«Als Kinder konnten wir im Dörfli abends nicht draussen spielen»

Heini Schwarzenbach ist im Niederdorf aufgewachsen und leitet den gleichnamigen Kolonialwarenhandel – ein Geschäft, das den Veränderungen des Dörflis trotzt.

«Das Niederdorf ist lebendiger und extravertierter geworden»: Heini Schwarzenbach.

«Das Niederdorf ist lebendiger und extravertierter geworden»: Heini Schwarzenbach. Bild: Reto Oeschger

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Marinello hat seine Läden kürzlich an die Migros verkauft. Damit ­verschwindet ein traditionelles Lebensmittelgeschäft aus Zürich. Was haben Sie gedacht, als Sie die Nachricht hörten?
Ich finde das extrem schade. Marinello ist zwar kein Kleinhändler, trotzdem aber ein Zürcher Detaillist. Je mehr davon verschwinden, je mehr Charisma geht der Stadt verloren.

Sind Sie auch schon an den Punkt gekommen, an dem Sie überlegen mussten, ihren Kolonialwarenhandel im Dörfli zu verkaufen?
Ich selber nicht. Meine Eltern mussten sich in den 70er-Jahren sehr stark mit dieser Frage auseinandersetzen. Die Zeit des Lädelisterbens, in der die grossen Shopping Centers aufkamen, ging auch an uns nicht spurlos vorbei. Kunden kauften nicht mehr beim Detaillist ein, sondern beim Grossverteiler. Meine Eltern überlegten sich auch, den Laden umzugestalten, der damaligen Zeit entsprechend mit Selbstbedienung. Doch finanziell lag dieser Umbau gar nicht drin. Glücklicherweise gehörte das Haus damals wie heute uns, das gibt einem mehr Spielraum.

Erhalten Sie Angebote für die ­Liegenschaft?
Immer wieder. Es gehen auch immer wieder Gerüchte um, wir würden verkaufen. Das könnte auch jetzt wieder passieren. Die Geschichte läuft dann so ab: Ein Erster behauptet, nach dem Marinello werde der Schwarzenbach als Nächster aufgeben. Der Zweite erzählt, der Schwarzenbach habe verkauft. Und der Dritte weiss bereits den Termin, wann wir aufhören.

Ist ein Verkauf bei Ihnen ein Thema?
Nein. Ich habe den Plausch an dem, was ich mache. Und ich bin in einem Alter, in dem ich das noch jahrelang machen kann. Was danach ist, werden wir sehen. Meine Schwester hat zwei Kinder, ich habe zwei Kinder.

Wie wichtig ist für Sie der Standort des Ladens mitten im Dörfli?
Wir fühlen uns sehr wohl hier. Unsere Kundschaft ist äusserst durchmischt: Bei uns kaufen die Nachbarn ein und Leute, die durch die Altstadt bummeln und bei uns vorbeischauen. Wir haben auch viele Touristen, vor allem an Wochenenden. Für uns ist der Standort ideal. Doch mit jedem Traditionsgeschäft, das eingeht, fragen wir uns, was die Zukunft bringt. Gerade kürzlich gab der Samen Mauser sein Geschäft in der Altstadt auf. Er ist einer von vielen in den letzten Jahren: Der Bianchi ist weg, der Bertschi ist weg, der Müdespacher ist weg – alles Geschäfte an der Marktgasse. Und diese passten perfekt zu uns: Bei ihnen konnte man Fisch, Fleisch, Brot und Käse kaufen – und bei uns den Kaffee.

Mussten Sie in Ihrem Laden ­deswegen das Angebot anpassen?
Wir passen das Angebot immer den Kunden an. Sie sagen uns, was sie wollen. Wenn drei Personen nach einem Produkt fragen, das wir nicht führen, prüfen wir, ob wir das ins Sortiment aufnehmen sollen.

Verändert hat sich aber vieles: Ihre Vorfahren machten das grosse Geschäft mit Eiern, verkauften auch Gemüse und Früchte.
Genau. Als ich vor gut 27 Jahren eingestiegen bin, führten wir ein grosses Sortiment an Mehl, das sehr gut lief. Grossverteiler haben dann gute und verschiedenartige Mehlsorten aufgenommen. Darum mussten wir hier zurückbuchstabieren. Andere Produkte wie Gewürze oder Tee und Schokolade werden bei uns dagegen immer wichtiger.

