Alkohol, Leim und Kreide für millionenteuren Degas

Beim Jahrhundertkunstraub wurden Gemälde der Bührle-Sammlung stark beschädigt. Vier Restauratoren arbeiten mit Chirurgen- und Uhrmacherwerkzeug daran, die teuren Bilder zu retten.

Mit Wattestäbchen und Alkohol wird der gelbliche Firnis gelöst, das ursprüngliche Weiss kommt zum Vorschein.
Video: Jan Derrer

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Lukas Gloor hat glänzende Augen. Eben haben die Restauratoren den Kartondeckel vom Gemälde «Ludovic Lepic und seine Töchter» abgehoben. An den Rändern ist die Oberfläche matt, die ursprüngliche Ölfarbe kommt wieder zum Vorschein. Im Zentrum mit den drei Gesichtern glänzt die Oberfläche noch gelblich. Das ist der Firnis, den Kunsthändler nachträglich gegen den Willen des Malers auftragen liessen, um das Bild an die klassische Kunst anzugleichen und verkaufsfähig zu machen.

«Wahnsinn, das ist Spektakel total», sagt Gloor, der Direktor der Sammlung Bührle. Zum ersten Mal sieht er einen Teil des Bildes ohne den störenden Lack. Die Sonntagskleidchen der beiden Töchter kommen nach 100 Jahren endlich wieder in ihrer strahlenden, schaumigen Helle zum Vorschein.

Unter dem Wattestäbchen des Restaurators, der mit einem Cocktail aus Alkoholen und Lösungsmitteln Zentimeter um Zentimeter des Lackes ablöst, wird Kunstgeschichte lebendig. Edgar Degas war als Sohn eines italienischen Bankiers in Paris wohlhabend und musste keine Bilder verkaufen. Der «Graf Lepic» blieb zeitlebens bei Degas. Die Farbe auf dem 1871 gemalten Bild hatte 50 Jahre Zeit zu trocknen, bis das Gemälde nach dem Tode des Künstlers vermutlich unlackiert verkauft wurde. Bilder dagegen, die häufig und früh im Handel waren, erhielten einen Firnis, damit sie zu den alten Meistern passten. Ohne Hochglanz hätten sie als halb fertig gegolten.

Räuber waren «relativ zivilisiert»

Die 50 Jahre Trocknungszeit des «Lepic» erleichtern den Restauratoren ihre Arbeit enorm. Der Firnis löst sich erstaunlich leicht. «Auf einem frischen Bild verbinden sich Lack und Ölfarben und sind später kaum mehr zu trennen», sagt Hanspeter Marty, Chefrestaurator des Kunsthauses. Firnis stammt vom französischen Wort «le vernis», von dem wiederum die Vernissage, die Eröffnung einer Kunstausstellung, abgeleitet ist.

Die Kunsträuber, die 2008 maskiert und bewaffnet vier Gemälde aus der Sammlung E. G. Bührle im Seefeld gestohlen hatten, waren laut Direktor Gloor «relativ zivilisiert, aber höchstens halbprofessionell». Sie hatten den Degas aus dem Rahmen gerissen und ihn damit um die Hälfte seines Wertes von 10 Millionen Franken gebracht. Was die Räuber nicht wussten: Dieser Degas ist eines der wenigen Bilder, die gemäss Lukas Gloor noch die originale unverstärkte Leinwand haben. Und diese ist so labil «wie ein 140 Jahre alter Lappen», sagt Gloor.

Grundsätzlich hatten die Räuber zum Bild Sorge getragen. Die wesentlichen Stellen im Zentrum sind praktisch unbeschädigt. Am Rande allerdings, wo die Leinwand an den Rahmen genagelt war, franst sie aus. Weil das Gemälde von den Räubern hastig aus dem Rahmen gedrückt wurde, weist es insgesamt fast zwei Meter mit Bruchstellen auf.

Leinwand neu vernäht

Die ersten sechs Wochen Arbeit galten der Rückseite. Unter einem Stereomikroskop hat das Restauratorenteam unter Hanspeter Marty und dem Küsnachter Restaurator Thomas Becker einzelne Leinwandfäden neu verbunden. 15 bis 25 Fäden hat eine Leinwand pro Zentimeter. Diese werden mit Lötnadeln und Werkzeugen von Uhrmachern und Mikrochirurgen vernäht oder neu aufgeleimt. Zehn Zentimeter schafft ein Restaurator pro Tag. «Ein Schnauf, und schon ist der Faden weg», sagt Becker. Eine zweite Leinwand aufzukleben, wäre viel einfacher gewesen.

Das kam aber nicht infrage. Nur schon beim Blick auf die graue Rückseite der Leinwand kommen die Restauratoren ins Schwärmen. «Da sieht man noch die allerersten Pinselstriche von Degas», sagt Marty. Ende November war der Degas so weit stabilisiert, dass er umgedreht werden konnte. Zwei Wochen nimmt nun die Entfernung des Firnis in Anspruch. Dann wird das Bild erneut umgedreht, um die Ränder zu verstärken. Bei dieser Anränderung wird ein fünf Zentimeter breites Leinwandband aufgeklebt. Damit dieses nicht auf die Vorderseite des flüssig und schon fast aquarellartig bemalten Bildes durchdrückt, muss das Band am Rand zuerst ausgedünnt werden.

Am Schluss die Pinsel

Voraussichtlich im Februar beginnt die eigentliche Restaurierung des Bildes. Zuerst werden mit einem Spezialleim lose Ölfarbpartikel gesichert. Dann füllen die Restauratoren Unebenheiten und kleine Löcher im Bild mit Kitt aus Hautleim und Champagnerkreide. Erst am Schluss kommen die Pinsel zum Zuge. «Wir tragen bloss einen Hauch im Farbton der Umgebungsfarben auf», sagt Marty. «So direkt an einem Gemälde zu arbeiten, ist ein Riesenprivileg», sagt Becker, «da sind wir dem Bild so nahe, wie nur der Künstler es war.»

Im Frühling kann Gloor seinen Degas wieder in die Bührle-Sammlung stellen. 60'000 bis 70'000 Franken muss er dem Kunsthaus für die Restaurierung bezahlen. Dieser Betrag bezahlt die Versicherung. Nicht gedeckt ist eine unbekannte Summe, die als «Vorzeigegeld» für die Anbahnung der verdeckten Rückkaufoperation in Serbien eingesetzt wurde und zum Teil verloren ging. Über die Details, die zur Wiederbeschaffung des «Grafen Lepic» führten, schweigt sich Gloor weiterhin aus, weil die Strafverfahren noch nicht abgeschlossen seien.

Erstellt: 05.12.2012, 07:13 Uhr

«Ein Schnauf und schon ist der Faden weg»: Die stark beschädigte Leinwand am Rand des 10-Millionen-Bildes. (Bild: Doris Fanconi)

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