Allein gegen den Kinderhort

In einem Park am Zürichberg soll ein Hort mit 140 Plätzen entstehen – aber eine Nachbarin wehrt sich vehement gegen das Projekt. Sie wolle die alten Bäume retten, sagt die Rekurrentin Barbara Hausammann.

Die Baumschützerin vor der 200-jährigen Linde, die dem neuen Hort weichen soll: Barbara Hausammann.

Die Baumschützerin vor der 200-jährigen Linde, die dem neuen Hort weichen soll: Barbara Hausammann. Bild: Reto Oeschger

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Begonnen hat alles vor ein paar Jahren, als Barbara Hausammann zusammen mit ihrer Nachbarin Marielle Gilgen eine Gruppe von Leuten sah, die sich auffällig interessiert im Park des Schulhauses Ilgen am Zürichberg umschaute. Hier werde ein Kinderhort gebaut, bekamen die Frauen zu hören. Im Park mit den alten Bäumen sollte ein Neubau entstehen – ohne dass man sie informierte? Das machte Hausammann misstrauisch. Von nun an verfolgte sie aus ihrem verwunschenen Häuschen am Sennhauserweg genau, was drüben vor sich ging. Im Park stehen eine 200-jährige Linde und andere alte Bäume, unter denen die Zürichberg-Kinder seit Jahrzehnten Verstecken spielen und im Winter den Hang hinunterrutschen.

Barbara Hausammann hat ihr Leben lang am Sennhauserweg gewohnt. Die 68-Jährige ist hier aufgewachsen und zur Schule gegangen. Heute ist sie Rentnerin, aber alles andere als im Ruhestand. Gerade steht wieder ein Aufbruch bevor. In ihrem kleinen, kräftigen Suzuki reist Hausammann nach Albanien. Ein Land, von dem sie nicht mehr loskommt, archaisch und hilfsbedürftig. Ein Land, in dem Hausammann zupacken kann. Zusammen mit einem Freund versucht sie, den abgelegenen Nordzipfel Albaniens für westliche Abenteuertouristen zugänglich zu machen. Sie ist stolz: Im letzten Jahr sind bereits 8000 ausländische Touristen gekommen, haben ihre neu markierten Wanderrouten benutzt und bei Bed-and-Breakfast-Familien übernachtet.

«Ich bin nicht kinderfeindlich»

Woher nimmt die zierliche Frau die Kraft, sich für Menschen in Albanien einzusetzen? «Ich bin ein Kriegsmodell und nicht überfüttert», antwortet sie. Barbara Hausammann ist mit der Energie einer 30-Jährigen ausgestattet. Das haben auch die städtischen Behörden erfahren, die den Hort im Park bauen wollen – für 9,4 Millionen Franken und mit 140 Plätzen. Eigentlich könnte man seit drei Jahren anfangen – wenn da nicht Barbara Hausammann wäre.

Sie hat Rekurse eingelegt und vor ein paar Tagen entschieden, bis vor Bundesgericht gegen den «Millionen-Hort» zu kämpfen. In der Stadtverwaltung gibt man sich vordergründig gelassen. Doch hinter den Kulissen ist die Rede von einer «alten Schachtel», die nur ihre Ruhe und keinen Kinderlärm haben wolle. Wenn Barbara Hausammann so etwas hört, wird sie energisch: «Falsch, ich bin nicht kinderfeindlich.»

Acht andere Projekte hätten die alten Bäume verschont

Zuerst war Hausammann nicht auf Konfrontationskurs gegangen. Sie sammelte nur Unterschriften. Und als der Architekturwettbewerb lief und das Preisgericht über den Projektentwürfen brütete, verfasste sie mit der Nachbarsfamilie Gilgen einen poetischen Brief: «Wir bitten die Jury, den urbanen Parkzauber mit dem gütigen Lindenbaum zu erhalten. Wir wollen unseren schweigsamen Mitbewohnern eine Stimme verleihen», hiess es darin. Die Jury antwortete verständnisvoll, man werde ein «städtebaulich integrierendes» Projekt auswählen.

Was das Gremium dann entschied, ist in den Augen von Hausammann unverständlich. «Ein dreistöckiger Holzklotz mitten in Jugendstilhäusern. Das soll integrierend sein?» Und was die Nachbarn besonders ärgerte: Die Jury hatte aus zehn Vorschlägen ausgerechnet einen ausgewählt, der mitten in den Park zu stehen kommt. Acht andere Projekte hätten die alten Bäume und den «gütigen Lindenbaum» verschont. Auch Marielle Gilgen empfindet den Entscheid der Jury als «Provokation».

Eine stattliche Esche, die Schatten auf Hausammans Garten warf, wollte die Stadt nicht fällen

Unter der Führung von Barbara Hausammann wandten sich die Nachbarn an die damals zuständige frühere Stadträtin Kathrin Martelli (FDP). Im Antwortschreiben wurden die «städtebauliche Setzung», die «klassizistische, geometrische» Architektur und der «hohe Identifikationswert» des Projektes gelobt. Für Hausammann war das nichts als «fachchinesisches Blabla». Nach einigen Sitzungen mit den Baufachleuten der Stadt, an denen man der Nachbarin vom Sennhauserweg zu verstehen gab, dass sie von Städtebau keine Ahnung habe, schaltete Hausammann auf stur. Im Quartier hängte sie Protestplakate auf, engagierte einen Anwalt und rekurrierte gegen die «Kinderfabrik».

