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Lehrerkarrussell im Kindergarten

Eine Klasse in einem Zürcher Kindergarten muss sich alle paar Wochen wieder an eine neue Lehrperson gewöhnen. Schuld sei unter anderem der unattraktive Beruf, heisst es.

Lorenzo Petrò
Zu viele Wechsel: Ein fünfjähriges Mädchen wollte schliesslich nicht mehr in den Kindergarten gehen. Themenbild: Reto Oeschger
Zu viele Wechsel: Ein fünfjähriges Mädchen wollte schliesslich nicht mehr in den Kindergarten gehen. Themenbild: Reto Oeschger

Als an Stelle der Kindergärtnerin erneut eine Aushilfe vor der Klasse stand, hatte die Fünfjährige – nennen wir sie Nina – genug. Sie wolle nicht mehr in den Kindergarten an der Rieterstrasse im Stadtzürcher Kreis 2, sagte das Mädchen ihrer Mutter. Diese hatte mehr als Verständnis für den Unmut ihrer Tochter: Seit vergangenem Sommer hätten sich die Lehrpersonen der Kindergartenklasse in hoher Kadenz abgelöst. «Das kann doch nicht sein!», sagt die Mutter.

Tatsächlich ist eine neue Lehrperson alle paar Wochen eine katastrophale Bilanz für einen Kindergarten in der Stadt Zürich. Laut Volksschulamt legt man hier besonderen Wert auf starke Lernbeziehungen, auf ein stabiles Lernumfeld. Die vielen Wechsel können eine starke Belastung sein: «Gerade für sensible Kinder», sagt Ninas Mutter. Sie hat ihre Tochter vorübergehend krankschreiben lassen.

Schon in der zweiten Woche ausgefallen

Begonnen hatte die Misere in der Schule Manegg bereits in der zweiten Woche nach den Sommerferien 2017. Wegen einer schwierigen Schwangerschaft musste Ninas junge Kindergärtnerin im Bett liegen, vorerst für ein paar Tage. Die Kinder des Kindergartens Rieterstrasse wurden auf andere Klassen verteilt, wie das üblich ist in solchen Fällen. Für die darauffolgende Woche wurde eine Vikarin engagiert. Diese konnte aber nicht länger unterrichten, als klar wurde, dass die Kindergärtnerin weitere zwei Wochen abwesend sein würde. Die stellvertretende Schulleiterin sprang für einen Tag ein, eine Stellvertretung, die für den nächsten Tag organisiert wurde, stellte sich als ungeeignet heraus, worauf die schulische Heilpädagogin den Unterricht übernahm.

Zu viel für zwei Eltern: Diese wandten sich in einem Brief an die Kreisschulpflege. Präsident Roberto Rodriguez (SP) versprach Besserung. Es sei der Schule ein Anliegen, den Kindern in ihrem Kindergarten – genauso wie in jedem anderen – eine stabile und ruhige Entwicklung zu ermöglichen, antwortete er. Rodriguez fasste die vergangenen Wechsel in seinem Schreiben zusammen, äusserte Bedauern und konnte gleichzeitig verkünden, dass eine Vikarin bis zu den Herbstferien verpflichtet werden konnte. Und eine weitere, die die Kindergartenklasse zwischen Herbst- und Sportferien dieses Jahres übernimmt. Danach sollte erstere zurückkehren und bis zum Ende des Schuljahres die Klasse übernehmen.

Dass es nun erneut zu einem Lehrerwechsel gekommen sei, sei zwar bedauerlich, aber dem Winter geschuldet, sagt Rodriguez. «Leider war die Kindergärtnerin mit einer Grippe ein paar Tage abwesend, und wir mussten sie diese paar Tage stellvertreten lassen.» Ansonsten sei die im Schreiben vom letzten Herbst beschriebene Planung genau eingetroffen. Die Lehrerin sei gemäss Schulleitung Ende Woche bereits wieder vor der Klasse gestanden. Gemäss den Informationen von Rodriguez standen sieben verschiedene Lehrpersonen vor der Klasse. Ein Aussage, die Ninas Mutter bestreitet. Ihrer Ansicht nach waren es mehr als sieben.

Den Schulen sind die Hände gebunden

Häufige Wechsel der Kindergartenlehrerin seien nicht gut, sagt Rodriguez. «Die Beziehung zur Lehrerin oder zum Lehrer ist wichtig für den Bildungserfolg der Kinder.» Rodriguez macht aber darauf aufmerksam, dass den Schulen bei krankheitsbedingten Ausfällen die Hände gebunden seien; die Rechte der Arbeitnehmenden seien wichtig. «Aber sie können im Einzelfall auch die Stabilität einer Stellvertretung in der Schule beeinträchtigen.»

