Ab zwei Kindern lohnt sich die Nanny

Krippenplätze in Zürich sind trotz Überangebot noch immer sehr teuer. Junge Mittelstandseltern entdecken eine günstigere Variante – die Nanny.

Nanny statt Kita: Sie (selten er) ist zeitlich flexibler, kann Fahrdienste übernehmen und Geschichten erzählen. (Archiv)

Nanny statt Kita: Sie (selten er) ist zeitlich flexibler, kann Fahrdienste übernehmen und Geschichten erzählen. (Archiv) Bild: Ennio Leanza/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als die Eltern Martina und Christian, beide Mitte 30, ihr zweites Kind bekamen, machte das gut verdienende Paar eine Rechnung: Bisher hatten sie ihre zweijährige Tochter an drei Tagen die Woche in eine Zürcher Krippe gegeben, das zweite Kind sollte ein paar Monate nach der Geburt folgen. Die Betreuung beider Kinder hätte dann monatlich fast 4000 Franken gekostet. Zu viel, sagten sie sich, suchten nach Alternativen und fanden sie in einer Nanny. Jetzt kümmert sich eine erfahrene Frau aus dem Berner Oberland zu hundert Prozent um die Kinder. Sie ist auch bereit, ihren Einsatz flexibel nach den Bedürfnissen der Eltern zu richten. Kostenpunkt: 4500 Franken, inklusive Sozialleistungen. Die Eltern profitieren zusätzlich, denn: «Der Stress am Morgen in die Krippe und der mühsame Weg in der allabendlichen Verkehrsüberlastung fallen weg.»

Zum gleichen Schluss kamen auch eine Zürcher Architektin und ihr Mann. Sie habe erst gar nicht nachgerechnet, sagt die dreifache Mutter, ihr Gefühl sagte ihr im Vornherein: «Drei Kinder in der Krippe kosten sicher mehr als eine Nanny.» Kostenpunkt für die engagierte Vollzeit-Nanny inklusive Sozialleistungen: 4400 Franken.

Erstmals genug Krippenplätze

Heute besucht mehr als jedes zweite Stadtzürcher Kind unter fünf Jahren eine Kindertagesstätte (Kita/Krippe). Private Trägerschaften leisten über 90 Prozent dieser Betreuungsaufgaben. Diese müssen sich nicht an die vorgeschriebenen Tarife halten, sofern sie nicht über subventionierte Plätze verfügen. In den letzten Jahren sind in Zürich und Umgebung Krippenplätze wie Pilze aus dem Boden geschossen. So, dass in der Stadt seit kurzem kein Mangel an Betreuungsplätzen mehr herrscht. «Im Moment sprechen wir erstmals davon, dass Angebot und Nachfrage sich etwa die Waage halten», sagt Michael Rüegg, Sprecher des Zürcher Sozial­departements. Bislang habe jeweils die Nachfrage überwogen.

Umfrage

Würden Sie Ihre Kinder lieber einer Nanny anvertrauen als einer Krippe (privat oder städtisch?







Talin Stoffel, ehemalige Co-Geschäftsleiterin von Kibesuisse, dem Verband Kinderbetreuung Schweiz, spricht gar von zu vielen Betreuungsplätzen: «In Zürich und Winterthur zeichnet sich bereits ein Überangebot ab.» Allerdings nur im nicht subventionierten Bereich. Subventionierte Plätze sind je nach Quartier immer noch Mangelware.

Für den nicht subventionierten Zürcher Mittelstand jedoch – ab 100'000 Franken steuerbarem Einkommen gibt es keinen staatlichen Zustupf mehr – könnte die Nanny zur ernsthaften Alternative werden. Schon bei zwei Kindern und einem steuerbaren Einkommen von 120'000 Franken oder mehr kommt eine Vollzeit-Nanny gleich teuer oder sogar günstiger als die Krippe.

Trotz des steigenden Angebots hätten sich die Kosten für Betreuungsplätze nicht merklich verändert, sagt Michael Rüegg. Zwar liegt der Maximaltarif in städtischen Krippen bei 120 Franken pro Tag und Kind (Kinder unter 18 Monaten kosten mehr). Wie gut verdienende Eltern bestätigen, gibt es aber durchaus Krippen, die für einen Krippentag 180 Franken pro Kind verlangen.

