Mies gewählt

Am Sonntag wird Martin Vollenwyders Nachfolger gewählt. Marco Camin (FDP) oder Richard Wolff (AL) wird wohl der am schlechtesten je gewählte Stadtrat. Bisher hatte diesen «Titel» ein Freisinniger inne.

Gewählt ist gewählt: Die Stadtratskandidaten Richard Wolff (AL, links) und Marco Camin (FDP).

Gewählt ist gewählt: Die Stadtratskandidaten Richard Wolff (AL, links) und Marco Camin (FDP). Bild: Sophie Stieger

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Wer als neuntes Mitglied in den Zürcher Stadtrat gewählt wird, interessiert offenbar kaum. Bis heute Freitag sind per Post bloss 25,1 Prozent der Stimmcouverts eingetroffen. Folgt nicht noch ein Run auf die Urnen, droht die schlechteste Stimmbeteiligung an einer Stadtratswahl. Den Minusrekord hält derzeit die Stadtratsersatzwahl von 1935, als Robert Kunz von der Demokratischen Partei für seinen Parteikollegen Otto Sing gewählt wurde. Die Stimmbeteiligung betrug damals bloss 30,4 Prozent, was vor allem daher rührt, dass Kunz keine Konkurrenz hatte.

Damals lagen die Stimmbeteiligungen üblicherweise höher. Im Jahr zuvor war es ebenfalls zu einer Ersatzwahl gekommen. Als der Freisinnige Edwin Stirnemann 1934 seinen Parteikollegen Gustav Kruck ersetzte, beteiligten sich 64,2 Prozent der Berechtigten (damals nur Männer) an der Wahl. Der Höchstwert bei einer der bisher zehn Ersatzwahlen seit 1934 wurde mit 73,3 Prozent 1949 erreicht, als Hans Sappeur (LdU) Adolf Lüchinger (SP) im Stadtrat ersetzte, der damals Stadtpräsident war. Neuer Stadtpräsident wurde damals Emil Landolt (FDP).

Die bisher zweitschlechteste Stimmbeteiligung wurde 1978 verzeichnet, als Thomas Wagner (FDP) in einer Ersatzwahl auf seinen Parteikollegen Heinrich Burckhardt folgte. An die Urnen gingen damals 30,8 Prozent.

Türler nur von 11,9 Prozent gewählt

Stadtrat Robert Kunz wurde 1935 von 17,73 Prozent aller Wahlberechtigten gewählt, was über die letzten 80 Jahre eine der schlechtesten Legitimationen bedeutet. Unterboten wird dieser Wert bei Wahlen vor allem von Andres Türler (FDP), der 2002 im zweiten Wahlgang nur von 11,9 Prozent der Berechtigten gewählt wurde. Speziell daran war, dass es damals zum ersten Mal seit den 1930er-Jahren zu einem zweiten Wahlgang bei Gesamterneuerungswahlen gekommen war und Türler im ersten Wahlgang 2700 Stimmen mehr als im zweiten erhalten hatte. Doch das absolute Mehr erreichte er im ersten Durchgang nicht.

Bei seiner Wiederwahl 2006 erreichte Türler 17,27 Prozent, wobei Gesamterneuerungswahlen stets höhere Stimmbeteiligungen erzielen. Seit 1998 wurde nur Daniel Leupi (Grüne) bei Gesamtwahlen schlechter gewählt. 2010 schrieben nur 15,2 Prozent der Wahlberechtigten seinen Namen auf den Wahlzettel.

Die magische Zahl ist 26'256

Am Sonntag wird voraussichtlich ein neuer Tiefstwert erreicht. FDP-Kandidat Marco Camin erhielt im ersten Wahlgang am 3. März die Stimmen von 10,97 Prozent der Wahlberechtigten, Wolff von 10,01 Prozent. Damit Camin oder Wolff nicht zum am schlechtesten gewählten Stadtrat wird, sind 26'256 Stimmen nötig, wie Tagesanzeiger.ch/Newsnet ausgerechnet hat. Das ist eine aufgerundete Stimme mehr als die türlerschen exakt 11,90250018998404 Prozent von 2002, hochgerechnet auf die 220'585 Stimmberechtigten vom 21. April.

Bis heute sind gut 55'000 Wahlcouverts eingetroffen. Grossen Einfluss wird haben, wie viele leer einlegen. Vor sieben Wochen – als auch noch der GLP-Kandidat Daniel Hodel im Rennen war – legten 13'675 oder 18 Prozent der Stimmenden leer ein. Bleibt dieser Wert gleich oder erhöht er sich, ist fast sicher, dass der neu Gewählte der am schlechtesten gewählte Stadtrat der Zürcher Geschichte ist.

54 Prozent der Wahlberechtigten sind Frauen

Welches Departement der neue Stadtrat erhält, ist noch unklar. Nach den bisher zehn Ersatzwahlen haben nur fünf das Departement des Vorgängers oder der Vorgängerin erhalten, wobei zwei Wahlen das Stadtpräsidium betrafen, in denen quasi ins Departement gewählt wird. Robert Kunz erhielt 1935 Sings Gesundheitsdepartement, Max Koller (CVP) kam 1970 in Ernst Bieris (FDP) Finanzdepartement, und Thomas Wagner folgte im Jahr 1978 Burckhardt ins Schul- und Sportdepartement.

Den Ausschlag geben seit dem städtischen Frauenstimmrecht 1969 übrigens die Frauen, da sie aufgrund ihrer längeren Lebenserwartung in der klaren Mehrheit sind. 2010 trafen in Zürich auf 101'165 wahlberechtigte Männer 117'064 Frauen. Neuere Zahlen gibt es nicht. Dieses Verhältnis von 53,6 Prozent Frauen zu 46,4 Prozent Männern dürfte aber immer noch ähnlich sein. Der grösste Geschlechterunterschied wurde 1990 verzeichnet, als 57,5 Prozent der Wahlberechtigten Frauen waren.

Erstellt: 19.04.2013, 12:29 Uhr

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