Abschied von der «Fanfare»

Heute wird die Skulptur von Robert Müller abtransportiert, die 33 Jahre lang vor dem Kunsthaus stand. Sie kommt vors Gymnasium in Langenthal, wo sie 1968 einen heftigen Kunststreit provozierte.

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Es ist die Heimkehr einer Verstossenen. Die Skulptur «Fanfare», die 33 Jahre lang auf dem Heimplatz in Zürich stand, findet endlich an ihren eigentlichen Bestimmungsort: den Hof des Gymnasiums Oberaargau in Langenthal. Heute macht sich die Skulptur auf die Reise – 43 Jahre nach dem ersten Entwurf des Künstlers Robert Müller, der 1968 in Langenthal einen heftigen Kunststreit provozierte. Dieser führte dazu, dass die «Fanfare» nicht dort, sondern in Zürich aufgestellt wurde.

Gestern Morgen haben Arbeiter begonnen, die Skulptur in drei Teile zu zersägen. Zuvor nahm Zürich in einer öffentlichen Feier Abschied von der «Fanfare» – mit einem weinenden und einem lachenden Auge, wie Stadtpräsidentin Corine Mauch in ihrer Rede sagte. Sie beklagte den Verlust der «Fanfare». Diese muss der unterirdischen Passage weichen, die das Kunsthaus mit dem geplanten Neubau auf der anderen Seite des Heimplatzes verbindet. Gleichzeitig freute sie sich darüber, dass die Skulptur nicht in einem Lager verschwindet, sondern weiter zu sehen ist – und das erst noch in Langenthal.

«Kindergartenschreck»

Die Kunstkommission des Kantons Bern hatte Robert Müller 1967 damit beauftragt, eine Monumentalplastik für den Hof des neuen Gymnasiums zu entwerfen. Als er seinen Vorschlag im Februar 1968 präsentierte, hagelte es Kritik. In Artikeln und Leserbriefen wurde die «Fanfare» als «Kindergartenschreck aus Beton» oder als «Rutschbahn für Mittelschüler» bezeichnet, und man kritisierte die Verschleuderung von Steuergeldern. Elf Gymnasiallehrer forderten den Langenthaler Gemeinderat auf, den Entscheid zu überdenken, eine «Aktionsgruppe für guten künstlerischen Schmuck» sammelte mehrere Hundert Unterschriften. Mit Erfolg: Der Auftrag wurde rückgängig gemacht. Robert Müller musste mit 30'000 Franken entschädigt werden, konnte sein Werk später aber dank der Walter-Bechtler-Stiftung doch noch realisieren. Diese kaufte das Werk und schenkte es der Stadt Zürich.

Als sich vor drei Jahren abzeichnete, dass die «Fanfare» der Kunsthaus-Erweiterung weichen muss, begann eine Arbeitsgruppe Ersatzstandorte zu suchen und zog die Saalsporthalle oder das Triemli-Spital in Betracht. Der Langenthaler Künstler Max Hari, Zeichenlehrer am Gymnasium Oberaargau, las davon im «Tages-Anzeiger» und schlug seinen Lehrerkollegen am selben Tag vor, sich um die «Fanfare» zu bemühen. Rektor Thomas Multerer nahm Kontakt mit der Stadt Zürich auf, und innert kurzer Zeit wurde man sich einig.

«Eine grosszügige Geste Zürichs»

Multerer und der Langenthaler Stadtpräsident Thomas Rufener sprachen gestern an der Abschiedsfeier von einem «Glücksfall» für Langenthal – und von einer grosszügigen Geste Zürichs. Denn die Stadt schenkt dem Kanton Bern die Skulptur und bezahlt mit 50'000 Franken fast einen Drittel der Kosten für Transport und Wiederaufbau. Den Rest der 160'000 Franken teuren Aktion teilen sich der Berner Lotteriefonds, das Berner kantonale Hochbauamt, die Schule, die Stadt Langenthal sowie eine private Stiftung.

Laut der Stadt Zürich gibt es einen ideellen und einen materiellen Grund für die Unterstützung. Zum einen wolle man mithelfen, dass das Kunstwerk dorthin kommt, wo es eigentlich hingehört. Zum anderen spare Zürich mit dem Geschenk Geld: Nach Berechnungen des Tiefbauamts hätte es etwa 130'000 Franken gekostet, die «Fanfare» neben die Saalsporthalle oder ins Triemli zu versetzen.

Aufwendige Arbeiten

Die Arbeiten für Abbau, Transport und Wiederaufbau sind aufwendig. Damit die Skulptur beim Zersägen nicht auseinanderbricht, muss sie mit einem Holzgerüst abgestützt werden. Für den Transport kommt ein Tieflader zum Einsatz. Und um die drei Teile in den 36 Meter von der Strasse entfernten Hof des Gymnasiums zu hieven, benötigt es einen der grössten Krane der Schweiz. Ende Woche sollen die Arbeiten abgeschlossen sein, eingeweiht wird die «Fanfare» in Langenthal am 30. Juni.

Mehr Nachrichten und Hintergründe aus der Stadt Zürich gibt es täglich auf den Regionalseiten im zweiten Bund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an stadt@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.05.2010, 20:18 Uhr

Zersägt, abtransportiert und nach Langenthal geschickt: Die «Fanfare» in Zürich ist nicht mehr. (Doris Fanconi)

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