32 Millionen Franken für ein Tramdepot

Bei der Fassade des Zürcher Tramdepots geht es ums Grundsätzliche: Der Stadtrat wollte das Geld eigenmächtig bewilligen, doch das hat ihm der Bezirksrat verboten.

Glasarchitektur vom Feinsten, aber luftdurchlässig wie ein Sieb: Das Tramdepot beim Bahnhof Wiedikon. Foto: Doris Fanconi

Glasarchitektur vom Feinsten, aber luftdurchlässig wie ein Sieb: Das Tramdepot beim Bahnhof Wiedikon. Foto: Doris Fanconi

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Das Tramdepot Elisabethenstrasse ist dermassen vielen Zielkonflikten ausgesetzt, dass man meint, das Glas klirren zu hören. Dort klopfen an: der Denkmalschutz, die 2000-Watt-Gesellschaft, der Gemeinderat mit seiner Budgethoheit und der Stadtrat mit seiner Verpflichtung, die Infrastruktur instand zu halten.

Das Depot Elisabethenstrasse, auch Kalkbreite genannt, ist ein Werk von Stadtbaumeister Hermann Herter, erstellt in den Jahren 1939 bis 1949, erbaut im Stil der Schweizer Moderne. Das bedeutet Raster und Glas – beides hat das grösste Tramdepot der Zürcher Verkehrsbetriebe im Übermass. Was immer Herter gebaut hat – Tramhäuschen Belle­vue und Paradeplatz, Bahnhof Wiedikon, Sportanlage Sihlhölzli – es steht ­unter Denkmalschutz.

Eine zweite Haut

Nach bald 70 Jahren ohne richtige Renovation befindet sich das Depot heute in einem schlechten bis sehr schlechten Zustand. Die Gebäudestatik hat keine Lastreserven, die Erdbebensicherheit ist nicht gewährleistet, die alte Heizung mit Öl und Gas heizt im Winter halb Aussersihl und Wiedikon – so durchlässig sind die Glasfassaden, die Oberlichter und das Dach. Für die VBZ-Mitarbeiter, die in der grossen Halle die Trams warten, bedeutet das Hitze im Sommer und Kälte im Winter.

31,8 Millionen Franken kostet die ­Sanierung, wie sie die Stadt jetzt plant. In der ersten Variante waren es bloss 13 Millionen, doch wären damit nur die bestehenden Bauteile originalgetreu instand gestellt worden ohne energetische Verbesserung. Dann besann sich der Stadtrat auf den Auftrag des Volkes, die 2000-Watt-Gesellschaft in Zürich anzustreben – die Reduktion des Energieverbrauchs pro Kopf auf ein Drittel. Doch wie kombiniert man die Glasfassaden mit Wärmedämmung, ohne das filigrane Werk zu entstellen? Indem hinter der Fassade eine zweite Glaswand aufgebaut wird, eine «innere Haut». Das erhöht die Kosten allerdings stark.

Der Stadtrat war der Meinung, dass er diese knapp 32 Millionen Franken als sogenannte gebundene Ausgabe in Eigenregie bewilligen könne. Wenn eine Investition dem Erhalt der öffentlichen Infrastruktur dient, wenn die Stadt damit nur ihrer Pflicht zum Unterhalt nachkommt und es keinen Ermessensspielraum gibt, dann muss die Ausgabe nicht vors Parlament. Mit der «inneren Haut» meinte der Stadtrat, alle ihm obliegenden ­Aufgaben erfüllen zu können: Instandsetzung, Denkmalschutz und Energiesparen.

Doch das liess sich der dienstälteste Gemeinderat nicht bieten, Niklaus Scherr von der Alternativen Liste. Wenn man ihm die Mitsprache verweigert, wird er widerborstig. Er reichte beim Bezirksrat Stimmrechtsbeschwerde gegen den Beschluss des Stadtrats ein, die gesamte Depotsanierung als gebundene Ausgaben zu behandeln. Scherr verlangte, dass mindestens 2 Millionen Franken der Sanierungssumme dem Gemeinderat vorgelegt werden. Er berief sich unter anderem auf die Budget­hoheit des Parlaments. Diese werde vom Stadtrat aber unterlaufen, wenn er sich pauschal auf die 2000-Watt-Gesellschaft berufe. Damit könnte er künftig jedes Bauprojekt selber bewilligen – koste es, was es wolle. Wenn sich Energiesparen und Denkmalschutz in die Quere kämen, brauche es einen politischen Entscheid. Und Scherr erhielt recht. Für den Bezirksrat ist die vom Volk verlangte Verankerung der 2000-Watt-Gesellschaft in der Gemeindeordnung lediglich ein Programmartikel. Daraus lasse sich keine Verpflichtung ableiten, energetische Massnahmen zu ergreifen, völlig ungeachtet der Kosten. Laut Bezirksrat hat der Stadtrat auch nicht das ­Monopol, zwischen gebundenen und nicht gebundenen Ausgaben zu entscheiden. Weiter erinnert die Aufsichtsbehörde an die kantonalen Wärmedämmvorschriften, wonach die örtliche Baubehörde bei Schutzobjekten die Anforderungen an die Wärmedämmung reduzieren darf. Die Stadt habe also einen erheblichen Ermessensspielraum. Dieses Urteil war so klar, dass es der Stadtrat akzeptierte und nicht weiterzog.

Jetzt liegt sein Antrag an den Gemeinderat vor. 9,986 Millionen Franken soll das Parlament bewilligen für die energetische Sanierung des Tramdepots, davon 4,4 Millionen für den Einbau der Innenfassade, 1,2 Millionen für die Oberlichter, 1,5 Millionen für eine Fotovoltaikanlage auf dem Dach und 611 000 Franken für eine Grundwasserwärmepumpe. Der Heizwärmebedarf wird so um über 60 Prozent verringert und der CO2 um über 88 Prozent. 21,8 Millionen Franken für die Sanierung des Tramdepots betrachtet der Stadtrat weiterhin als gebunden. Er hofft, nach der Zustimmung des Gemeinderats mit dem Umbau im Frühjahr 2016 beginnen zu können, und er rechnet mit zwei Jahren Bauzeit.

Erstellt: 20.07.2015, 21:56 Uhr

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