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Spätberufung: Vom Elektriker zum Pfarrer

Nach zerstrittenen Jahren in der reformierten Kirchgemeinde Oberglatt soll mit dem neuen Pfarrer Ulrich Henschel wieder Ruhe einkehren. Der gebürtige Deutsche schimpft höchstens mal mit Gott.

Von Manuela Moser Oberglatt – Den regulären Gottesdienst von kommendem Sonntag hat Pfarrer Ulrich Henschel kurzerhand gestrichen. Er hält ihn schon am Samstag. «Denn am Sonntag feiert das Dorf die wichtige Eröffnung des Füürwehr-Museums, da sollen die Menschen hingehen können.» Unkompliziert und mit einem eigenen Profil, so will der neue Pfarrer von Oberglatt seine Kirche auch in Zukunft führen. Seit Ende August lebt der gebürtige Deutsche mit seiner Frau und den beiden Kindern im Teenalter im Pfarrhaus. Benny, der junge Berner Sennenhund, ist von der vorherigen Stelle im Bündnerland mitgekommen. Vom Vater geprägt In seinem Glauben ist Henschel laut eigenen Aussagen «niederländisch-evangelisch» geprägt. Damit meint er eine selbstbewusste und gemeinschaftliche Gesinnung. «In Holland ist die Kirche eine Herberge, ein Ort, wo man isst und trinkt.» Mit dieser Kirche ist Henschel früh in Berührung gekommen. Geboren im Ruhrgebiet, kam er als Dreijähriger ins Rheinland. «Von dort ist es 20 Minuten bis zur niederländischen Grenze.» Weil das Ruhrgebiet rein katholisch war, lebte man als Protestant praktisch in der Diaspora. «Umso stärker habe ich die Kirche erlebt.» Nicht aber innerhalb der eigenen Familie, denn der Vater glaubte nicht an Gott. «Er sagte jeweils zu mir: Geh in die Kirche, philosophiere danach in der Beiz darüber, aber bring den Glauben nicht mit nach Hause.» Diese Haltung sei mit Blick auf die Biografie des Vaters verständlich: Als Zehnjähriger hatte er 1944 die Luftangriffe der Alliierten miterlebt. Als er aus dem Bunker herausstieg, habe er als Erstes einen verkohlten Kinderwagen gesehen, daneben eine verkohlte Leiche mit einem Baby. «Wenn so etwas geschehen darf, dann kann es keinen Gott geben», sei sein Vater bis heute überzeugt. Über Umwege zum Beruf Der Sohn aber ging einen anderen Weg. «Für mich kam die Frage nach Gott bereits früh auf.» Als 13-Jähriger begann sich Henschel für die grossen Philosophen zu interessieren: Camus, Sartre, Schopenhauer. Doch der Vater hatte andere Pläne für seinen Ältesten: Der sollte dereinst das Geschäft übernehmen und Elektriker lernen. Bis 29-jährig ging es einigermassen gut. Henschel hatte die Ausbildung abgeschlossen, führte einen Teil des mittelständischen väterlichen Betriebs. Doch dann quälten ihn Magengeschwüre. «Da wusste ich, ich musste etwas ändern.» Was aber wollte er eigentlich? Auf einem A4-Blatt zeichnete Henschel links oben einen Mond – rechts unten die Erde. «Der Mond stand für das, wohin ich wollte: Religionen, Theologie und Philosophie.» Auf der Erde galt es, die Rakete zu zünden. Doch welche Treibsätze waren nötig, um sanft zu landen? Dank der Nasa-Technik sah Henschel allmählich klarer. Er musste einen Beruf finden, der ihn seinen Traum finanzieren liess. Er musste die Matura mit Latein und Griechisch nachholen, und schliesslich musste er studieren. «Werde doch Krankenpfleger», hatte ihm ein Freund geraten. «Da kannst du Schicht arbeiten und daneben die Schule machen.» Der Plan war reif. Gegen den Widerstand des Vaters nahm Ulrich Henschel diesen Weg auf sich. Er verliess die Firma von einem Tag auf den andern – nicht ohne den jüngeren Bruder heimlich in den Betrieb eingeführt zu haben – und begann seine Lehre als Krankenpfleger. Der Vater enterbte ihn auf der Stelle. Henschel: «Wenn man nicht mehr weiterweiss, ist der Gang sehr dunkel. Doch ist man sensibilisiert genug, dann sieht man auch den nächsten Lichtspalt.» Was ist aber mit dem, der diese leicht geöffnete Tür nicht zu sehen vermag? «Eben dem hilft der Pfarrer.» Henschel lacht schallend, wie so oft während des Gesprächs. Man merkt: Da ist einer ganz und gar zufrieden mit seinem Leben. Mit seinem Vater hat sich der heute 48-Jährige wieder versöhnt, in der Krankenpflege begegnete er seiner heutigen Frau. Wichtig auch: «Ich habe im Leben immer wieder Menschen getroffen, die mich weitergebracht haben.» Lob und Tadel für Gott Über seine Vorgängerin in der Kirchgemeinde Oberglatt, die langjährige und umstrittene Pfarrerin Elke Kappes, will Henschel nicht viel wissen. Auch die Personalprobleme in der Kirchenpflege interessierten ihn nicht, sagt er. Dann zitiert er aus der Bibel: «Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes.» Natürlich hadere auch er manchmal mit Gott, gibt der Pfarrer zu. «Ich habe Gott schon gedroht, wenn er mir nicht helfe, werfe ich sein Bild aus dem Fenster raus.» Aber für ihn sei Gott immer wieder da gewesen. Und so könne er ihn auch immer wieder loben.

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