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42'000 Franken für ein einzigartiges Zürcher Gästebuch

Das Buch ist bloss einen Zentimeter dick, aber es erzielte bei der Versteigerung einen überraschend hohen Preis.

Gästebuch des Café Odeon wurde versteigert: Dutzende illustre Menschen sind darin verewigt. Video: Tamedia Webvideo/SDA

Zahlreiche Künstler und andere Persönlichkeiten haben sich in den Jahren von 1917 bis 1932 im Gästebuch des legendären Zürcher Café Odeon verewigt: Das Büchlein mit 61 Seiten und knapp 140 Unterschriften ist am Dienstagabend vom Auktionshaus Christie's in Zürich für 42'000 Franken versteigert worden.

Mit einem Startangebot von 18'000 Franken ging es los. Nach rund einem Dutzend Erhöhungen war dann bei 42'000 Franken Schluss – es gingen keine höheren Gebote mehr ein und der Auktionator bekräftigte den Abschluss der Steigerung mit seinem üblichen Hammerschlag.

Zum «hammer price» von 42'000 Franken kommen noch die Gebühren hinzu: Als «realisierter Preis» gilt deshalb gemäss Angaben des Auktionshauses 52'500 Franken. Das Gästebuch, das der Auktionator als «Leckerbissen» angepriesen hatte, erzielte damit einen deutlich höheren Preis, als dies im Vorfeld der Auktion erwartet worden war - der Schätzpreis lag bei 20'000 bis 30'000 Franken.

Ein aussergewöhnliches Zeitdokument

Das in braunes Leder gebundene Gästebuch misst 17,5 auf 13,5 Zentimeter und ist bloss einen Zentimeter dick - und es ist trotz seiner äusseren Unscheinbarkeit ein «aussergewöhnliches Zeitdokument», wie es das Auktionshaus Christie's im Katalog beschrieb.

Unvermutet aufgetaucht: Christie's Auktionator Hans-Peter Keller präsentiert das Odeon-Gästebuch.
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Doris Fanconi
Er war jede Woche zum Jassen im Odeon: Ulrich Wille, General der Schweizer Armee im ersten Weltkrieg.
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PD
Der wohl spektakulärste Eintrag: Augusto Giacometti mit einer Farbstudie.
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PD
Stechender Blick: der avangardistische Maler Leo Leuppi.
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PD
Ein Meister der Reduktion: der Expressionist Arnold Brügger bildet sich nur zu Häfte ab - dafür mit Wein.
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PD
Orientalische Exotik: Otto Pilny zeichnete einen Ausschnitt aus seinem Gemälde Sklavenmarkt in das Buch.
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PD
In alter Grösse: Das Odeon 1959, als das Café noch die ganze Front zum Limmatquai einnahm. 1972 wurde das Lokal halbiert.
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ETH-Bibliothek, Bildarchiv
Alltag im Kaffeehaus: Das Odeon 1978.
Alltag im Kaffeehaus: Das Odeon 1978.
Josef Schmid, ETH-Bibliothek Zürich Bildarchiv
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Denn auf den 61 Seiten schrieb sich unter anderem General Ulrich Wille (1848–1925) am 20. Juli 1920 ein - in einer kurzen Jasspause eher hastig. Und Augusto Giacometti (1877–1947), der ab 1915 im gleichen Haus wie das «Odeon» sein Atelier hatte, malte am 10. April 1923 eine Farbstudie ins Gästebuch.

Zahleiche weitere Schauspieler, Künstler und Literaten hinterliessen zumindest ihre Signatur, meist aber auch eine Bleistift- oder Federzeichnung. Laut Christie's bildet das Gästebuch einen «wichtigen Querschnitt der damaligen, blühenden Kunstszene in Zürich ab».

Nach Amerika mitgenommen

Das Büchlein hatte Helen May-Otto, die ab 1917 mit ihrem Ehemann Werner May das Odeon betrieb, ausgewählten Café-Besuchern vorgelegt. 1932 verliessen die Mays Europa in Richtung Amerika. Die in Kanada lebende Enkelin der ehemaligen «Odeon»-Wirtin fand es nun wieder und bot es dem Auktionshaus Christie's zum Verkauf an. Das Gästebuch des Jugendstil-Cafés am Bellevue ist am Dienstagabend im Rahmen der Auktion «Swiss Art» unter den Hammer gekommen, an der gegen 100 Werke versteigert wurden.

Darunter befanden sich unter anderem solche von Alberto Giacometti (1901–1966), Meret Oppenheim (1913–1985) und Hansruedi Giger (1940–2014). Das Bild «Mädchen, mit Dominosteinen spielend», das Albert Anker (1831–1910) um 1900 malte, wechselte dabei für 1,3 Millionen Franken (ohne Gebühren) den Besitzer.

(SDA)

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