Als das Letten-Kraftwerk noch Wasser auf den Zürichberg pumpte

Das EWZ-Kraftwerk am Letten war eines der ersten Flusskraftwerke mit einem Speichersee. Mit dem Limmatwehr reguliert das EWZ auch den Wasserstand im See.

Einst das Herzstück der Zürcher Wasserversorgung: Das EWZ-Kraftwerk am Letten. Foto: Postkarte aus der Sammlung Oberhänsli

Einst das Herzstück der Zürcher Wasserversorgung: Das EWZ-Kraftwerk am Letten. Foto: Postkarte aus der Sammlung Oberhänsli

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Wer am Resiweiher auf dem Zürichberg vorbeispaziert, kommt kaum auf die Idee, dass der Weiher etwas mit der Erzeugung von Strom zu tun haben könnte. Doch das idyllische Seelein, das seit 2011 unter Naturschutz steht, war einst einer der ersten Pumpspeicherseen der Schweiz. Wenn das Kraftwerk am Letten mehr Strom produzierte, als gebraucht wurde, pumpte man Wasser in den Weiher. Während der Verbrauchs­spitzen trieb das Wasser vom Zürichberg mit seinem Gefälle die Turbinen an.

Bevor das Kraftwerk Strom produzierte, war es das Herzstück der Zürcher Wasserversorgung. Die Kraft des Limmatwassers wurde seit 1874 genutzt, um Pumpen anzutreiben, die das Trinkwasser aus dem See in verschiedene Reservoire am Zürichberg und direkt zu den Haushalten pumpten. Der Name Wasserwerkstrasse zeugt bis heute davon, dass das Letten-Kraftwerk ursprünglich der Wasserversorgung diente.

Gleichzeitig erzeugten Wasserräder in der kanalisierten Limmat mechanische Energie, die über Ketten und Riemen in den Fabriken Walzen und Zahnräder antrieben. Ein gewaltiger Drahtseilzug führte die Kraft aus den Turbinen im Wasserwerk über eine 1,2 Kilometer lange Drahtseil-Transmission in das Industriequartier auf der linken Flussseite. Dort trieb es gemäss einem Artikel in der «Schweizerischen Bauzeitung» von 1885 eine Seidenzwirnerei, mechanische Werkstätten, eine Seidenfärberei und die Stadtmühle an. Von den Drahtzügen, die die mechanische Energie übertrugen, zeugen heute noch die Steinklötze auf der linken Flussseite gegenüber dem EWZ-Kraftwerk.

Transport von Trinkwasser

Das Trinkwasser, das mithilfe der Wasserkraft in die Reservoire gepumpt wurde, stammte aus der Limmat. Gefasst werden musste es dort, wo es noch nicht durch die städtischen Kloaken verschmutzt war. Schliesslich wusste man bereits, dass Typhus und Cholera der Verunreinigung des Trinkwassers zuzuschreiben waren. Von der Entnahmestelle beim heutigen Bauschänzli führte man das Wasser durch Beton- und Gusseisenleitungen unter der Limmat und durch Sandfilter zum Pumpwerk. Von dort wurde es über eine Steigleitung in den 1882 angelegten Resiweiher und andere Reservoire gepumpt. Der Name Resi ist eine Abkürzung für Reservoir.

Als das Wasserwerk Letten 1892 zum Elektrizitätswerk ausgebaut wurde, wurde das Trinkwasserreservoir zum Speichersee. In alten Karten ist der Weiher noch als «Triebwasserweiher» eingezeichnet. Die Eröffnung des Elektrizitätswerks 1893 fiel mit der Eingemeindung der Vororte Enge, Wiedikon, Aussersihl, Wipkingen, Oberstrass, Unterstrass, Fluntern, Hottingen, Riesbach und Hirslanden zusammen. Mit der Elektrizität des Kraftwerks mussten immer mehr Menschen und Maschinen versorgt werden. Man stieg vom Rössli­tram um auf das elektrische Tram. Fabriken betrieben ihre Motoren und Maschinen zunehmende mit Elektrizität. Elektrische Heizungen und Haushaltsgeräte hielten Einzug.

Wie der Artikel in der «Schweizerischen Bauzeitung» beschreibt, wurde schon die mechanische Wasserkraftnutzung durch Dampfmaschinen ergänzt, wenn die Wasserkraft im Winter nicht ausreichte. Auf alten Fotos vom Kraftwerk sind darum zwei Fabrikschlote zu sehen. Zum Betreiben der Dampfmaschinen verfeuerte man Kohle. Auch für die Stromproduktion wurden ab 1898 zusätzlich zur Wasserkraft Dampfdynamos eingesetzt. Gleichzeitig begann Zürich, die Wasserkraft ausserhalb des Stadt- und Kantonsgebietes zu nutzen. Ab Herbst 1904 nutzte man Strom aus dem Aarekraftwerk Beznau, im Juni 1906 bewilligten die Stimmbürger 11 Millionen Franken für den Bau des Albula-Kraftwerks in Sils Domleschg.

Mangelhafte Leistung

Nur knapp 20 Jahre nach dem Bau des ­E-Werks Letten lieferte es im Jahr 1910 gerade noch 1,3 Prozent des benötigten Stroms. Die Dampfkraftanlage Letten produzierte mit 3,5 Prozent fast dreimal so viel. 13 Prozent des Stroms kamen aus Beznau und 82 Prozent aus dem Albula-Kraftwerk in Graubünden.

Der Erste Weltkrieg verschaffte der Stromproduktion aus Wasserkraft nochmals einen Schub. Die Eisenbahnzüge mit belgischer, französischer und deutscher Kohle erreichten die Schweiz nicht mehr. Wer konnte, stieg auf die Nutzung der «weissen Kohle» und elektrische Haushaltsgeräte um. «Schnellkocher, Kaffeemaschinen, Heizkissen, Bügeleisen, Kochplatten und Boiler fanden reissenden Absatz», heisst es in der EWZ-Chronik «100 Jahre Zürcher Elektrizitätswerk Letten». Zwischen 1909 und 1917 stieg der Stromverbrauch der Zürcher von 77 kWh pro Kopf auf 143 kWh.

Die Stromproduktion am Letten konnte durch den Totalumbau in den Jahren 1951/52 ebenfalls gesteigert werden. Neben der Erhöhung der Leistungsfähigkeit stand dabei vor allem die Regulierung des Seewasserstandes im Vordergrund. Es wurde ein hydraulisches Wehr beim Platzspitz erstellt. Steigt der Seepegel über ein bestimmtes Mass an, wird das Wehr abgesenkt, damit mehr Wasser abfliesst. Die Fliessgeschwindigkeit der Limmat kann je nach Wasserstand und -abfluss erheblich variieren.

Nach der langen Regenperiode dieses Sommers musste die Badi Unterer Letten zeitweise geschlossen werden, weil die Strömung zu stark war. Nach der langen Hitzeperiode tendierte die Fliessgeschwindigkeit gegen null.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.08.2015, 20:28 Uhr

Infobox

Strom vom Letten

Neu können Zürcher sich dafür entscheiden, ihren Strom vom Kraftwerk Letten zu beziehen. Bisher wurde der am Letten erzeugte Strom als Teil eines Strommixproduktes angeboten. Das Kraftwerk an der Wipkinger Limmat produziert Strom für knapp 7000 Haushalte. Seit der Erstellung des neuen Fischaufstiegs 2010 ist der Strom vom Letten nature star zertifiziert. Für einen Zweipersonenhaushalt ist der ökologische Strom pro Monat rund 8 Franken teurer als das billigste Stromprodukt der EWZ.
www.lettenstrom.ch

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