Zürich, die Party-Stadt

Im Stadthaus ist die Ausstellung «Nacht Stadt» eröffnet worden. Sie zeigt, dass es bereits im alten ­Zürich Lärmbrüder gab.

Berüchtigtes Nachtleben: Bereits vor Jahren zog es feierwütige Menschen in die Limmatstadt. Bild: Ueli Christoffel / Keystone

Berüchtigtes Nachtleben: Bereits vor Jahren zog es feierwütige Menschen in die Limmatstadt. Bild: Ueli Christoffel / Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

100'000 Menschen amüsieren sich an einem einzigen Wochenende in Zürich. Sie essen, trinken, tanzen und versuchen aus dem Alltag auszubrechen, meist in Restaurants, Bars und Clubs in den Kreisen 4 und 5. Finanziell läppert sich einiges zusammen: 2011 waren es rund 300 Millionen Franken. Das Nachtleben ist damit zu einem wichtigen Wirtschafts- und Tourismusfaktor geworden. Dies zeigt die Ausstellung «Nacht Stadt – Von Nachtschichten und Nachtschwärmereien», die gestern im Stadthaus eröffnet worden ist.

Heute ist der Ausgehrummel am ­Wochenende selbstverständlich. Noch vor wenigen Jahrzehnten war dies ganz anders. Zürich hatte den Ruf der prüden und puritanischen «Zwinglistadt», wo spätestens um Mitternacht in den Restaurants die Stühle auf die Tische und die Gäste auf die Strasse gestellt wurden. Erst die Liberalisierung des Gastgewerbes 1998 änderte das. Die Polizeistunde wurde aufgehoben, die Vergabe von Ausschankpatenten erleichtert. So entwickelte sich Zürich zum Ausgeh-Mekka. Allein die Zahl der Musikclubs stieg rasch von 4 auf 72.

Man könnte die Entwicklung auch anders schildern: Bereits im alten Zürich war die Stadt eine berüchtigte Party-Stadt. Unter dem Einfluss der französischen Kriegswirren hoben die Räte im Oktober 1798 den Zunftzwang auf. Sämtliche Gewerbe- und Industriezweige durften nun frei ausgeübt werden. Der Effekt war damals der gleiche: Zürich ­erlebte einen Boom von Neu­eröffnungen. Das Angebot an Weinschenken ­explodierte: von 47 auf 111. Nicht überall ging es seriös zu und her. Damals ­entstand die bis heute bekannte Schmähwendung: «Wer nichts wird, wird Wirt.»

Der Lärm ist nicht neu

All dies und mehr erfahren Besucherinnen und Besucher an der Ausstellung. Die Kuratorin Anke Hoffmann erläutert dazu: «Alles war schon einmal da. Das Lärmproblem ist seit Jahrhunderten in Zürich dokumentiert, ebenso das Phänomen von illegalen Gaststätten.» Zeiten von starker Regulierung wechselten sich in der Geschichte ab mit solchen von grosser Toleranz. Für das Lärmproblem waren früher die Gesellen verantwortlich. Weil sie Waffen trugen und sich schnell in ihrer Ehre verletzt ­sahen, kam es häufig zu lautstarken Streitereien, in deren Verlauf sie zur Waffe griffen. Deshalb standen sie im Ruf, gewaltbereite Störenfriede zu sein.

Die Ausstellung ist informativ. Wer mehr wissen will, kann in der «Kleinen Enzyklopädie des Nachtlebens in Zürich» stöbern, eine Broschüre im Zeitungsformat. Schwerpunkt der Ausstellung sind die «verschiedenen Realitäten der 24-Stunden-Gesellschaft». Dazu gehören die Menschen, die in der Nacht arbeiten. Acht Porträts aus unterschiedlichen Berufen vermitteln einen persönlichen Zugang zu ihrer Tätigkeit. Wer Zuschauen dem Lesen vorzieht, für den gibt es Videos. Darin wird das Nacht­leben an der Langstrasse, am Zürichberg, in Altstetten und ums Bellevue vorgestellt. Schliesslich wird die Stadt nicht nur mit den Augen, sondern auch mit den Ohren wahrgenommen. Die Geräusche der Nacht hat Klangkünstler Andres Bosshard in seinem Radio-Feature «Nachtspaziergang» festgehalten.

Die Ausstellung mit Rahmenprogramm dauert bis 7. März 2015. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.10.2014, 22:08 Uhr

Die Ausstellung «Nacht Stadt» im Zürcher Stadthaus dauert noch bis am 7. März 2015.

Artikel zum Thema

Wolffs Partydirektive für Beamte

Zürichs Polizeivorstand Richard Wolff (AL) will, dass die Stadtverwaltung eine einheitliche Haltung zum Nachtleben entwickelt. Diese soll gegenüber der Partystadt grundsätzlich offen sein. Mehr...

Rund um die Clubs nimmt die Gewalt zu

Zwar nimmt die Zahl der begangenen Delikte im Kanton Zürich insgesamt ab. Zunehmend heikel wird es aber im Nachtleben. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Von Klischees und Ritualen

Schweigend essen und schwatzend lesen: Am Mittagstisch kommen Älpler Makronen und Städter-Klischees auf den Tisch. (Teil 3/4)

Kommentare

Blogs

Sweet Home Dieses Wochenende wird umgestellt!

Mamablog 5 Methoden gegen Nägelkauen

Paid Post

Von Klischees und Ritualen

Schweigend essen und schwatzend lesen: Am Mittagstisch kommen Älpler Makronen und Städter-Klischees auf den Tisch. (Teil 3/4)

Die Welt in Bildern

Hammerschlag für die Kunst: 15 Asylsuchende aus Afghanistan, Eritrea und Sri Lanka arbeiten im Kunstsilo in Emmen für die Ausstellung «Ich bin hier». (21. September 2017)
(Bild: KEYSTONE/Alexandra Wey) Mehr...