125'000 Franken für einen Meter Veloweg?

Der Zürcher Stadtrat erhält Geld, um einen Veloweg entlang der Rämistrasse zu planen. Die Ausführung wird auf jeden Fall sehr teuer.

Das Tiefbauamt prüft zwei Varianten, um die Rämistrasse velofreundlicher zu gestalten.   Foto: Urs Jaudas

Das Tiefbauamt prüft zwei Varianten, um die Rämistrasse velofreundlicher zu gestalten. Foto: Urs Jaudas

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Sie ist Zürichs hohle Gasse, die Rämistrasse vom Bellevue zum Kunsthaus hoch. Links ragt eine denkmalgeschützte Häuserfront, rechts eine hohe Steinmauer aus dem 19. Jahrhundert. In der Schneise dazwischen müssen alle durchkommen: Trams, Autos, Fussgänger, Velos. Wobei die Velofahrer(innen) bis heute keine offizielle Spur haben. Sie schlängeln sich irgendwie hoch.

Um das zu ändern, hat der Gemeinderat die Stadt gestern beauftragt, für 2,8 Millionen Franken durchgehende Velowege zu planen. Keine einfache Aufgabe: Es gibt zwei Lösungen, die infrage kommen. Beide sind nicht perfekt. Beide kosten viel Geld.

Die Mauer verschieben

Seit sieben Jahren bemühen sich die Stadtregierung und das Parlament, den Velos in der engen Rämistrasse genügend Platz zu verschaffen – ohne dabei Autos oder Trams zu behindern. Zwei Vorschläge des Tiefbauamts – Velos aufs Trottoir umzuleiten oder auf den Weg oberhalb der Mauer – lehnte der linksgrün dominierte Gemeinderat als ungenügend ab.

Als Reaktion darauf entwickelte der VCS Zürich auf Ende 2017 einen eigene Variante. Er will das Trottoir entlang der Mauer aufheben. Fussgänger müssten neu den Weg oberhalb der Mauer benutzen; oder auf die andere Strassenseite ausweichen. Durch das verschwundene Trottoir entstünde genügend Platz für zwei Velowege. Allerdings müssten sich Trams und Autos teilweise eine Spur teilen.

Kurz darauf stellte die Stadt eine ähnliche Lösung vor. Zusätzlich zum aufgehobenen Trottoir möchte sie die Mauer auf etwa 200 Meter Länge um etwa 1,2 Meter zurückversetzen. Durch den so gewonnenen Raum kämen sich auch Tram und Autos kaum mehr in die Quere. Um den Fussweg über die Mauer attraktiver zu machen, würde dieser flacher gestaltet. Doch die Verschiebung der Mauer geht ins Geld: Auf 50 Millionen Franken schätzt der Stadtrat den Preis. Die Lösung des VCS würde nur knapp die Hälfte kosten.

Zu teuer für FDP und SVP

50 Millionen Franken für 400 Meter Veloweg, oder 125'000 Franken pro Meter – das sei viel zu teuer, sagten Redner von FDP und SVP. Der Kanton, der sich am Projekt beteiligen müsste, würde einem solchen Betrag niemals zustimmen. Die VCS-Lösung würde wiederum das Tram verlangsamen. Einen richtigen Veloweg brauche es gar nicht. Die Steilheit schrecke die Velofahrer sowieso davor ab, die Rämistrasse bergauf zu benutzen. Stephan Iten (SVP) sagte, die Stadt habe schon zu viel Geld ausgegeben für die Planung. Jetzt müsse man das Projekt abbrechen.

Linksgrüne Rednerinnen und Redner betonten die Wichtigkeit der Verbindung. Weil das Hochschulquartier ausgebaut wird, erwartet der Kanton eine Zunahme des Verkehrs durch die Rämistrasse um 45 Prozent. Um diesen zu bewältigen, setzt der Kanton auch stark auf das Velo. Diese Funktion könne es aber nur übernehmen, wenn endlich eine sichere Veloverbindung entstehe, sagte Hans Jörg Käppeli (SP). Auch der regionale Richtplan sieht durch die Rämistrasse seit 1999 eine Veloroute vor.

Im Vergleich zum Rosengartentunnel, den FDP und SVP befürworten, koste der Veloweg durch die Rämistrasse immer noch sehr wenig, sagte Sven Sobernheim (GLP). Auch der zuständige Stadtrat Richard Wolff (AL) relativierte die Kosten. Es handle sich um eine Schlüsselstelle. Damit das Velonetz funktioniere, müssten auch solche Engpässe gut befahrbar sein. Dafür lohne sich eine Investition.

Der Planungskredit fand mit 81 Ja- zu 30 Nein-Stimmen (SVP und FDP) eine breite Mehrheit. Das Tiefbauamt wird nun nochmals beide Ideen – jene mit und jene ohne Mauerverschiebung – auf ihre Umsetzbarkeit prüfen. Spätestens 2024 soll die Veloroute entstehen. Dann müssen die Tramgleise ersetzt werden.

Erstellt: 13.06.2019, 06:23 Uhr

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