Genussmittel, die eher teuer sind. Verschiebt sich Ihr Angebot hin ins ­Luxussegment?
Nein, das glaube ich nicht. Bei Tee und Gewürzen gibt es viele verschiedene Sorten. Beim Pfeffer führen wir gut zwei Dutzend Sorten. Der Konsument sucht darum eine persönliche Beratung, die er bei uns erhält. Steht er allein vor einem Regal mit 20 Olivenölen, ist er verloren. Natürlich verkaufen wir keinen Kaffee für 8.75 Franken das Kilo. Ein guter Kaffee hat seinen Preis.

Viele Kunden kommen sehr gezielt zu Ihnen, um einen speziellen ­Kaffee oder Tee zu kaufen. Oder täuscht mein Eindruck?
Ich erlebe oft, dass Leute – auch Stammkunden – nicht sofort bedient werden wollen, sondern herumschauen und zuhören, wie wir andere Kunden beraten. Dann werden sie gluschtig und denken, das exotische Gewürz könnte ich doch auch einmal ausprobieren.

Sie sind im Dörfli aufgewachsen. Wie war das damals als Kind?
Es ist tatsächlich ein Dörfli. Innerhalb der Stadt leben wir in einem begrenzten Raum – in einem Dorf, das gleichzeitig einen weltoffenen Charakter hat. Als Erinnerung ist mir geblieben: Als Kind konnten wir im Gegensatz zu Freunden auf dem Lande abends nicht mehr draussen spielen. Das Dörfli ist ein Vergnügungsviertel mit einem Nachtleben.

Als Jugendlicher wurde das Leben im Dörfli wahrscheinlich spannender.
Natürlich. Wenn ich mit Kollegen abmachte, musste ich nirgendwo hin. Wir trafen uns hier. Ich konnte immer alles zu Fuss machen.

Wie hat sich das Nachtleben in den letzten 30 Jahren verändert?
Das kann ich kaum beurteilen. Ich wohne nicht mehr hier. Mit der Familie bin ich selten abends in der Altstadt unterwegs. Ich habe das Gefühl, dass alles noch lebendiger, extravertierter geworden ist. Mit all den negativen Seiten: Es kommt vor, dass ich morgens ein verschmiertes Schaufenster putzen muss. Es ist heute aber nicht schlimmer als früher.

Und tagsüber: Hat sich das Volk, das durchs Niederdorf zieht, verändert?
Ich habe den Eindruck, dass Zürich für Touristen aus allen Gegenden der Welt attraktiver geworden ist. Das ganze Jahr über, Sommer wie Winter.

Könne Sie sich vorstellen, irgendwann wieder ins Dörfli zu ziehen?
Ja, meiner Frau und mir ist es klar, dass wir zurückkommen. Hier war es uns mit den Kindern aber zu eng, wir lebten zu viert in einer 3-Zimmer-Wohnung. Ich bin auch froh, einmal etwas anderes zu erleben, und geniesse das Leben am Stadtrand.

Was wünschen Sie sich persönlich fürs Dörfli?
Ich hoffe, dass der Dörflicharakter erhalten bleibt und die Diversität der Geschäfte nicht noch weiter abnimmt. Es wäre schade, in der wunderbaren Fussgängerzone nur noch Kleider- und Schuhgeschäfte zu haben. Es soll Platz haben für einen Schuhmacher, einen Coiffeur und einen Schreiner. Das Bewusstsein müsste die Stadt fördern.

Erstellt: 17.02.2015, 15:05 Uhr

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Das Niederdorf und seine Quartierläden

Das Niederdorf und seine Quartierläden Die kleinen, feinen Geschäfte im Dörfli.

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Zur Person

Der 49-Jährige übernahm das stadtbekannte Kolonialwarengeschäft Ende der Achtzigerjahre als junger Mann, weil sein Vater schwer erkrankt war. Er leitet das 1864 von Heinrich Schwarzenbach gegründete Traditionsunternehmen in fünfter Generation. Schwarzenbach wuchs in der Wohnung über dem Geschäft auf und lebte dort, bis er 35 Jahre alt war. Dann zog er mit der Familie an den Stadtrand. Er arbeitet noch immer jeden Tag in der Altstadt.

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