitte-links-Formation sucht erneut Zuflucht in der Europäischen Union. Der bisher letzte Versuch, «das Schweizerische» zu bewahren, war die SVP von Christoph Blocher. Doch diese hat ihre Glaubwürdigkeit verloren, weil ihre Zürcher Leitfigur in der politischen Praxis mehr zum Vorteil der Konzerne und zum Aufbau seines persönlichen Reichtums tat als zum Nutzen des Gewerbes und der Bauern, die wohl für ihn stimmten, davon aber kaum profitierten. Jetzt fehlt diesen Schweizern ein positives, selbstbestimmtes Zukunftsprojekt, weshalb sie mürrisch geworden sind.

Zwischen der Szylla eines Ausverkaufs wichtiger Teile der Schweizer Wirtschaft an ausländische Konzerne sowie einer von der EU diktierten Politik und der Charybdis eines nostalgischen Rückfalls in eine angeblich bessere Vergangenheit im 19. Jahrhundert hat die Schweiz nur noch die Kultur als Raum, sich zu formulieren. Aufgrund der Globalisierung herrschen dort aber deutsche, französische und amerikanische Vorgaben, welche die grossen gesellschaftspolitischen Leistungen der Schweiz überdecken. Was schweizerisch ist, überlebt in eher elitären kleinen Gruppen - schon deshalb, weil die lombardischen, savoyardischen und alemannischen Einflüsse in den verschiedenen Landesteilen noch sehr lebendig sind.

Die Schweiz befindet sich in einer Schweigespirale, weil offen ist, ob die Wirtschaft sich in ihren bestimmenden Teilen ganz in globalen Strukturen auflösen wird, wie Nestlé, ABB, Sulzer, UBS und Credit Suisse es vorgemacht haben. Den letzten grossen Schweizer Konzern hat ein gebürtiger Libanese, Nicolas G. Hayek, geschaffen. Die letzten grossen Schweizer Industriefamilien, die Schmidheinys, Schindlers und Hoffmanns, bewegen sich in einer Aura des Ungefähren, kulturell nicht mehr prägend.

Die EU geht davon aus, dass der Beitritt der Schweiz nur eine Frage der Zeit ist. Die politische Selbstständigkeit und die direkte Demokratie würden dadurch infrage gestellt. Wer auch immer die Kraft besitzt, die Schweiz als urdemokratische Insel in einer Welt der wirtschaftlich-politischen Superstrukturen zu bewahren, wird zu einer bestimmenden Kraft werden.

Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon und Berlin.

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