Als selbstständige Fotografin ist Barbara Hausammann in der halben Welt herum- gekommen und so zur selbstbewussten Frau geworden. Wenn sie etwas herausfordere, sei das die «Arroganz der Macht», sagt sie. Im Streit um den «Millionen-Hort» sei es offensichtlich, dass die Behörden parteiisch handelten. Sie setzten sich nicht immer fürs Gemeinwohl ein und würden nach Gutdünken mit unterschiedlichen Ellen messen. Dafür bringt sie ein Beispiel: Vor ein paar Jahren verlangte sie von der Stadt, eine hohe Esche auf dem Schulareal zu entfernen, die Schatten in ihren Garten warf. Das habe ein «Riesentrara» gegeben. Man könne den stattlichen Baum doch nicht fällen, fand man bei Grün Stadt Zürich. «Da war der schöne Baumbestand, der heute weggeputzt werden soll, plötzlich wichtig», sagt Hausammann.

Ein Park genügt für die Kinder

Schliesslich hat sie sich gegen die Stadt durchgesetzt, erzählt sie stolz – dank ihres Grossvaters. Dieser hatte sich 1950 gegen die Pflanzung der Esche gewehrt und in «weiser Voraussicht» im Grundbuch ein sogenanntes Fällrecht eintragen lassen – für den Fall, dass der Baum einst Schatten auf das Häuschen werfen sollte. Als Barbara Hausammann den alten Auszug aus dem Grundbuch vorlegte, blieb Grün Stadt Zürich nichts anderes übrig, als die Esche zu fällen.

Ob der «gütige Lindenbaum» und seine «schweigenden Mitbewohner» stehen bleiben dürfen, ist weiterhin ungewiss. Doch Hausammann ist überzeugt, dass ihr Widerstand richtig ist: «In der Welt bewegt sich nur etwas, wenn sich jemand getraut, aufzustehen und Halt zu sagen.» Genau das mache sie. Andere sagen, sie sei eine Querulantin. Doch als solche sieht sie sich nicht. Sie attestiert den städtischen Behörden auch einen gewissen Respekt. Diese hätten die Bäume fällen dürfen, ohne zu fragen. Was sie unterliessen. Weiter hat die Stadt eingewilligt, den Hort um ein paar Meter zu verschieben, damit eine Gruppe von Ahornbäumen nicht der Kettensäge zum Opfer fällt.

Doch Barbara Hausammann glaubt, dass es ein Segen wäre, wenn weitere Zürichberg-Generationen unter den Bäumen gross werden dürften. Die Kinder bräuchten keine «Hüpf-, Schrei- und Zvierizimmer», wie sie auf den gerodeten Flächen entstehen sollen. Der Park genüge vollkommen für das Kinderglück. Und was ist, wenn der Kampf verloren geht? Dann wird Barbara Hausammann auf jeden Fall nicht zusehen, wie der Park abgeholzt wird. Sie wird sich ihren anderen Aufgaben zuwenden: den Menschen in Albanien, dem Querflötenspiel im Kammerorchester Kloten oder ihrem Segelschiff auf dem Zürichsee.

Erstellt: 17.04.2012, 10:18 Uhr

(Bild: TA-Grafik ib)

Gerichte sind sich nicht einig

Einmal Ja, einmal Nein
Der Widerstand gegen den Kinderhort Ilgen dauert seit 2009 an. Zuerst hiess das Baurekursgericht die Beschwerde von Barbara Hausammann gut. Aber nicht, weil es den Baumbestand als schützenswert ansah; dazu äusserte es sich gar nicht. Sondern weil der Hort nicht zonenkonform sei.

Da er den vorgeschriebenen Wohnanteil des Quartiers unter 90 Prozent drücken würde, hatte die Stadt eine Ausnahmebewilligung erlassen. Diese erklärte das Baurekursgericht als ungültig. Man könne nicht von einer «Ausnahme» sprechen, weil die Stadt auch in anderen Fällen den Bau von Kinderhorten in Wohnzonen ausnahmsweise bewilligt habe.

Das Verwaltungsgericht stiess diesen Entscheid im Februar dieses Jahres wieder um. Es liege im Ermessen der Behörden, eine Ausnahmebewilligung auszusprechen. Gemäss Verwaltungsgericht ist zudem der Baumbestand im Park nicht schützenswert. Weil Hausammann nun auch das Bundesgericht anruft, verzögert sich der Bau weiter.

So kann der Hort frühestens 2015 bezogen werden. Ursprünglich war die Eröffnung auf den Sommer 2013 geplant gewesen. Bis dahin müssen die Kinder vom Zürichberg weiter in den Provisorien betreut werden. Falls das Bundesgericht Barbara Hausammann recht gibt, wird diese Situation noch länger fortbestehen.

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