Prostituierte in Zürich 294 Tage lang zu Unrecht eingesperrt

Wegen eines peinlichen Fehlers sass eine 29-jährige Spanierin in U-Haft. Jetzt erhält sie 29'400 Franken.

Hier wurde der Fall verhandelt: Das Bezirksgericht Zürich. Bild: Urs Jaudas

Hier wurde der Fall verhandelt: Das Bezirksgericht Zürich. Bild: Urs Jaudas

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Achtung, folgende Geschichte ist möglicherweise falsch: Am 24. Juli letzten Jahres, morgens kurz nach acht Uhr, ging ein 25-jähriger Algerier im Zürcher Kreis 4 auf eine Prostituierte zu, zückte ein Taschenmesser und verlangte Geld. Als die 29-jährige Spanierin sagte, sie habe kein Geld, verlangte er Sex. Oben im Zimmer auf dem Bett gelang es der Frau auf irgendeine Art, dem Mann das Messer zu entwinden, wobei sich der Mann Schnittverletzungen vor allem an der rechten Hand zuzog. Schliesslich konnte die Spanierin fliehen. Der Algerier wurde verhaftet und in U-Haft gesteckt.

Achtung, die folgende Geschichte ist möglicherweise ebenfalls falsch: Am 24. Juli letzten Jahres, morgens kurz nach acht Uhr, ging ein 25-jähriger Algerier auf eine Prostituierte zu und fragte sie nach den Kosten für sexuelle Dienstleistungen. Über die 100 Franken war man sich schnell einig. Als der Mann das Geld aus seiner Bauchtasche nahm, sah die Frau, dass sich in der Tasche noch viel mehr Geld befand. Sie holte ein Taschenmesser, bedrohte damit den Mann und versuchte, nach den Geldscheinen in der Bauchtasche zu greifen. Beim Versuch, der Frau das Messer wegzunehmen, verletzte sich der Algerier, vor allem an der rechten Hand. Er erstattete Strafanzeige bei der Polizei. Die Frau wurde verhaftet und in Untersuchungshaft gesteckt.

DNA-Proben verwechselt

Was jetzt? Hat sich der Mann des Raubversuchs und der versuchten Vergewaltigung schuldig gemacht? Oder hat die Frau einen Raubversuch samt Körperverletzung begangen und sich zusätzlich dem Verdacht ausgesetzt, den Algerier wider besseres Wissen massiver Straftaten bezichtigt zu haben? Vor dieser Frage stand am Montag das Zürcher Bezirksgericht. Und vor diesem stand die Spanierin – mutmasslich wegen eines peinlichen Fehlers. Denn laut einem Bericht des Forensischen Instituts Zürich (FOR) befand sich auf dem Messergriff hauptsächlich die DNA der Frau, auf der blutigen Klinge die DNA des Mannes. Mit anderen Worten: Die Frau hatte das Messer in der Hand gehalten, war also die mutmassliche Täterin.

Nach diesem Ergebnis wurde der Algerier nach einem Monat aus der U-Haft entlassen. Wo er sich heute aufhält, ist nicht bekannt. Doch das FOR hatte die Personen verwechselt, wie das Institut für Rechtsmedizin Monate später in einem Gutachten feststellte. Es war genau umgekehrt, der sogenannte Hauptspurengeber am Griff war der Mann. Weil sich am Griff aber auch DNA der Frau befand, blieb der Staatsanwalt bei seiner Ursprungsversion und klagte die Frau an.

Blut auf dem Bett

Doch das Bezirksgericht sprach die Frau von den Vorwürfen des versuchten Raubes, der falschen Anschuldigung und der Körperverletzung frei. Laut den Ergebnissen der DNA-Analyse seien beide Tatversionen möglich. Aber die Schilderung der Frau habe «viele lebensnahe Details» enthalten, die bei einer erfundenen Geschichte fehlen würden. Demgegenüber habe der Algerier widersprüchlich ausgesagt und seine Angaben den Ermittlungsergebnissen angepasst.

Vor allem aber: Auf dem Bett wurde Blut des Mannes gefunden. Das Bett kam nur in der Tatversion der Frau vor. Anstatt einen Teil der Freiheitsstrafe von dreissig Monaten zu verbüssen, kann die ledige Mutter von drei Kindern mit 29400 Franken nach Hause. Es ist die Entschädigung für 294 Tage zu Unrecht erlittener Untersuchungshaft.

Erstellt: 14.05.2019, 09:17 Uhr

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