Alleine gegen sechs Schläger: Wie Zivilcourage funktionieren kann

In der Nacht auf Sonntag wurde ein 22-Jähriger verletzt, als er sechs Männer davon abhielt, eine Frau sexuell zu belästigen. Ein Experte sagt, wie man sich in einer solchen Situation verhalten soll.

«Zivilcourage muss nicht zwangsläufig im Spital enden»: Der Leiter des Projektes Stattgewalt trainiert Interessierte darin, in solche Situationen richtig zu reagieren.

«Zivilcourage muss nicht zwangsläufig im Spital enden»: Der Leiter des Projektes Stattgewalt trainiert Interessierte darin, in solche Situationen richtig zu reagieren.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Für den 22-jährigen Retter muss es eine Extremsituation gewesen sein: Er wird Zeuge, wie sechs junge Männer eine junge Frau sexuell belästigen. Und er entschliesst sich, gegen diesen Übergriff einzuschreiten. «Der Mann hat sich einem extremen Risiko ausgesetzt», sagt Andi Geu. Als Leiter des Projekts Stattgewalt trainiert er Interessierte darin, sich in solchen Situationen richtig zu verhalten.

«In einer Situation wie dieser hat man es mit Personen zu tun, die vielleicht Alkohol oder Drogen intus haben», sagt Geu. Zudem könne sich in einer Gruppe eine unvorhersehbare Dynamik entwickeln. Und schliesslich: «Wenn ich mich gegen jemanden stelle, der aggressiv ist, ist die Wahrscheinlichkeit sehr gross, dass er seine Aggressivität gegen mich richtet.» Trotzdem ist er sicher, dass Zivilcourage in einer Situation wie dieser nicht zwangsläufig im Spital enden muss.

Dem Täter eine Frage stellen

Die wohl einzige allgemeingültige Regel in einer solchen Situation ist: die Polizei alarmieren. Doch ein Rezept für eine erfolgreiche Intervention gebe es nicht, sagt Geu. Trotzdem gibt es Verhaltensregeln, die die Chancen erhöhen, dass der Retter nicht selbst zum Opfer wird. So soll man sich etwa Verbündete suchen, damit man sich nicht alleine vor die Täter stellen muss.

«Zudem soll man zwei Schritte Distanz vom Täter wahren», sagt Geu. Einerseits verschafft ein bisschen Abstand vielleicht die nötige Zeit, um angemessen zu reagieren, sollte die Situation aus dem Ruder laufen. Andererseits sollen die Aggressionen des Täters nicht zusätzlich geschürt werden. «Es empfiehlt sich, als Einstieg eine Frage zu stellen. Damit macht man sich niemanden zum Feind.» Schliesslich soll man es vermeiden, die Täter anzufassen, auch dies würde eine solche Situation nur zusätzlich anheizen.

Die Schwierigkeit: Besonnen reagieren

Das Problem dabei: Eine solche Reaktion widerspricht dem, was der Retter normalerweise empfindet. Er wird Zeuge einer verwerflichen Ungerechtigkeit, begangen von jugendlichen Tätern, die nur in der Gruppe stark sind. «Es wäre nur natürlich, wütend auf die Täter loszugehen. Doch wenn man dieser Wut einfach seinen Lauf lässt, hat man den Täter schnell gegen sich», sagt Geu. «Die Schwierigkeit ist, eine solch besonnene Reaktion überhaupt hinzukriegen.»

Der 22-Jährige Retter vom Hauptbahnhof musste seinen Mut mit einen Spitalaufenthalt bezahlen. Ob die sechs Täter mit sich hätten reden lassen, ohne zuzuschlagen, ist ungewiss. Fest steht jedoch, dass die Frau dank seiner Intervention fliehen konnte.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.09.2010, 16:56 Uhr

Artikel zum Thema

Retter verprügelt: Verdächtige sollen in Untersuchungshaft

Sechs Männer sollen eine Frau im Hauptbahnhof Zürich sexuell belästigt und einen 22-Jährigen spitalreif geprügelt haben. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Untersuchungshaft für die Verdächtigen beantragt. Mehr...

Sexuell belästigte Frauen melden sich nicht

Eine Horde junger Männer bedrängte am Sonntagmorgen im Zürcher HB eine junge Frau. Ein Passant wollte eingreifen und wurde spitalreif geschlagen. Doch die Frau, die er gerettet hat, sagte bisher nicht aus. Mehr...

Retter niedergeprügelt und beraubt

Als im Zürcher Hauptbahnhof eine junge Frau sexuell bedrängt wird, greift ein 22-Jähriger ein. Er wird von einer Horde Männer spitalreif geprügelt und beraubt. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Nacktbaden: TeilnehmerInnen des Dark Mofo Sommersonnenwenden Nackschwimmens stürzen sich in den Fluss Derwent im australischen Hobart. (22.Juni 2018)
(Bild: Rob Blakers/EPA) Mehr...