Erfahrung und Ausbildung

Wird die Nanny zunehmend zur Konkurrenz für die Krippe? «Nein», sagt Margrit Bumann von der Nanny-Vermittlung Zipfelzapf.ch. «Wir sind keine Konkurrenz, wir sind eine Alternative und eine Ergänzung zu den Kitas.» Viele Krippen seien froh, wenn sie Flyer ihrer Kinderbetreuungsplattform auflegen würden, «damit sie den Familien, die keinen Platz finden, eine Alternative bieten können». Katharina Schneider von der Plattform Nannyvermittlung.ch. sieht ab einem bestimmten Einkommen «klare Vorteile» bei der Nanny. Etwa die individuelle Betreuung durch eine feste Bezugsperson zu Hause und zeitliche Flexibilität. Nannyvermittlung.ch bietet Jobs von 20 bis 100 Prozent an und hat laut eigenen Angaben 2048 Nannys registriert. Die meisten davon sind Schweizerinnen oder Frauen aus Deutschland. Hin und wieder gebe es auch Bewerbungen von fremdsprachige Kandidatinnen. «Bei Familien sind jedoch in der Regel Nannys gefragt, die bereits eine gültige Aufenthaltsbewilligung haben.» Zudem stünden Erfahrung und Ausbildung ganz oben auf der Wunschliste der Eltern. In der Branche gibt es keine festen Löhne. Die Anbieter empfehlen je nach Alter, Erfahrung und Ausbildung: 25 bis 35 Franken die Stunde, 3800 bis 5000 Franken brutto bei Vollzeit. Ein Berufsverband existiert nicht.

Grosi-Ersatz für Expats

Eine Nanny passe sich in Sachen Erziehung individuellen Wünschen an und könne obendrein auch kochen oder Fahrdienste übernehmen, sagt Katharina Schneider. Für sie kann eine Nanny im besten Fall zu einem geliebten und geschätzten Familienmitglied werden. Die über ihr Portal vermittelten Nannys hätten alle pädagogische Ausbildungen oder entsprechende Referenzen vorzuweisen. Sie sind zum Beispiel Kleinkinderzieherinnen, Spielgruppenleiterinnen, Kindergärtnerinnen oder Fachfrau Betreuung. Aber auch Grossmütter können Nanny werden. «Für viele Familien ist eine ältere Nanny ein Grosi-Ersatz», sagt Schneider. Vor allem wenn die Familien­angehörigen im Ausland wohnen. Schneiders Kundschaft sind Mittelstandsfamilien. «Begüterte oder Expats suchen ebenfalls», sagt sie, «doch ist die Nanny beim Mittelstand mittlerweile keine Seltenheit mehr.»

Für eine grössere Ansicht klicken Sie bitte ins Bild.

Nicht alles spricht für die Nanny, auch wenn sie für Familien des oberen Mittelstandes rechnerisch vergleichbar mit einer Krippe oder günstiger ist: Talin Stoffel sieht in der Kita «eine wichtige Chance für ein Kind, Anregungen zu holen, von denen es zu Hause zu wenig bekommt». Gleicher Meinung ist auch Min Li Marti, SP-Fraktionschefin im Zürcher Stadtparlament: «Es gibt pädagogische Gründe, wie der Umgang mit anderen Kindern, die trotz dem Preis eher für eine Krippe sprechen.» Auch für Christine Flitner von der Gewerkschaft VPOD sind die Vorzüge einer Krippe klar: Qualitätskontrolle, pädagogisch ausgebildetes Personal, Verlässlichkeit – die Einrichtung ist immer offen, auch wenn eine Erzieherin mal ausfällt.

