Analyse: 1:0 für die Pragmatiker 

Der rot-grüne Stadtrat hat das innerlinke Duell ums Fussballstadion für sich entschieden. Der Übermut der SP-Basis zahlte sich nicht aus. Ein Signal für andere Zürcher Grossprojekte.

Die Freude der Sieger (v.l.): Stadtrat Odermatt, Stadtpräsidentin Corine Mauch, Ancillo Canepa (FCZ) und Stadtrat Leupi. Foto: Sabina Bobst

Die Freude der Sieger (v.l.): Stadtrat Odermatt, Stadtpräsidentin Corine Mauch, Ancillo Canepa (FCZ) und Stadtrat Leupi. Foto: Sabina Bobst

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Es blieb bis zuletzt eine Zitterpartie. Doch am Ende setzten sich die Befürworter durch:Die Zürcher Stimmbevölkerung sagt Ja zu einem richtigen Fussballstadion. Verzögern nicht Rechtsstreitigkeiten den Bau ins Endlose, spielen FCZ und GC im neuen Hardturm in einigen Jahren das erste Derby. Die Zürcher Clubs und ihre Fans bekommen also endlich eine vernünftige Heimstätte mit steilen Zuschauerrängen nahe am Spielfeld. Das ist wichtig für die Kultur des nationalen Fussballs. Und es ist gut für den Breitensport, der im frei werdenden Letzigrund Platz für Neues erhält.

Für die Stadt Zürich, ihre Regierung und die dominierende Linke ging es bei der Hardturm-Vorlage aber um weit mehr: Verhandelt wurde auch die Frage, ob der rot-grüne Stadtrat oder die sozialdemokratischen Parteistrategen in der Stadtentwicklung künftig den Ton angeben werden.

Die Antwort fiel am Sonntag überraschend deutlich aus: 54 Prozent der Zürcher Stimmberechtigten unterstützen den ausgewogenen Kurs ihrer Exekutive. Einzig der Kreis 10 mit den Turmgegnern aus Höngg stimmte gegen das Stadionprojekt. Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP), Finanzvorsteher Daniel Leupi (Grüne) und Hochbauchef André Odermatt (SP) ist es also beim Hardturm gelungen, entscheidende Teile der SP-Wähler auf ihre Seite zu ziehen und sie für ihre Politik der moderaten städtischen Erneuerung und Durchmischung zu begeistern.

Auf dem Hardturm-Areal werden neben genossenschaftlichen dereinst auch private Wohnungen Platz haben.

Die links-grünen Stadtratsmitglieder denken und handeln pragmatisch. Nach dem knappen Nein zu einem öffentlich finanzierten Stadion vor fünf Jahren suchten sie den Deal mit den Privaten. Sie überliessen ihnen Arena und Hochhäuser, holten im Gegenzug aber fast doppelt so viele gemeinnützige Wohnungen heraus als beim letzten Versuch. Damit verhalfen sie dem Ensemblevorschlag zum Durchbruch. Auf dem Hardturm-Areal werden neben genossenschaftlichen dereinst auch private Wohnungen Platz haben.

Den Ideologen unter den Sozialdemokraten passt das nicht. Sie pochen immer radikaler auf eine Wohnbaupolitik ohne Markt. Übermütig geworden durch den Triumph bei den Zürcher Wahlen im Frühling, opponieren sie auch im Parlament zunehmend gegen ihre eigene Regierung. Spielregeln werden mitten im Spiel plötzlich geändert. Eine verlässliche Zusammenarbeit ist so nicht mehr möglich.

Video: GC-Fans feiern Abstimmung im Letzigrund

Für einen Moment wird das Spiel gegen St. Gallen zur Nebensache. Video: Tamedia

Beim Hardturm wurden diese rigorosen Kräfte nun ausgebremst. Ihre Abzockerargumente verfingen bei den Zürcherinnen und Zürchern nicht. Das sollte der SP eine Warnung sein. Mit allzu forschem Vorgehen könnte sie ihre Wähler auch bei anderen städtischen Vorhaben irritieren.

Das Parlament will die Regierung links überholen

Unverständnis macht sich beispielsweise beim Neugass­areal im Kreis 5 breit. Stadtrat und SBB konnten sich zwischen Josefwiese und Bahn­gleise auf ein Grossprojekt mit 33 Prozent gemeinnützigen Wohnungen einigen. Der linke Flügel der SP fordert mit einer Initiative nun aber ultimativ 100 Prozent. Widerstand gibt es auch beim geplanten Tunnel am Rosengarten. Während der Stadtrat den Bau offiziell unterstützt, kämpfen SP und Grüne vehement dagegen.

Wo immer es um Sozial- und Ökothemen geht, ist es mit den neuen Mehrheitsverhältnissen im Gemeinderat für die gemässigten Stadträte schwieriger geworden. Das Parlament will die Regierung links überholen. Der Entscheid für den neuen Hardturm stärkt den rot-grünen Magistraten nun aber den Rücken. Die Zürcherinnen und Zürcher wollen keine extremen Lösungen. Sie vertrauen bei der Stadtentwicklung völlig zu Recht auf eine verantwortungsvolle Politik des Möglichen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.11.2018, 21:41 Uhr

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