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Seidenglänzende Erinnerungen im Küsnachter Ortsmuseum

Die Kuratorin stellt Abendkleider aus den letzten 100 Jahren aus und erzählt ihre Geschichten.

Von Jérôme Stern Küsnacht – Vor dem goldschimmernden Disco-Hosenkleid bleibt Robert Ober stehen, nimmt einen tiefen Atemzug und stösst ein knappes «Schrecklich!» aus. Den Hersteller, John Charles, macht der Modeexperte mit einem einzigen sachkundigen Blick aus. Es zieht ihn weiter zu gediegeneren Abendroben. Ein eng geschnittenes Abendkleid mit freier Rückenpartie hat es ihm besonders angetan. In diesem «kleinen Schwarzen» könne auch im Jahr 2010 jede Frau brillieren, so zeitlos und elegant sei der Stil. «Schöne Frauen müssen schwarz tragen, dann wirken sie noch schöner», meint der Küsnachter Boutiquebetreiber, der die neue Ausstellung im Küsnachter Ortsmuseum unterstützt. Unter dem Titel «Satin, Samt und Seidenzauber» zeigt das Museum Abendkleider der letzten 100 Jahre. Die Bandbreite der Ausstellungsstücke ist enorm: schwere Ballkleider aus dem vorletzten Jahrhundert, bunte Cocktailfähnchen aus Abraham-Seide, Hochzeitskleider und Discofummel. Das Ortsmuseum verfügt über einen Fundus von rund 1000 solchen Stücken. «Die meisten Kleider, die wir geschenkt bekommen, sind sehr speziell und wertvoll», erklärt Kuratorin Elizabeth Abgottspon. Schon lange habe sie sich mit der Idee getragen, ihnen eine Ausstellung zu widmen. Geheimnissen auf der Spur Solch besondere Kleider tragen ein Geheimnis mit sich, der Betrachter spürt den Hauch von Erinnerung und vergangenem Glanz. Und manchmal kommt Elizabeth Abgottspon diesem Geheimnis auf die Spur. Sie zeigt auf ein Hochzeitskleid aus den 1930er-Jahren: «Die Tochter der Besitzerin erzählte mir, dass ihre Mutter es mithilfe von Freundinnen selbst entworfen und genäht hat.» Der schimmernde Stoff in hellem Lachsrosa wirkt wie neu. Sogar die Schaufensterpuppe scheint das raffinierte Brautkleid voller Stolz zu tragen. Auch über ein Kunstwerk aus Seidenschnüren und dramatisch weiten Ärmeln weiss die Kuratorin eine Geschichte zu erzählen. «Es gehörte einer Dame aus gutem Hause», sagt sie. «Es war aber nicht ihr Lieblingsstück, weil sie die Ärmel immer versehentlich in die Suppe tauchte.» Die 90-jährige Dame habe gesagt, wie schade sie es finde, dass es kaum mehr Gelegenheiten gebe, solche Kleider zu tragen. Robert Ober pflichtet bei: «In Zürich kann man so was selten tragen, anders als in Wien, wo Bälle regelmässig stattfinden.» Material für Haute Couture Der Küsnachter Modeunternehmer lässt die Seidenstoffe zwischen Zeigefinger und Daumen hindurchgleiten, bestaunt ihre Qualität und sagt: «Seide muss man anfassen und spüren.» Das weiss auch Elizabeth Abgottspon. Da die Besucher die edlen Stücke aber nicht berühren sollten, hat sie zu den Kleidern passende Stoffreste ausgesucht, die man betasten darf. In einem separaten Raum zeigt sie ausserdem Stoffmuster aus dem Hause Jakob Schlaepfer. Die St. Galler Firma beliefert die Haute Couture mit erlesenen Kreationen, und die Kuratorin ist sichtlich stolz darauf, auch diese aktuellen Stoffe präsentieren zu können. «Früher stach die Frau in einem Abendkleid aus der Masse heraus», sagt Robert Ober, während er seinen Blick über die Exponate schweifen lässt. «Heute tragen die meisten Frauen Kleider von grossen Modehausketten, die tausendfach verkauft werden.» Vernissage: 11. 11. 10, 19.30 Uhr. Modische, literarische und musikalische Eröffnung mit Salome Noah und Susanna Dill. Ausstellung: 11. 11. 2010–29. 5. 2011. Jeweils Mi, Sa und So 14–17 Uhr. Zwischen 25. 12. 2010 und 2. 1. 2011 geschlossen. Ortsmuseum Küsnacht, Tobelweg 1.

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