Zum Hauptinhalt springen

Sie «frisst» im Rollstuhl Teppiche

Yvonne Strässle hat schon 90 Gobelins gefertigt. Nun zeigt die Rüschlikerin ihre Werke in Thalwil. Sie hat auch Christoph Blocher eingeladen.

Mit Gobelin wird eine Vielzahl in Handarbeit gefertigter Werke bezeichnet. Streng genommen verdienen aber nur die Bildteppiche, die seit 1607 in der Pariser Gobelin-Manufaktur gewoben werden, die Bezeichnung. Dabei werden auf dem Webstuhl farbige Schussfäden so eingewirkt, dass ein Bild entsteht (Bildwirkerei). Bei den bestickten Gobelins, Imitate der Bildwirkerei, werden farbige Wollfäden in ein mit einem Sujet bedrucktes Stramingewebe eingearbeitet. (ema) Von Ev Manz Rüschlikon – Leicht vornüber gebeugt sitzt Yvonne Strässle am Tisch, zwischen den Händen einen angefangenen Gobelin mit Blumen in Rosatönen. Flink steckt sie die Nadel ins Stramingewebe und zieht sie auf der Rückseite mit dem Mund wieder heraus. Immer und immer wieder. «Dieses Gänggelizüüg ist meine Leidenschaft», sagt die 54-Jährige und lacht. Diagonal in der Ecke am Fenster sitzt ihre Mutter – strickend. «Ich sage dem Teppichfressen», sagt sie und wirft einen schelmischen Blick zu ihrer Tochter. Ländlermusik erfüllt den Raum voller Pflanzen, Handarbeiten,Nippes. Humor förderte Akzeptanz Die positive Ausstrahlung der beiden Frauen lässt einen fast vergessen, dass Yvonne Strässle im Rollstuhl sitzt. Seit einem Autounfall als Beifahrerin vor 29 Jahren ist sie vom Halswirbel abwärts gelähmt. Kurz nach dem Unfall konnte sie nur Augen und Zunge bewegen, die Ärzte prognostizierten ihr ein Leben im Bett. Das war ein Schock für die elfköpfige Familie. Doch die älteste Tochter, einst eine ambitionierte Kunstturnerin, tröstete sie vom Bett aus. «Was wollt ihr mehr, ich lebe ja.» Yvonne Strässle akzeptierte ihr Schicksal und verlor den Humor nicht. Das half auch der Familie, sich mit der neuen Situation abzufinden. Strässle erholte sich schnell und konnte bereits nach acht Monaten in der Rehabilitation in Basel zurück in ihr Elternhaus in Rüschlikon, wo ihre Mutter sie seither pflegt. «Unterstützend war, dass ich zuvor schon körperlich fit war», sagt sie. Es war der Gemeindeschreiber Langsam kehrte das Gefühl in Yvonne Strässles Arme und Hände zurück, doch an Häkeln und Stricken, was sie so sehr geliebt hatte, war nicht mehr zu denken. Da brachte ihr ihre Mutter Lydia Strässle ein Gobelin-Stickset mit einem Motiv von Albert Anker. «Versuch doch das mal», sagte sie. Yvonne Strässle packte der Ehrgeiz. Da sie in ihren Fingern nicht die nötige Kraft aufbrachte, die Nadel durch das Stramingewebe zu ziehen, behalf sie sich mit dem Mund. Geduldig arbeitete sie sich vor, immer daran zweifelnd, den Stoff füllen zu können. Doch nach 230 Arbeitsstunden hatte sie den «Gemeindeschreiber» fertig bestickt. «Das Gefühl, am Schluss das fertige Bild aus der Entfernung betrachten zu können, war eine Genugtuung», sagt sie. Und die Mutter war froh, eine Beschäftigung für ihre Tochter gefunden zu haben. «Yvonne kann nicht einfach dasitzen und nichts tun», sagt sie. Aus der ursprünglichen Therapie für die Feinmotorik wurde ein Hobby. Seit 27 Jahren stickt sie täglich nach der Arbeit zwei Stunden, während ihre Mutter in der Ecke strickt und Ländlermusik läuft. «Ich kann mich so wunderbar erholen und den Gedanken nachhängen», sagt sie. Bis heute sind in der engen Stube 90 Gobelins mit den unterschiedlichsten Motiven entstanden,16 500 Stunden Arbeit. Anderswo stickt sie nicht. «Im Garten bemale ich lieber die Gartenzwerge neu.» Tauschofferte Aufgehängt hat sie – ganz selbstverständlich – keines ihrer Werke. Auch die Mutter will keines der Bilder in der Wohnung ausstellen. «Ich habe ihr schon gesagt, sie solle mit dem Zeugs abfahren», sagt die 79-Jährige. Ihre Tochter lacht. Albert Anker hat Yvonne Strässsle nicht mehr losgelassen. Seine natürlichen Motive erinnern sie an ihre Jugend auf der Strahlegg im Tösstal. Zum Beispiel der Schulspaziergang. «So waren wir angezogen, und die Frau auf dem Bild hätte unsere Lehrerin sein können», sagt sie. Um Interessierten ihr Werk zu zeigen, hat ihr Bruder Martin nun eine Ausstellung organisiert. Die Bilder sind verkäuflich. «Aber uns geht es nicht um den Profit, sondern darum zu zeigen, was mit einer solchen Behinderung möglich ist», sagt er. Das hat bereits Ländlerkönig Carlo Brunner beeindruckt. Er hat für die beiden Frauen ein Lied geschrieben: Lydia und Yvonne. Zur Ausstellung eingeladen hat Yvonne Strässle auch Alt-Bundesrat Christoph Blocher, der Ankersammler. Ob er kommt, weiss sie nicht. «Aber ich würde ihm gerne meinen Gobelin vom Schulspaziergang zum Tausch mit dem Original anbieten», sagt sie und zwinkert mit einem Auge. «Das Original würde ich dann sicher aufhängen.» Ausstellung Samstag, 2. Oktober, 10.30 Uhr bis 18 Uhr, Traumgarten Thalwil, Zürcherstrasse 63. Die Herstellung von Gobelins war für Yvonne Strässle einst Therapie, heute ist es Leidenschaft. Foto: Patrick Gutenberg

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch