«Alles ist sooo langsam»

Der welsche Radiomacher Cyril Jost erklärt, weshalb die Romands auf falsche Zürcher Radiostationen abfahren.

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«Hors-piste» heisst die Sendung auf Couleur 3, täglich um 17.30 Uhr. Sie wird jeweils mit einem Rauschen eingeleitet – so als würde das Radio wie von Geisterhand die Frequenz wechseln. Was sich dann jeweils auftut, sind (internationale) Abgründe ins Absurde.

«Hors-piste total» hiess das einstündige Special auf der Westschweizer Radiostation in den vergangenen Tagen. Ergo öffnete sich nicht nur ein Fensterlein ins Absurde, sondern für eine Stunde ein Scheunentor. Die Sendung wurde ihrem Titel gerecht: Total neben der Spur. Jeden Tag eine andere fiktive Radiostation. Der Satiriker Vincent Veillon sendete zusammen mit seinem Team von Lausanne aus aus der ganzen Welt: Vatikan, USA, Kingston, Gingins VD. In dieser illustren Reihe durfte Zürich natürlich nicht fehlen. Die Station zur Stadt: Radio Züri 24.

Audio: Die Sendung des fiktiven Radio Züri 24.

Das einstündige «Plauschprogramm» war schwer zu ertragen. Schlechte Musik, peinliche Moderatoren, billige Jingles, witzlose Moderationen, Interviews mit bünzligen Studiogästen. Die Figuren Sascha Vonlanthen, Adrian Majora und Felix Fischer (der vom Wetter) führten durch das «Plauschprogramm»: Sie waren das schreckliche Abbild von uns.

Dieses Fazit bringt Cyril Jost in eine schwierige Position. Jost, halb Deutschschweizer, halb Romand, sieht sich eigentlich mehr als Bauer einer Brücke über den Röstigraben. Und dann bekam er für «Hors-piste total» den Auftrag, eine Sendung auf Radio Züri 24 zu kreieren. Das Undankbare stand im Kleingedruckten, im Nachsatz zum Auftrag: «Fais nous rire des Suisses allemands!», bring uns dazu, über die Deutschschweizer zu lachen.

Weshalb sind Sie und Ihr Team so böse zu uns Zürchern?
Wir sind nicht böse zu euch Zürchern, wir sind – wenn überhaupt – böse zu den Deutschschweizern. Westschweizer unterscheiden nicht zwischen Baslern, Bernern und Zürchern, sie unterscheiden zwischen Romands und Deutschschweizern.

Dann anders: Weshalb sind Sie so böse zu uns Deutschschweizern?
Die eine Stunde Radio war auf das Westschweizer Publikum zugeschnitten. Da geht es um die Klischees und nicht um die feine Analyse.

Sie halten uns den Spiegel vor: Und allzu gut sehen wir darin nicht aus.
Ich versichere Ihnen: Man kann auf der einen Seite sehr einfachen Humor bieten und auf der anderen Seite sehr differenziert denken. Wir sind nicht Anti-Suisse-allemand – ich bin ja selber ein halber Suisse allemand. Das Ziel der Sendung war es, das Deutschschweizer Radio zu karikieren. In der Westschweiz und auf Schweizerdeutsch, notabene.

Um etwas zu karikieren, muss man es kennen: Was hören ­Romands, wenn sie SRF 3 hören?
Das Tempo ist viel langsamer, es gibt Sachen, die es bei uns nicht gibt: Die Glückwünsche zum Beispiel. Wir spielten mit Züri 24 ja eher auf die Privat­radios an. Aber egal, was ich zur Inspiration hörte: Der Dialekt ändert, aber nicht das Tempo. Alles ist sooo langsam, viel langsamer als auf Französisch.

Wann müssen Romands sich unser Radio überhaupt antun?
Jeder Romand, jede Romande kennt das: Man fährt auf der Autobahn Richtung Bern, irgendwann rauscht Couleur 3 nur noch, und man schaltet auf SRF 3 oder was auch immer um. Was als Erstes auffällt: Die lustigen Namen der Autobahnverzweigungen und die Ernsthaftigkeit, mit der die Verkehrsmeldungen durchgegeben werden. Das mussten wir natürlich kopieren. Und dann die Musik . . .

. . . die ist der Grund, weshalb ­Couleur 3 auch in der ­Deutschschweiz viele Hörer hat.
Romands sind sehr stolz, dass ihr Geschmack ausgeprägter als eurer ist. Überhaupt ist das Radio in der Westschweiz schneller und pointierter. Kommt hinzu, dass es bei uns keine Mundart gibt: Und so mokieren wir uns natürlich auch über eure Volksmusik und über eure Mundartsongs. Wir kennen diese typisch schweizerische Musik nicht. Und die hört man auf den Deutschschweizer Sendern häufig.

Ja, leider.
Das haben jetzt aber Sie gesagt. Tatsache ist: Nur wenige Deutschschweizer Musiker schaffen es über den Röstigraben. Da sind Stephan Eicher und Mani Matter, das ist Hochkultur, gut genug für uns. Stephan Eicher kann in der Romandie nur deshalb «Hemmige» singen, weil er viele französische Songs spielt.

Sophie Hunger hat es auch geschafft.
Auch nur, weil sie uns raffiniert ein­gewickelt hat. Sie kann hier heute Schweizerdeutsch singen, weil sie zuerst mit französischen und englischen Liedern kam.

Stimmen die Klischees über die ­Zürcher?
Als Satiriker muss ich sagen: Natürlich! In der Realität erlebe ich das Gegenteil der Klischees. Deutschschweizer sind viel offener als Romands. Sie sind offener, weil sie eben den Komplex der ­Minorität nicht haben. Umgekehrt treffe ich viele verschlossene Leute in der Romandie. Sie glauben, offener zu sein, weil wir uns an der französischen Kultur orientieren. Aber das ist ein ­falsches Bild.

Und es gibt tatsächlich keine Boshaftigkeit?
Nein, es ist vielmehr ein Komplex. Die Romands fühlen sich als Minderheit. Mit gutem Grund: Sie sind eine Minderheit. Boshaftigkeit trifft man allenfalls in der Politik an. Da macht man sich es zunutze, dass man eine Minorität ist: indem man sich nicht um den grösseren Nachbarn kümmert.

Welchen Stellenwert hat bei einer Parodie der Neid?
Keinen, wenn es um das Radio geht. Die Romands sind stolz, der französischen Kultur zugehörig, raffiniert zu sein.

Und darüber hinaus?
Sonst schon. Zürich ist die interessanteste Stadt des Landes, die Leute haben mehr Geld, da läuft etwas. Zürich ist grossartig, Romands kommen gerne hierher. Wäre da bloss die Sprachbarriere nicht.

Was mögen Sie an Zürich?
Die Badis an der Limmat. Und die kosmopolitische Seite der Stadt. Lausanne ist auch schön – aber eben doch ein bisschen Provinz.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2017, 23:49 Uhr

Cyril Jost


Der ehemalige Wirtschaftsjournalist ist Verleger, arbeitet bei Couleur 3 und ist Teil des Teams der Satiresendung «26 minutes» im Westschweizer Fernsehen.

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