CVP-Fraktionspräsidentin Karin Weyermann sagt: «Die Nanny ist zwar flexibler, gerade in den Abendstunden und allenfalls am Wochenende. Dafür trägt die Familie das Risiko von Krankheit und Unfall.» Eine Krippe sei heute nicht mehr einfach eine «Aufbewahrungsstätte» für Kinder, deren Eltern arbeiten. So kennen Krippenleiterinnen die Entwicklungsschritte von Kindern und könnten Eltern gut beraten, wo ihr Kind steht, sagt auch die grüne Fraktionspräsidentin Karin Rykart, die seit einem Jahr als Co-Kinderkrippenleiterin arbeitet. Weiter gebe es Standards, die in jeder Kita erfüllt sein müssen. Schliesslich seien die Kinder in der Obhut verschiedener erwachsener Personen, die sich, nicht zuletzt bei krankheitsbedingten Ausfällen, ersetzen könnten. Trotzdem: «Gerade für Babys und sehr kleine Kinder ist die Nanny sicherlich von Vorteil», sagt Rykart. Der Nachteil einer Krippenbetreuung seien die fixen Öffnungszeiten und die Kosten – «insbesondere für Gutverdienende».

«Vorschriften sind Preistreiber»

Nicht subventionierte Krippenplätze sind teuer, das bestreitet von links bis rechts niemand. SP-Frau Marti sagt, die Vorschriften zu Sicherheit, Ausbildung und Hygiene in Krippen könne man durchaus kostentreibend oder bürokratisch finden und kritisieren. «Allerdings bin ich ziemlich überzeugt, dass die Eltern die Ersten wären, die aufschreien würden, wenn man dort weniger hohe Standards ansetzen würde.» Für FDP-Fraktionschef Roger Tognella sind die hohen Preise die Folge zu vieler Vorschriften: «Ich stelle immer wieder fest, dass gesetzliche, aber auch selbst auferlegte Rahmenbedingungen in der Stadt die Kinderbetreuungskosten unnötig verteuern.» Er fordert, Zürich müsse die Anforderungen und damit die Kosten für nicht subventionierte Krippenplätze senken, «damit Kinderbetreuung auch für den Mittelstand noch bezahlbar bleibt».

Um Eltern die Qual der Wahl zu ersparen, macht Min Li Marti deshalb einen andern Vorschlag: «Ich könnte mir vorstellen, dass die Kinderbetreuung spätestens ab Schulstufe unentgeltlich und die vorschulische Betreuung einiges günstiger wird.» «Doch wären die Zürcherinnen und Zürcher bereit», so fragt sie, «dafür eine Steuerfusserhöhung von drei bis vier Prozent in Kauf zu nehmen?»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.11.2015, 22:56 Uhr

280 Kindertagesstätten

Letztes Jahr standen in 280 Zürcher Kitas 8603 Plätze zur Verfügung. Im Laufe dieses Jahres kamen 515 hinzu. Erstmals verfügt Zürich nun über genügend Krippenplätze. Obwohl das Sozialdepartement 2014 insgesamt 3348 Betreuungsplätze in 203 privaten und 9 städtischen Kindertagesstätten finanziell unterstützte, reicht das Angebot an subventionierten Betreuungsplätzen nicht aus. Der Stadtrat hat diese Lücke erkannt und will dafür sorgen, dass spätestens 2020 alle anspruchsberechtigten Familien einen subventionierten Betreuungsplatz erhalten. Subventionsbeiträge erhalten Eltern, deren steuerbares Einkommen (minus Abzügen von 6000 Franken pro Haushalt und Person) unter 100'000 Franken liegt. (roc)

Artikel zum Thema

Weniger Auflagen, billigere Krippen

Kommentar Wenn es heute einen Überschuss an Krippenplätzen gibt, warum sinken dann nicht die Preise? Mehr...

100 Millionen für Kinderbetreuung

Zusätzlich zum Förderprogramm für Krippen und Tagesschulen will der Bund die Kinderbetreuung in den Kantonen und Gemeinden unterstützen. Die Linke fordert mehr Geld, die SVP spricht von einem «Skandal». Mehr...

Horte und Krippen in Wohnzonen brauchen keine Ausnahmeregel

Der Kanton hat der neuen Stadtzürcher Regelung zugestimmt. Kinderbetreuungsstätten und Kindergärten stellen kein baurechtliches Konfliktpotenzial mehr dar. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Haben keine Höhenangst: Zwei Fensterputzer haben sich in Tokyo als Hund und Wildschein verkleidet. Die beiden Tiere sind in Japan die Sternzeichen dieses und des nächsten Jahres. (13. Dezember 2018)
(Bild: Kim Kyung-Hoon) Mehr...