So geniessen krankgeschriebene oder schwangere Mitarbeiterinnen einen Kündigungsschutz. Sie haben also jederzeit das Recht, an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren, weshalb Vikare nur befristet angestellt werden könne. Diese sind also selber weiterhin auf Stellensuche, verlassen die Vikariatsstelle deshalb oft nach wenigen Wochen wieder. Zudem ist es nur möglich, einen Vikar anzustellen, wenn ein Arztzeugnis vorliegt. Ist sich eine erkrankte Person der Schwere ihrer Krankheit nicht bewusst oder informiert ihre Vorgesetzten unzureichend, sind diese auf kurzfristige Behelfslösungen angewiesen. Schulpräsident Rodriguez stellt deshalb in Fällen, in denen die Rückkehr einer krankgeschriebenen Lehrperson als wenig wahrscheinlich erscheint, den Schulleitungen zusätzliche Ressourcen zur Verfügung, um eine möglichst hohe Stabilität in den Klassen zu gewährleisten. Der krankgeschriebenen Lehrperson ist damit eine Rückkehr an ihren Arbeitsplatz gesichert. Ein Mittel, zu dem er auch im vorliegenden Fall gegriffen hat. «Das geht allerdings nur in einem grossen Schulkreis in der Stadt Zürich», sagt Rodriguez. Er ist für 1200 Kindergärtner in 60 Kindergartenklassen des Schulkreises Uto verantwortlich.

«Kaum mehr Spielraum im System»

Rodriguez’ Kollegin Vera Lang Temperli (FDP), Schulpräsidentin im Glattal, kennt ähnliche Fälle aus Erfahrung im eigenen Schulkreis. «Auch wenn das Vorgefallene alles andere als der Regelfall ist.»

Wenn Lehrkräfte in Teilpensen angestellt würden, wie es im Kindergarten oft der Fall sei, sei die Besetzung von Vikariatsstellen äusserst komplex, sagt Lang. «Kommt es deshalb zu vielen Wechseln der Lehrperson, ist dies für Eltern und Kinder belastend.» Für Lang zeigt sich in diesen Einzelfällen aber auch, dass heute im Schulsystem die Ressourcen maximal ausgenutzt würden: «Es hat nicht mehr viel Spielraum.» Glücklich könnten sich Schulen schätzen, die auf einen oder mehrere Schulhausvikare zurückgreifen könnten. «Meist sind das ehemalige Lehrer im Ruhestand.» Diese seien den Kindern im Schulhaus oft bereits bekannt. Allerdings kommen auch diese oft nur für kurze Zeit zum Einsatz.

Mangel an Kindergärtnern ist das Problem

Brigitte Fleuti, Präsidentin des Verbandes Kindergarten Zürich, sieht im Mangel an Kindergartenlehrpersonen einen weiteren Grund für solche belastenden Situationen. «Es besteht im Moment bedauerlicherweise wenig Anreiz, Kindergarten-Lehrperson zu werden, zu sein oder zu bleiben», so Fleuti. Mit der gleichen Ausbildung verdient man als Primarlehrer nämlich deutlich mehr und hat erst noch bessere Rahmenbedingungen. Auch deshalb würden sich Lehrpersonen nach ein paar Kindergartenklassenjahren für den Job als Primarlehrperson entscheiden. Dort habe man es mit älteren, bereits schulgewöhnten Kindern zu tun, die auch noch in mehr Halbklassenunterricht unterrichtet würden.

Weil Klassen, die bereits mehrere Vikariate hinter sich haben, den Ruf hätten, unruhiger, oft etwas «verwildert» zu sein, sei es dann doppelt so schwer, diese Stellen neu zu besetzen, sagt Fleuti.

Schulpräsident Rodriguez gibt aber zu bedenken, dass jede herausfordernde Situation auch eine Chance sein könne: «So bietet sich für die Kinder die Lernmöglichkeit, sich flexibel auf neue Situationen und verschiedene Bezugspersonen einzustellen.» Eine Kompetenz, die in unserer schnelllebigen Zeit durchaus gefordert sei.

Eine Schulleitung könne zwar wie im vorliegenden Fall Pech haben bei der Besetzung einer Stelle, ergänzt Schulpräsidentin Lang Temperli. «Es kann aber das Gegenteil eintreffen.» So konnte Anfang des Jahres eine Lehrstelle wegen des Mangels an Lehrpersonen in ihrem Schulkreis Glattal nicht besetzt werden. Die Klasse musste also mit einem Vikariat starten. Doch der Vikarin gefiel die Klasse, und sie konnte sie im Anschluss ans Vikariat gleich als Festangestellte weiterbetreuen. «Man kann eben auch Glück haben.»

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