600 Zürcher Firmen von dubioser Inseratfirma ausgetrickst

In einer scheinbar amtlichen Hochglanzbroschüre hat eine Firma aus England Inserate für lokale Unternehmer aus dem Internet zusammengeklaut. Nun erhalten die Firmen Betreibungsandrohungen.

Bild: Schaad

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Auf den allerersten Blick sieht das 300-seitige Buch imposant aus: blauer Hochglanzumschlag mit Zürichsee, Schweizer und Zürcher Wappen. Das Werk nennt sich «Informationsbroschüre der Schweiz – Kanton Zürich». Auf den vordersten Seiten macht der Herausgeber auf seriös. Da wird die Geschichte des Kantons abgehandelt – vom höchsten Berg, dem Schnebelhorn, bis zur neuen Kantonsverfassung.

Nach dem ersten Umblättern wird schnell klar, dass mit der grossspurigen Broschüre etwas faul ist. Illnau-Effretikon wird als Stadt mit 354'308 Einwohnern aufgeführt. Schlieren bringt es auf 95'943 Einwohner (statt rund 15'000). Der peinliche Fehler: Der ganze Text ist aus Wikipedia kopiert – und dabei wurde Zürich mit Illnau und Winterthur mit Schlieren verwechselt.

270 Seiten mit Inseraten

Ab Seite 21 folgen auf 270 Seiten nur noch Inserate. Dass mit diesen etwas nicht stimmt, sieht man sofort. Kaum ein Gewerbler wäre so geschmacklos, sich solche Firmenlogos zuzulegen. Die Weinflasche von Mövenpick hat keine Etikette, vom Inserat der Kleintierpraxis in Glattbrugg grinst ein kitschig-grünes Hündli, und das glückliche Schweinchen der Metzgerei Steffen in «Ängst am Albis» ist so unscharf, dass ein Inserent nie und nimmer dafür bezahlen würde.

Zwei Dutzend Testanfragen bei den rund 600 angeblichen Inserenten geben Gewissheit: Keine der Firmen hat ein Inserat aufgegeben. Der Verfasser der Broschüre hat wild Firmenadressen aus dem Telefonbuch und dem Internet zusammengesucht, Logos herauskopiert und mit netten Symbolbildchen angereichert. Der Blumenhändler aus Niederglatt erhielt rote Tulpen, die UBS in Horgen ein aus dem Internet kopiertes Bildchen und das Restaurant Alpenblick in Meilen ein schönes Alpenpanorama.

«Ich wurde hereingelegt»

So weit schadet diese Broschüre niemandem. Wenn nicht der Herausgeber so aufdringlich würde. «Eine Riesenfrechheit ist das», schimpft Theresa Buff vom Modehaus Casmode in Glattbrugg. Ihr angebliches Inserat ist erstens geschmacklos und wirbt zweitens für das Vorgängergeschäft, das es seit zweieinhalb Jahren nicht mehr gibt. «Ich wurde hereingelegt, während ich im Stress war.»

Und so funktioniert die angebliche Inseratakquisition: Alle Firmen erhielten ein Fax von einer Firma mit dem vielsagenden Namen Incom Solutions Ltd. aus London. Diese fungiert auch als Herausgeberin. Darin wird ein halbseitiges Inserat für 2496 Franken offeriert. Unter viel sehr klein Gedrucktem muss sich der «Kunde» für eine von drei Varianten für das Inserat entscheiden: Für «Läuft nach der Vertragslaufzeit automatisch aus» oder für zwei Möglichkeiten zu Verlängerungen. Weil alle mit dem Inserat möglichst nichts zu tun haben wollen, kreuzen sie «läuft aus» an, fügen Firmenstempel und Unterschrift hinzu und faxen die Offerte zurück.

Natürlich übersehen die meisten das kaum lesbare Kleingedruckte: «Der Auftrag wird für zwei Werbejahre geschlossen.» Prompt kommt die Rechnung der Inkassofirma DeBi Advice aus Berlin, bei Nichtbezahlung gefolgt von einer Mahnung mit Zusatzkosten von 40 und einer zweiten mit Mahnkosten von 80 Franken. Wer immer noch nicht bezahlt, bekommt es mit Rechtsanwalt Thomas Nippold aus Berlin zu tun. Dieser droht in geschwollenen Worten mit einer gerichtlichen Betreibung und addiert nochmals 140 Franken für seine «Mühewaltung».

Experte rät: Nicht bezahlen

Der «K-Tipp» führt DeBi Advice und Incom Solutions auf der Warnliste der Inseratschwindler. Die «K-Tipp»-Rechtsabteilung empfiehlt: «Keine solchen Faxe unterschreiben! Wer sich trotzdem überlisten liess, soll auf keinen Fall bezahlen. In den allermeisten Fällen passiert nichts.» Die Zürcher Oberstaatsanwaltschaft rät Gewerblern, die sich betrogen fühlen, zu einer Anzeige bei der Polizei. Gute Erfahrungen hat damit Renato Sonderegger von der Velofirma Velok in Bassersdorf gemacht. «Nach drei Mahnungen habe ich denen mit der Polizei gedroht, seither ist Ruhe.» Auch andere hereingelegte Gewerbler berichten, dass nach einem «halben Jahr Terror» plötzlich Ruhe sei.Nachdem der «Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern» als Erster über den Inseratschwindel berichtet hatte, distanzierte sich Regierungssprecherin Susanne Sorg in einem Brief an alle Zürcher Gemeinden von der Publikation. Der Kanton Zürich habe nichts damit zu tun. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.11.2010, 06:46 Uhr

Bunter Betrug: Edler Hochglanz aussen, reiner Schwindel
im Inneren der Broschüre.

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