Allerletzte Chance für die ewigen Studenten

Vor kurzem fanden an der Uni Zürich zum letzten Mal Liz-Prüfungen statt. Rund 40 Studierende erkämpften sich jedoch eine weitere Frist. Andere kapitulierten – darunter ein bekannter Politiker.

Einige Studenten verbringen hier ihr halbes Leben: Vorlesung an der Universität Zürich.

Einige Studenten verbringen hier ihr halbes Leben: Vorlesung an der Universität Zürich. Bild: Martin Ruetschi/Keystone

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Die Woche startet er als Hausmann. Dienstag und Mittwoch assistiert er in einer Bibliothek und den Rest der Woche arbeitet er an seiner Lizenziatsarbeit. So sieht der Alltag eines 49-jährigen Zürchers aus. Der Student, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, besuchte vor mehr als 30 Jahren seine erste Vorlesung an der Universität Zürich. Dort ist er bis heute geblieben. Die kommenden Monate will er nutzen, um seine 100-seitige Arbeit endgültig ins Trockene zu bringen. «Es ist meine letzte Chance», sagt der Mann. «Ich will sie unbedingt packen. Das bin ich mir und meinem Umfeld schuldig.»

Vor zehn Jahren setzte die Philosophische Fakultät der Universität Zürich die Bologna-Reform durch. Dank der neuen Strukturierung sollten Studierende effizienter durch den Studiengang geschleust und besser auf das Berufsleben vorbereitet werden. Ab diesem Moment begaben sich die angehenden Bachelors und Masters auf die Jagd nach Credits und hatten einen Stundenplan so dicht wie der eines Oberstufenschülers. Nicht so die Liz-Studenten. Sie studierten im alten System weiter und erhielten eine Frist von 10 Jahren, um ihr Studium abzuschliessen. Landesweit handelte es sich um die längste Auslaufzeit im Rahmen der Einführung des Bologna-Systems.

Chronische Schmerzen und psychische Probleme

Diese Frist ist nun abgelaufen. Mit den Prüfungen Ende März hätte das alte Studienmodell definitiv beerdigt werden sollen. Doch so schnell lassen sich langjährige Liz-Studierende nicht abwimmeln. 60 Personen haben bei der Uni eine Verlängerung eingereicht. Rund 40 von ihnen wurde diese schliesslich gewährt. Sie erhalten damit eine letzte Chance, um ihr Studium doch noch zu beenden.

Olga Meier-Popa, Leiterin der Fachstelle Studium und Behinderung der Uni Zürich (FSB), bestätigt eine entsprechende Meldung der «Zürcher Studierendenzeitung»: Für diese Leute sei es «unmöglich» gewesen, die Prüfung zu absolvieren. «Wir gewähren ihnen deshalb noch ein paar Monate», sagt Meier-Popa. Einige würden unter chronischen Schmerzen leiden oder hätten psychische Probleme. Eine Fristverlängerung wurde gemäss Meier-Popa nur gewährt, wenn Betroffene ein ärztliches Attest vorweisen können und eine reelle Chance auf einen erfolgreichen Abschluss besteht. Die letzten Prüfungen finden im Herbst 2015 statt. Studierende, die nicht bestehen, dürfen im Frühjahr 2016 nochmals antraben, sofern sie nicht schon zum zweiten Mal durchgefallen sind.

Über 30 Jahre immatrikuliert

Ein ehemaliger Student, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, schloss die Liz-Prüfungen im vergangenen März ab. Zehn Jahre brauchte er für seinen Abschluss in Geschichte und Politik und gehört damit noch zu den effizienteren Absolventen. Von den 378 Personen, die sich für die Liz-Prüfungen im März angemeldet hatten, waren 145 bis zu zehn Jahre immatrikuliert, 202 über zehn Jahre, 24 über 20 Jahre und sieben über 30 Jahre, wie die Kommunikationsstelle der Universität Zürich auf Anfrage mitteilt.

Auch der ehemalige Liz-Student kennt ehemalige Kollegen mit körperlichen und psychischen Gebrechen. Er identifizierte aber auch einen anderen Studenten-Typus: «Es gibt solche, die das Studium als Lebenslüge benutzen», sagt der Mann. Weil Studieren in der Gesellschaft anerkannt sei, würden einige damit ihr Dasein als Lebenskünstler rechtfertigen: «Sie verbringen die Zeit mit Reisen und halten sich mit Jobs wie Velokurier über Wasser.» An der Uni würden solche Studierende als «Lizlümmel» bezeichnet.

Laut Studiendekan Daniel Müller Nielaba handelt es sich um Einzelschicksale: «Sie haben vielleicht lange den Abgabetermin verschwitzt und nun die letzte Chance genutzt.» Unter jenen Liz-Studierenden, die jetzt noch abschliessen, gebe es überdurchschnittlich viele gesundheitliche Problemfälle: «Für die meisten Fristerstreckungsgesuche liegt eine klare medizinische Diagnose vor», sagt Müller Nielaba.

Glättli: «Die Sache ist gegessen»

Die Dozenten sind laut Meier-Popa zum Teil etwas genervt wegen der verzögerten Liz-Abschlüsse. Der dadurch ausgelöste Mehraufwand war zum Teil beträchtlich. Geschichtsprofessor Simon Teuscher zum Beispiel hatte in diesem Semester zusätzlich zu den Masterarbeiten noch 30 Liz-Prüfungen und 10 Liz-Arbeiten zu begutachten. «In gewissen Momenten geriet ich an meine Grenzen», sagt Teuscher. Nun kann der Dozent jedoch aufatmen: Er muss nur noch eine Liz-Arbeit begutachten – sie wurde nachträglich eingereicht.

Übrigens pochten nicht alle der Liz-Studierenden auf einen Abschluss. 291 der 669 Verbliebenen traten in diesem Jahr erst gar nicht mehr zur Prüfung an. Darunter auch Balthasar Glättli. Der grüne Nationalrat studiert Philosophie, Linguistik und neuere deutsche Literatur und war seit mehr als 20 Jahren immatrikuliert. Aufgrund der kantonalen Parlamentswahlen und seines Engagements gegen die Ecopop-Initiative liess er sein Studium fallen. «Für mich ist die Sache gegessen», sagt Glättli. Würde er sein Studium doch noch fortsetzen wollen, müsste er dies auf Bachelor-Stufe tun. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.04.2015, 11:11 Uhr

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