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Sidi Bouzid, mon amour

TunesienErst als sich ein junger Mann anzündete, fand das Volkden Mut zur Revolte gegen die Diktatur, schreibtTaoufik Ben Brik * Es brauchte Männer wie Bäume, um meinem Land Sauerstoff zuzuführen. Um die Strassen anzuzünden, zu entflammen. Tunesien hatte keine Seele mehr, keinen Notausgang. Und Sidi Bouzid stand wie ein Mahnmal für die Verzweiflung: einige Häuserhaufen um eine drei Kilometer lange Hauptstrasse in der ärmsten Region Tunesiens. Sidi Bouzid ist so hässlich, so trostlos, so voll von Arbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit, dass man als Bewohner jeden Tag verdammte, an dem man in diesem Ort aufwachte. Doch es fehlte den Menschen die Kraft, sich gegen das aufzulehnen, was sich wie eine ewige Fatalität anfühlte: gegen Hunger, Wucher, Repression. Kinder haben auf eine Mauer von Sidi Bouzid diesen Satz geschrieben: «Seit zwanzig Jahren säen wir Scheisse.» Bis zu diesem hehren Tag, als Tunesien erwachte. In Sidi Bouzid, ausgerechnet. Niemand kann sich genau erklären, wie es zur Explosion kam, aber was erfüllt sie uns mit Freude! Mohamed Bouazizi kam aus Sidi Bouzid. Der junge, arbeitslose Mann übergoss sich auf offener Strasse mit Benzin und zündete sich an, er starb an den Verletzungen. So sehr litt er unter den täglichen Demütigungen. War er etwa der Prophet, der brennende Mohamed in einem Land ohne Seele? Seine extreme Geste war ein Schock, ein Weckruf. Es brauchte Männer wie ihn, Männer wie Bäume, um dem Volk Mut zu machen, die Angst zu überwinden, die Eselshaut vom Körper zu reissen, die man uns übergestreift hatte. Die Kinder der Intifada von Sidi Bouzid gehören keiner Partei an, keiner Gewerkschaft. Sie identifizieren sich mit Mohamed Bouazizi. Sie erkennen sich in dessen Schicksal. Sie lehnen sich auf gegen dieses triste Leben ohne Ziel. Sie haben erlebt, wie ihre Väter und Grossväter erniedrigt wurden, wie sich deren Rückgrat langsam beugte. Lange schien es, als hätten sie keine Kraft mehr für die Revolution. Obschon sie den Hass ihrer Vorfahren geerbt hatten, den Frust und den Abscheu. Nun bricht es aus ihnen raus. Für die Kinder von Sidi Bouzid und für die Kinder Tunesiens sind das Tage der Trunkenheit. Sie wollen endlich mit erhobenem Haupt leben können. Und auch wenn diese Tage am Ende vielleicht ohne Ergebnis verstreichen sollten und das Regime noch härter zurückschlägt – sie werden lange davon zehren, dass sie das System zum Zittern gebracht haben. Die Unordnung macht Gänsehaut. Man möchte die sieben Familien, die dieses Land plündern, stürzen sehen. Sidi Bouzid hat die Diktatur von General Ben Ali gezwungen, ein Knie auf den Boden zu setzen. Überall formen sich Menschenschlangen, überall wünscht man Ben Ali die Hölle. Der Mythos des unantastbaren und unschlagbaren Despoten ist am Volk zerbrochen, das seine Sprache wiedergefunden hat. Dieses alternde Regime lässt sich herausfordern, es wankt, vielleicht steht es sogar am Ende. Man kann dem Gegner recht einfach den Krieg erklären. Ben Ali ist nicht mehr der Mann, der er in den Anfängen seiner Macht war, als er mit einer Gorillahand regierte. Als er es schaffte, das Volk zu terrorisieren, ihm Angst einzuflössen, alle Notausgänge zu blockieren. Er hatte aus Tunesien eine politische Wüste gemacht, in der nur noch er herrschte, wo um ihn herum nur noch Staub war. Nun ist er plötzlich mit Menschen konfrontiert, die alle Mohamed Bouazizi heissen. Übersetzung: Oliver Meiler * Der tunesischeAutorTaoufik Ben Brik, 50, schreibt seit Jahren gegenBen Alis Regime an. Er lebt in Tunis und Paris. Aufstand der Jungen: In Sidi Bouzid, nahe der Hauptstadt Tunis, kam es auch gestern zum Clash mit der Polizei.Foto: Reuters

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